Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 12 (15.6.1932)
- Date
- 1932-06-15
- Page
- Seite 187 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 187 Vereine Lisl Löffler Unsere liebe, treue Mitarbeiterin Lisl Löffler ist nicht mehr. Am 30. Mai ist sie ihrem schweren Leiden erlegen. Trotz Krankheit hat sie bis in ihre letzten Lebenstage ihre Kraft unserer Arbeit gewidmet. Lisl Löffler hat schon, als siebzehnjähriges Mädchen in unserm Kindergarten gearbeitet; schon damals mit einer Hingabe und Begeisterung wie selten freiwillige Helferinnen eS tun. Im Laufe der Jahre ist sie immer mehr und mehr in den ganzen großen Aufgabenkreis hineingewachsen. Sie hat am Aufbau der Jugendfürsorge unserer Gemeinde in hervorragender Weise mitgewirkt. Die Gründungen des Kinderheims an der Antonienftraße, des Lehrlingsheims an der Wagnerstraße, das die Israelitische Iugendhilfe gemeinsam mit der München-Loge geschaffen hat, des Mädchenheims am Kaiserplatz — all diese Schöpfungen, die heute wichtige Faktoren unserer gemeindlichen Wohlfahrt sind —, haben Lisl Löffler unendlich viel zu verdanken. Mit ihrem klaren, gesunden Urteil, mit ihrem Organisationstalent hat sie es immer verstanden, über Schwierigkeiten hinwegzuhelfen. Mit offener Hand hat sie gegeben — stillschweigend, ohne daß man erst an sie herantreten mußte. Keinen Dank, keine Anerkennung wollte sie. Schlicht und bescheiden stand sie an ihrem Platz, immer bereit, immer gütig, immer frohen Mutes. Nun ist sie viel zu früh von uns gegangen, diese edle, prächtige Frau. Ein Denkmal hat sie sich selbst gesetzt durch ihr Wirken - ihr Andenken wird ewig fortleben in der Israelitischen Iugendhilfe. Israelitische Iugendhilfe E. V. Verband jüdischer Frauen für Palästinaarbeit. Eine Ausstellung kunstgewerblicher Handarbeiten aus Palästina, veranstaltet vom Verband jüdischer Frauen für Palästinaarbeit, zeigt Mittwoch bis Freitag, 15.—17. Juni, im WDH, Rindermarkt 22, Kinderlleidcr, Strandanzüge, Decken und kleine Geschenkartikel in Rohseide und arabischem Krepp, die sich durch Schönheit und Qualität, Dauerhaftigkeit und Zweckmäßigkeit auszeichnen. Die Preise sind sehr niedrig gehalten. Besichtigung ohne Kaufzwang erbeten. Deutschjüdischer Arbeitskreis München Am Mittwoch, den 22. Juni 1932 abends SK Uhr findet in den Räumen der Gesellschaft Concordia, Prannerstraße 4, ein Ausspracheabend des deutsch jüdischen Arbeitskreises statt über das Thema „Religiöses, nationales und klassenbewußtes Judentum". Die Aussprache dient der Auseinandersetzung mit Ernst Simon, Kurt Blumenfeld und Otto Heller. Sie wird durch Herrn Dr. Werner Cahnmann eröffnet. Herr Dr. Alfred Werner hat gleichfalls seine Teilnahme zugesagt. Die ganze jüdische Jugend Münchens ist freundlichst eingeladen (vgl. Inserat in der gleichen Nummer). Mensa des jüdischen Frauenbundes, Ortsgruppe München. Der Frauenbund hat seit einiger Zeit die Mensa beiMinna Hahn, Mathildenstraße 9/II, aufgehoben. Der „Privat-Mittagtisch" Mathildenstraße 9/IX bleibt weiter in der bisherigen Weise bestehen. vücderschau Der deutsche Katholizismus im Zeitalter des Kapitalismus. Don Professor Wilhelm Schwer u. Dr. Franz Müller. Augsburg 1932, Literar. Institut von Haas u. Grabherr. 224 Seiten. Brosch. NM. 5.50, Leinen RM. 4.50. Es ist sicher kein Zufall, daß die Krise des Kapitalismus, in der wir heute stehen, die Blicke wieder auf die Gesellschaftskritik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lenkt. Wir erleben nicht nur eine Wiedergeburt Marxens, sondern auch eine der Frühsozialisten und der christlichen Sozialreformer jener Zeit. Ihre Auseinandersetzung mit dem auskommenden Hochkapitalismus trifft sich im Negativen wie im Positiven vielfach mit den Problemen unserer Tage. — Mag nun auch das Gedankengut der Frühzeit des Sozialismus schon weithin wieder erschlossen sein, so fehlte es doch bisher sehr an Darstellungen der Anfänge der katholisch-sozialen Bewegung. Mit einer soeben bei Haas u. Grabherr in Augsburg als 6. Band der Sammlung Kirche und Gesellschaft, soziologische Veröffentlichungen des Katholischen Akademikerverbandes, herausgegeben von Ferd. Kirnberger und F. 3£. Landmesser, erschienenen Studie will Franz Müller das Interesse für jene Vorgänge wieder wecken, oder richtiger: dem erwachten Interesse ein anschauliches Bild jener Zeit und jener Gedankengänge bieten. Er zieht es vor, ihre Vertreter hauptsächlich selbst sprechen zu lassen. Dabei tritt die Kritik, die sie an Industrialismus und Kapitalismus geübt haben, besonders hervor. Das war allerdings auch die starke Seite der Bader, Jörg, Pilgram usw., während der positiven Ansätze, wie Müller zeigt, nicht allzuviele sind. Immerhin zeigen gerade die damaligen ernsten Bemühungen um ein berufsständisches Gesellschaftsprogramm, daß die neueren Bestrebungen (Theodor Brauers und anderer) um einen Wiederanschluß an die christlich-soziale Tradition auf rechter Fährte sind. Mit dieser ideengeschichtlichen Studie verbindet sich glücklich eine in ihrer Art ebenfalls neuartige Untersuchung über die wirtschaftliche Lage des katholischen Volksteils in Deutschland vor dem letzten großen Aufstieg des Kapitalismus im 19. Jahrhundert, die Universitätsprofessor Dr. Wilhelm Schwer zum Verfasser hat. Das Ergebnis ist die interessante Tatsache, daß schon die Wirtschaftspolitik der katholischen Regenten und geistlichen Staaten des 18. Jahrhunderts nicht nur die spätere auffallende wirtschaftliche Unterlegenheit weiter katholischer Dolksteile vorbereitete, sondern indirekt mitbestimmend war. Die stärkere Zurückhaltung gegenüber der neuen kapitalistischen Wirtschaftsreform gab der katholischen Sozialpolitik andererseits aber auch den Ausartungen des kapitalistischen Systems gegenüber eine um so größere innere Freiheit und äußere Unabhängigkeit. F. M. Feller: Antisemitismus. Versuch einer psychoanalytischen Lösung des Problems. Verlag des Archivs für angewandte Psychologie. Berlin 1931. Eine Schrift, die mehr enthält, als ihr geringer Umfang verspricht. Der auf dem Boden der Lehre Sigmund Freuds stehende Verfasser geht aus von dem Unterschied zwischen Kultur und Zivilisation. Eine nicht neue Unterscheidung! Bekanntlich spielen diese beiden Begriffe in der Gedankenwelt Thomas Manns eine entscheidende Rolle. Nach Feller ist die Zivilisation die Summe aller Tätigkeiten, durch welche sich der Mensch im Kampf um das Dasein (gegen die NaMrkraft) materielle Vorteile sichert. Kultur ist die Summe aller Tätigkeiten, durch welche sich der Mensch jenseits von materiellen Interessen einen seelischen Lustgewinn sichert. Zivilisation ist Naturwissenschaft, Technik, Kulttw ist Literatur, Malerei, Skulptur, Musik. Zivilisation ist Triebverdrängung. Kultur ist Triebbefreiung. Feller geht also von der bekannten Freudschen These aus, daß Kunst eine Sublimierung (— Verfeinerung) der libido (— Streben nach geschlechtlicher Befriedigung) darstelle. Während die arischen Völker der Zivilisation (— Triebverdrängung) ablehnend gegenüber stehen, hat der Jude sich die Zivilisation beinahe restlos zu eigen gemacht. Typisches Beispiel einer arischen „Zivilisation" ist die griechisch-römische, welche nur dadurch möglich wurde, daß es in ihr das Institut der Barbarei gab, wodurch die große Summe der Triebbeschränkungen den Sklaven auferlegt wurde. Durch das jüdische Christentum wurde die Sklaverei aufgehoben und damit die griechischrömische Zivilisation zerstört. Der Arier hat aber nie das Christentum innerlich akzeptiert. Es blieb unrealisiertes Ideal. Die arische Welt sträubt sich gegen die Triebverdrängung und mindestens die jeweils herrschenden Schichten bemächtigen sich immer von neuem der Triebfreiheit! Im Gegensatz hiezu ist der Jude der Mensch der Zivilisation, und damit der Organisation und des Kollektivismus, der sozialen Einstellung und der Unterdrückung der Triebe. Trotz seiner hervorragenden Zivilisation oder vielmehr gerade deswegen hat der Jude auch eine hochentwickelte