Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-06-15 · 12 (15.6.1932) · p. Seite 183

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
12 (15.6.1932)
Date
1932-06-15
Page
Seite 183 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2727950-2727962--08643-2741853
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 183 hat: „Ein Nichtjude schreibt hier über die Iudennot der Welt; nicht in Theorien am Schreibtisch, sondern indem er durch die Länder wandert und die Iudennot mit eigenen hellsichtigen Augen kennenlernt und mit der eindringlichen Lebhaftigkeit des französichen Reporters darftellt. Seine Reise beginnt im Londoner Whitechapel; von da geht sie nach Prag, Munkacs. Kischinew, Lodz, Warschau; sie endet in Ägypten und Palästina. Überall blickt ein ebenso erstaunliches wie ergreifendes Verstehen der jüdischen Seele bis auf den letzten, tiefsten Grund und fühlt mit dem oftjüdischen Luftmenschen in seiner Entwurzelung und seiner Sehnsucht, in seiner bürgerlich-sozialen Erniedrigung und seiner geistig-religiösen Würde und Kraft. Einen Höhepunkt der Darstellung nach Inhalt und Form bildet die „Rabbinerfabrik" in Warschau — die Talmudschule jener Hunderte und Tausende „junger Gehirnakrobaten, die vor Luft am Denken fiebern. Sieben Jahre bleiben sie in dieser Atmosphäre entflammten Denkens und arbeiten bis zur Erschöpfung, bis zum Irrewerden. Ein rührendes und großes Schauspiel, Respekt einflößend wie der Wahnsinn": nach diesen sieben Jahren verlassen sie die Schule als Dreiundzwanzigjährige im nämlichen Kleid, das sie mit achtzehn trugen, nachdem sie Tag für Tag einmal eine Armenmahlzeit eingenommen und Nacht für Nacht in den Löchern zugebracht haben, die ihnen die Händler von Nalewki, dem Iudenviertel Warschaus, als Entgelt für die Bewachung ihrer Läden einräumen. Und dann der grenzenlose Gegensatz: Palästina — Tel-Awiw — jesaianische Verheißung erfüllt (ob auch die Grundmauern nicht aus „Saphir und Jaspis", sondern aus prosaischem Eisenbeton sind) — der ewige Jude am Ziel! „Ein Wunder" hat sich vollzogen und wird von diesem nichtjüdischen Europäer ebenso ehrlich wie freudig bestaunt: „Ihr gekrümmtes Rückgrat hat sich aufgerichtet. Die Schultern aller haben die unsichtbare Last, die dieses Volk trug, von sich geworfen. Ich mache gar keinen Eindruck mehr auf sie." Um so herber und erschütternder, durchsetzt mit beißendem Sarkasmus, sind die nunmehr folgenden, dem „Blutpreis" gewidmeten Kapitel, den die palästinischen Juden im August 1929 den Arabern haben entrichten müssen. Ein kluges Resümee von echt französischem Esprit beschließt das merkwürdige Buch, in dem die Fehler nicht verschwiegen sind, die von jüdischer Seite in und außer Palästina gemacht wurden („Du warst ein Befehlshaber, der seine Feldzugspläne ins feindliche Lager schickt"), und die Schicksalsfrage: „Ewiger Jude, bist du am Ziel?" zwar offengelassen, aber nicht hoffnungslos verabschiedet wird. „Er ist wohl etwas bleicher", so faßt Londres seinen letzten Eindruck zusammen, „seine Stimme etwas weniger fest, seine Bewegungen etwas unsicherer, aber ins Bett hat er sich nicht gelegt. Und vor allem — er hat sich nicht einen Augenblick geduckt!" 5lus der Semelnde München Symphonie-Konzert des Jüdischen Kammerorchesters München Als Abschluß seiner diesjährigen Winterarbeit veranstaltet das Jüdische Kammerorchefter am Montag, dem 27. Juni, pünktlich halb 9 Uhr abends, im Museumssaale sein letztes Konzert. Die gründliche Reorganisation, die das Orchester unter seinem neuen Leiter, Kapellmeister Erich E r ck, erfuhr, hat sich vorteilhaft ausgewirkt; die Vereinigung steht jetzt technisch auf einer Stufe, die es ihr ermöglicht, auch an anspruchsvolle künstlerische Aufgaben heranzutreten. Auch numerisch hat sich das Orchester bedeutend vergrößern können, da ihm nunmehr eine ganze Reihe tüchtiger Inftrumentalisten aus allen jüdischen Kreisen als Stammitglieder beigetreten sind. Anläßlich seines letzten Chanukkah-KonzerteS und seiner Mitwirkung bei der Goethefeier deS Vereins zur Abwehr des Antisemitismus hat das . Orchester mit seinen Leistungen soviel Beifall und zuftimmende Anerkennung gefunden, daß es auch zu seinem nächsten Auftreten wieder regen Besuch und die einmütige Unterstützung des jüdischen Publikums erwarten darf. Gilt es doch, durch dieses Konzert den Fortbestand deS Orchesters zu sichern, der infolge der Wirtschaftskrise gefährdet ist. Das Orchester hat sich in kurzer Zeit zu einem so wesentlichen Faktor des Kulturlebens der Münchener Gemeinde entwickelt (auch in den „Münchner Neuesten Nachrichten" sind seine Leistungen rühmend hervorgehoben worden), daß seine Erhaltung im allgemeinen Interesse liegt. DaS Programm des nächsten Abends umfaßt nur klassische Werke. Es gelangen zur Aufführung: die Symphonie O-dur (genannt „Die Uhr") von Haydn, das Klavierkonzert e-moll von Mozart (am Flügel die Konzertpianiftin Ilse Hesse-Wallach), und die Zweite Symphonie von Beethoven. Unter Hinzuziehung einiger Berufsmusiker (Bläser) wird sich das Orchester in einer Stärke von 40 Damen und Herren präsentieren. Die Eintrittspreise sind wieder niedrig gehalten. Karlen zu 2.20 und 1.10 RM. sind im Vorverkauf in der Gemeindekanzlei, Herzog-Max-Straße 7/1, und in der Ewer-Buchhandlung, Ottostraße 2, sowie an der Abendkasse erhältlich. Kategoriekarten zu 70 Rpf. werden an der Abendkasse an Jugendliche abgegeben. Es sei noch darauf hingewiesen, daß für solche Musikfreunde, die nicht aktiv an der Arbeit des Orchesters teilnehmen können, die Möglichkeit besteht, dem Jüdischen Kammerorchester München als fördernde Mitglieder beizutreten. Der Jahresbeitrag beträgt 5 RM., wofür das Orchester freien Zutritt zu seinen Konzerten gewährt. Zuschriften sind an den Schriftführer Hermann Renka, Hans-Sachs-Straße 11, Tel. 297505, erbeten. Heinrich Schalits Hymnus „In Ewigkeit" (Opus 23) für fünfstimmigen gemischten Chor, Orgel, Harfe, Soloviolinc und Geigenchor (Dichtung von Iehuda Halevi, deutsch von Franz Rosenzwcig) kommt am 25. Juni im Bayerischen Sender unter Leitung von Prof. Zengcrle zur ersten deutschen Funk-Aufführung. Uraufführung einer Komposition von Paul Frankenburger innerhalb der 8. bayerischen Tonkünstlerwoche. 2m Rahmen der VIII. Bayerischen Tonkünstlerwoche (veranstaltet vom Münchener Tonkünstlerverein) erlebte Paul Frankenburgers „Pan", ein symphonisches Gedicht für Sopran und Orchester (Dichtung von Heinrich Lautensack) unter Leitung des Komponisten und Mitwirkung von F r i H i 2 o k l (Staatstheater) seine erfolgreiche Uraufführung. Frankenburger, der schon wiederholt in größeren kammermusikalischen und vokalen Werken Proben seiner starken schöpferischen Eigenart und seines hervorragenden Könnens gezeigt hat, legt auch in seinem neuen Werke beredtes Zeugnis ab von einer hohen, ungewöhnlichen Begabung. Diesmal entflammte sich seine Phantasie an der eigenartig mystisch-erotischen Traumdichtung Lautcnsacks, die durch die empfindungsstarke und ausdruckstiefe Vertonung in die Sphäre des Großen, Erhabenen gehoben wird. Die Musik zu „Pan" fesselt außerdem durch großen Stimmungszauber, durch ein in glühende Farben getauchtes Melos und Originalität der Erfindung; hierzu gesellt sich eine souveräne Beherrschung der modernen Orchestertechnik und ein angeborener und fein-kultivierter Klangsinn. Fernab allem künstlerischen Intellektualismus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.