Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1932
- Issue
- 6 (15.6.1932)
- Date
- 1932-06-15
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Nr. 6 Es werden geprüft: im I. Abschnitt Religionslehre, Deutsche Sprache, Mathematik, Geschichte, Physik, Theorie des Synagogendienstes; im 2. Abschnitt theoretische und praktische Pädagogik, Musik, Turnen und englische Sprache. II. Die Lehrordnung (nLO) In der nLO. kommt der pädagogische Materialismus reichlich zu seinem Recht. Cs erscheint sogar fraglich, ob in allen Fächern die Fülle des Stoffes in dem Maße bewältigt werden kann, wie es die nLO. angibt. Sicherlich handelt cs sich hierbei um ein Maximal- Programm. Bei der Lehrerbildung kommt es auch sehr darauf an, präsentes Wißen zu vermitteln. Desienungeachtet zeigt die nLO. deutlich das Bestreben, dem Arbeitsprinizp Rechnung zu ttagen. Dies ist vor allem aus den ausführlichen methodischen Bemerkungen ersichtlich, die den Stoffplänen für jedes Fach vorausgehen. Der Deutschunterricht wird zum Kulturunterricht. Der Unterricht im Aufsatz erstrebt nicht nur den sicheren Gebrauch der Muttersprache, sondern soll darüber hinaus die Fähigkeit zur Gestaltung eigener seelischer Inhalte und das Bedürfnis nach sprachlich-stilistischen Gesialtungserlebnisten wecken. Daher nimmt auch die Darstellungskunde breiten Raum ein. Sie führt in aufsteigender Linie von Wortschatzübungen zu Stilkritik und Stilvergleich nach kulturgeschichtlichen Perioden und Ausdrucksgattungen. Innige Pflege erfährt die Sprache als Laut- und Spracherlebnis; wobei Sprachtechnik und Vorttagskunst teilweise durch den Gesangsunterricht nach der formalen Seite hin unterstützt werden. Auch die sprachgeschichtlichen Betrachtungen im Zusammenhang mit der mittelhochdeutschen Lesung sollen nicht am Gammatischen haften bleiben, sondern Erkennmiste der gesellschaftlichen und kulturgeschichtlichen Hintergründe der Sprachentwicklung vermitteln. Mit Geschichte des Schrifttums wird nach der nLO. schon in der 3. Klasse begonnen. Hierdurch kann in der 5. Klasse die sogenannte 2. Blütezeit der deutschen Dichtung ausführlicher behandelt werden, wobei neben der Klassik nun auch die Romantik ihre gebührende Stellung erhält. In der 6. Klasse ist neben den Aufsatzübungen eine pädagogische Jahresarbeit anzufertigen. Hierdurch werden die Schüler auch an die Bewältigung größerer Darstellungsaufgaben gewöhnt, die in ihrer Art den späteren Konferenzaufgaben ähneln. Der Bildungsweg des Völksschullchrers erhält dadurch, daß nach der nLO. die englische Sprache^ als Pflichtfach eingeführt wird, in einschneidender Weise eine neue Richtung. Die Zielstellung ist freilich nicht so weitteichend wie die der höheren Schulen. Cs wird Unterweisung in den wichtigsten grammatischen Erscheinungen, gründliche Lautschulung, Vermittlung eines ausreichenden Wortschatzes zur Erreichung einer gewissen Fertigkeit im Gebrauch der fremden Sprache verlangt. Die Lesung von Schriftwerken soll in den Dienst der KulMrkunde tteten. Bei der verhältnismäßig geringen Stundenzahl, die dem englischen Unterricht an der Lehrerbildungsanstalt zur Verfügung steht, stellt dieser hohe Anforderungen an die Auffassungsgabe und Selbsttätigkeit der Schüler. Die Aufgabe des Geschichtsunterrichtes ist nicht in erster Linie die Vermittlung von Einzelstofs; vielmehr sollen die Grundlagen geschichtlicher Bildung, verstanden als Fähigkeit, geschichtliche Sinneinheiten zu erfassen, bis auf die Gegenwart herab vermittelt und zum Staatsbewußtsein erzogen werden. Damit die Staatsbürgerkunde ausführlich behandelt werden kann, ist der Stoff der 5. Klasse erweitert, sodaß die 6. Klasse sich tatsächlich mit den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart beschäftigen kann. Vielmehr als bisher wird das Weltgeschichtliche betont, insbesondere die Weststaaten und ihre überseeischen Gebiete. Der Unterricht in der Erdkunde wird von nun ab auf 4 Jahre beschränkt, findet allerdings im 5. Jahre eine teilweise Fortsetzung im Mathematikunterricht. Sein hauptsächlichster Inhalt ist die Länderkunde; jedoch auch hier ist das Vielerlei der erdkundlichen Erscheinungen zu landschaftlichen und länderkundlichen Lebensgemeinschaften zusammenzufassen, um das Bild eines organisch-genetisch-dynamischen Ganzen entstehen zu lassen. Naturwissenschaftliches und geschichtliches Wissen sollen im Erdkundeunterricht auf einander bezogen und somit der Sinn für den Zusammenhang zwischen Mensch und Natur erweckt werden. Das Lehrverfahren gründet sich weitgehend auf Selbsttätigkeit des Schülers. Bei der Zielsetzung des Unterrichtes in Mathematik wird neben den .Lehraufgaben, die'sich aus der Natur des Faches ergeben, das Prinzip der formale »Schulung betont, was in einer lateinloscn Schule durch kein anderes Fach in diesem Maße geschehen kann. Durch Querverbindungen zu Physik, Chemie, Biologie, Erdkunde und Astro- 1 Von der neuerlichen Umstellung des neusprachlichen Unterrichtes auf das Französische wird die Lehrerbildungsanstalt nicht bettoffen. nomie soll Wirklichkeitsnähe erreicht werden. Dem höhergesteckten Ziele entspricht auch ein bedeutend erweiterter Lehrstoff. Der bisherige Stoff wird bereits nach 4 Jahren bewältigt, das 5. Jahr bringt neu Gleichungen 3. Grades mir einer Unbekannten, den binomischen Lehrsatz,' Elemente der Wahrscheinlichkeitsrechnung, Stereometrie und sphärische Trigonometrie (letztere als Fortsetzung des Erdkundeunterrichtes). Der Bildungswert des naturwissenschaftlichen Unterrichtes besteht nicht nur in der Vermittlung von Kenntnissen, sondern durch die Beschäftigung mit der Natur sollen die Sinne geschärft, das klare Denken geschult, Sorgfalt und Sachlichkeit erzogen und durch ehrfurchtsvolle Versenkung in die Natur Erkenntnisse für die eigene Lebensführung gewonnen werden. Natürlich muß diese Versenkung in die Natur von religiösem Erkenntnisdrang getragen sein. Dies gilt insbesondere auch für den neuen Biologieunterricht in der 5. Klasse. Hierbei wird weltanschaulich eine gewisse Zurückhaltung inbezug auf die Übertragung biologischer Beziehungen auf soziale menschliche Verhältnisse zu walten haben. Der Unterricht in Naturkunde wird nach der nLO. in ungebrochenem Zuge von Klasse 1 bis 5 durchgeführt. Klasse I bis 3 behandeln wie bisher Tier- und Pflanzenkunde, Klasse 4 die Lehre vom menschlichen Körper (bisher Gesundheitslehre in der 6. Klasse), Klasse 5 die allgemeine Biologie. Bei Physik und Chemie werden stärker als bisher der Schülerversuch und die praktischen Anwendungsgebiete betont. Im Zeichnen wird die Darstellung aus innerer Anschauung und im Zusammenhang damit das Formgedächtnis mehr als bisher betont; das Projektionszeichncn dagegen tritt mehr in den Hintergrund. Methodisch neu einbezogen ist der Scherenschnitt, das Modellieren und ähnliches als Hilfsmittel zur Formerfassung. In den oberen Klassen soll die Psychologie der Kinderzeichnung an Hand von Beispielen untersucht werden. Der Zeichenunterricht dient ferner den. Aufgaben der Kunsterziehung. Beim Musikunterricht hat das Violinspiel seine dominierende Stellung eingebüßt. Dafür ist das Pflichtstundenmaß für Klavier in den unteren Klassen erhöht, in der 5. und 6. Klasse wird dieser Unterricht als Wahlfach weitergeführt. Hierin zeigt sich die mehr akkordliche Einstellung der nLO. Der Hauptunterschied zwischen aLO. und nLO. beruht im wesentlichen darauf, daß nunmehr der auf der Grundlage alles musikalischen Erfassens, und Denkens aufgebaute Zusammenhang der einzelnen Fächer untereinander betont wird. (Fortsetzung folgt.) Vereinsmitteilungen 1. Vor einigen Wochen verstarb im 81. Lebensjahre die Lehrerswitwe Karoline Sch w a r z in Binswangen. 2. Zur Mitgliederversammlung wird vom Vereinskassier der Antrag gestellt: „In § 9 der Vereinssatzungen ist das Wort „sechs" durch „drei" zu ersetzen. 3. Die Kollegen Roberg (Thüngen) und B e r l i n g e r (Hörstein) stellen folgenden Antrag: Der Lehrerverein beauftragt die Obmänner der Bezirkskonferenzen, Kurse zur Einführung in die hebräische Sprache einzurichten und für die Auswahl geeigneter Kursleiter Sorge zu tragen. Bei diesen Kursen sollen auch methodische Anleitungen und Hinweise für den Unterricht gegeben werden. 4. Unter Hinweis auf § l 2 unserer Satzungen bitten wir dringend um Einzahlung der demnächst fällig werdenden zweiten Rate des Mitglicdsbeitrages. 5. Auch an dieser Stelle bitten wir die Mitglieder um recht zahlreiches Erscheinen zur Mitgliederversammlung. Die Abhaltung der Versammlung ist gerade in dieser Zeit eine dringende Notwendigkeit und es muß als Ehrenpflicht eines jeden Kollegen angesehen werden, daß er zur gemeinsamen Beratung sich mit uns zusammenfindet. München, den 8. Juni 1932. M. N o s e n f e l d. M. Adler. Bezirkskonferenz Fürth. Nächste Konferenz Sonntag, 3. Juli. Blumenthal. Fortbildungstag für Praktikanten Sonntag, den 3. Juli, findet in der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Würzburg unter Leitung des Unterzeichneten für die Schulpraktikanten die alljährliche Konferenz zur Fortbildung in der Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes statt. Beginn: Vorm. Vi\\ Uhr. Thema: Die Psalmen des Gebetbuches im Religionsunterricht. Stoll. Einzahlungen im April-Mai 1932 Von: Berlinger, München 5.—, Samuel, Homburg 15.—, S. Kissing er, Würzbürg 7.50, Sttauß, Frankfurt IO.—, Berlinger, München 5.—, Weil, Hof 25.—, Levite, Gunzenhausen 12.50, Stolberg, Würzburg 25.—, Grünfeld, Heidingsfeld 15.—, Sttauß, Eichstätt 15.—, Rosenbaum, Ingolstadt 25.—, I. Kissing er 12.50, F. Kissinger, München 12.50. Würzburg, 1. Juni 1932. Postscheck-Konto: Nürnberg 6479. M. Hellmann. Für den Inhalt der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München