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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1932-05-15 · 5 (15.5.1932) · p. Seite 9

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1932
Issue
5 (15.5.1932)
Date
1932-05-15
Page
Seite 9 (sequence 1)
Language
German
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Mrllmgen des JüDtfrtjett Lehrewereins für Sspern Schriftleitung: Max Adler, München 1932 München. 15. Mai Nr. 5 Wir bringen in dieser und in den nächsten Nunnnern unserer Mitteilungen eine Reihe von Aufsätzen von jungen Kollegen, die sich mit der Tätigkeit des Lehrers in den Gerncindcn beschäftigen. Wir empfehlen diese Arbeiten der besonderen Aufmerksamkeit unserer Leser und würden uns sehr freuen, wenn sie Grundlage einer recht regen Diskussion werden würden, zu der wir unsere „Mitteilungen" gerne zur Verfügung stellen. Die Schriftlcitung. Von der veschättigung des jungen jüdischen Neligionslehrers in der Kleinstadt Es hat seinen Reiz, Zeuge eines Tagesgespräches in einer jüdischen Landgemeinde zu sein, in der ein junger Lehrer nach bestandener Seminarschlußprüfung als Religionslehrer akzeptiert wurde. Man wird dabei die Wahrnehmung inachen, daß im Mittelpunkt der Unterhaltung die Frage steht, auf welche Weise dieser junge Herr seine freie Zeit wohl ausfüllen wird. Darüber werden verschiedene Vermutungen geäußert. Einig sind jedoch fast alle in der Befürchtung, daß es dem Beamten sehr langweilig und eintönig in dem kleinen Städtchen erscheinen wird und inan bedauert ihn aufrichtig, ob der geringen Abwechslung und Unterhaltung, die sich ihm hier bietet. Wie verhält cs sich nun tatsächlich mit diesen geäußerten Bedenken? Ganz unbegründet sind sie freilich nicht. Allein, gerade das, woran die meisten denken, ermangelt dem Junglehrer nicht und dasjenige, was er schmerzlich mißt, kann von ihnen naturgemäß nicht begriffen werden. Fortbildungsmöglichkeit und Anregung durch objektive Kulturgüter sind selbstredend überall vorhanden. Bedauerlich ist bloß der Umstand, daß es auf dem Lande nicht überall vorbildliche Kulturträger gibt, mit denen man Umgang pflegen kann. Dadurch entgeht einem jener eigenartige Bildungswert, der als Ausstrahlung einer überragenden Persönlichkeit auf die ganze Urngebung gedacht werden muß. Jeder Junglehrer, der eine Landstclle annimmt, weiß, daß er sich ein ganz behagliches Leben einrichten könnte, er weiß aber ebenso gut, daß dies nur auf Kosten seiner Zukunft und seiner geistigen Entwicklung möglich wäre. Deshalb sind für ihn zwei Gesichtspunkte maßgebend: Als erste Pflicht wird er cs betrachten, allen Obliegenheiten zu entsprechen, dieser seiner Gemeinde schuldet. Nicht nur in einer Weise, daß er sich die allgemeine Zufriedenheit erwirbt, sondern so, daß seine Leistungen in jeder Beziehung, auch objektiv, den Anforderungen entsprechen. Darüber hinaus wird er sich seine Bcurfsfortbildung angelegen sein lassen, denn eine Vernachlässigung derselben würde eine allmähliche Rückständigkeit herbeiführen, die ihm selbst am meisten schadet, die sich aber auch zum Schaden der Gemeinde und insbesondere der Heranwachsenden Jugend auswirken würde. Wenn wir den ersten Gesichtspunkt einer näheren Prüfung unterziehen, dann koinmen wir zmn Ergebnis, daß es schon eines ziemlich großen Müheaufwandes bedarf, um allen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinde voll zu entsprechen. Nicht nur unter der Voraussetzung, daß man mit äußerster Gewissenhaftigkeit seine Pflichten erfüllt, sondern schon deshalb, weil die Kritikfähigkeit des kleinstädtischen Juden weit größer ist als man im allgemeinen annchmen möchte. Hiefür könnten zahlreiche Beispiele angeführt werden, die beweisen, daß die Gemeinden durchaus nicht so anspruchslos sind, als inan mitunter anzunehnren geneigt ist. Das äußert sich auch bei ihrer Stellungnahme zu den allwöchentlichen Schiurvorträgen. Früher benützte der Lehrer für dieselben ein Musarwerk oder er trug einige wichtige Vorschriften aus dem Kizzur-Schulchan-aruch von S. Ganzfried vor, lernte mitunter einige Mischnajoth und erläuterte bereu Inhalt. Heute hat sich in dieser Hinsicht auch in den ländlichen Gemeinden vieles grundlegend geändert. Der schlichte religiöse Sinn hat einer kritischen sachlichen Einstellung Platz gemacht und das Verständnis für den gesetzlichen Teil des Judentums ist gesunken. Will man also dieser, dem Judentum überdies entfremdeten Generation doch etwas bieten, so bleibt nur ein sorgfältig ausgewählter Teil aus dem Stoffgebiet der Agadah, einzelne Kapitel aus der Halachah, markante Epochen aus der jüdischen Geschichte u. ä. übrig. Es ist also durchaus nicht leicht, für den Schiur etwas Geeignetes ausfindig zu machen. Gründliche Vorbereitung, Studium des einschlägigen Schrifttums und passende Darstellungsformen sind erforderlich. Die Zuhörerschaft urteilt zwar rein gefühlsmäßig, trifft dabei aber oft das Nichtige und man muß allenfalls dieser Stimmung Rechnung tragen. Gilt es, bei außerordentlichen Anlässen eine kleine rednerische Leistung zu vollbringen, dann ist natürlich die Urteilsfähigkeit des jüdischen Publikums noch weit größer. Überblickt man diese Einzelheiten, dann kann man fcststcllen, daß sich der Junglehrer in einer Landgemeinde nicht mühelos die allgemeine Zufriedenheit erwerben kann. Doch das allein ist und darf für ihn auch nicht das einzig Erstrebenswerte sein. Denn der jüdische Beamte hat auch viele Obliegenheiten zu erfüllen, die der Laie nicht einzuschätzen weiß und mitunter völlig verkennt. Welchen Mühcaufwand z. B. ein korrektes „Leienen" verursacht, kann er natürlich nicht begreifen. Auch mit dem Religionsunterricht verhält es sich ähnlich, insofern als auch hier gute Leistungen nicht die gebührende Anerkennung finden. Im Gegenteil, in religiös indifferenten Gemeinden stößt man sogar oft auf den Widerstand der Eltern, wenn man cs versucht, den Kindern das Höchstmaß an religiösen Wissens- und Erlebnisstoff zu vermitteln. Bestenfalls aber verhalten sich die Eltern ziemlich passiv und den Kindern entgehen große religiöse Bildungswerte der häuslichen Erziehung, für die es keinen Ersatz gibt. Als zweiten Gesichtspunkt, der für den Junglehrer maßgebend sein »ruß, nannten wir die Berufsfortbildung. Zu diesem Zwecke ist cs erforderlich, an einer Elementarschule zu praktizieren, das heißt beobachtend und selbsttätig am Unterricht teilzunchmen. Die selbsttätige Unterrichtswcise, die in einem Jahre in der Erteilung von wöchentlich mindestens zwei, in den nächsten Jahren in Übernahme ganzer Unterrichtsfächer besteht, erfordert schriftliche Ausarbeitung der gehaltenen Lektionen. Außerdem ist der Junglehrer verpflichtet etn Lehrtagebuch zu führen und hat im ganzen so ziemlich die gleichen Pflichten wie ein fest angestelltcr Volksschullchrer. Darüber hinaus ist er angehalten, an den Fortbildungskonferenzen teilzunehmen, mit denen wieder eine Fülle von Arbeit verknüpft ist. Jede Konferenz (es gibt deren fünf im Jahre) erfordert die Anfertigung einer aufs gründlichste ausgearbeitetcn Lektion. Mehrere Teilaufgaben aus der Methodik müssen zum Vortrag vorbereitet und studiert werden und schließlich wird alljährlich eine große Arbeit aus der theoretischen Pädagogik angefcrtigt, die ein gründliches Studium der ganzen einschlägigen Literatur zur Voraussetzung hat. Die Anstcllungsprüfung, auf die jeder Junglehrer letzten Endes hinarbciten muß, erfordert selbstverständlich auch eine planmäßige Vorbereitung. Erwägt man noch, daß der junge jüdische Lehrer aus dem Lande in gesellschaftlicher Beziehung, ferner auf dem Gebiete sozialer Fürsorge und Abwchrarbeit manches zu leisten hat, daß er es auch als selbstverständliche Pflicht betrachtet, in den jüdischen Wisscnsfächcrn Fortschritte zu machen, so ist cs klar, daß er ein reiches Arbeitsfeld hat, von dem der Außenstehende gewöhnlich nur herzlich wenig weiß. K. in Oe. kebräiscber Sprachunterricht im Sinne des ttrbeitsprinzips in der einkiasjigen Volksschule Von Julius R o b e r g (Thüngen) Fast sieben Jahre sind es her, seit Kollege Hirnheimcr (Würzburg) vor der Versammlung des Israelitischen Lehrervereins in Bayern ein Referat hielt über das Thema: „Hebräischer Sprachunterricht im Sinne des Arbeitsprinzips." Da man sich der großen Bedeutung des hebräischen Sprachunterrichts für den Religionsunterricht bewußt war, beschloß damals der Israelitische Lehrerverein, die Ausführungen des Referenten durch Druck einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich zu inachen. Es lohnt sich, am Ende eines Jahreszyklus einmal zurückzublicken, um zu sehen, inwieweit die Anregungen und Forderungen Hirnheimers auf die Entwicklung des hebräischen Sprachunterrichts, im Rahmen des Religionsunterrichts, befruchtend gewirkt haben. Sehr skeptisch stand anfänglich ein großer Teil der Lehrerschaft den modernen Forderungen gegenüber. In der Hauptsache waren cs ältere Kollegen, die sich mit den modernen Gedanken nicht befreundeten, da ihrer Ansicht nach im Laufe ihrer Lehrpraxis auf dem Gebiete des Religionsunterrichts auch nach der alten Übersetzungsmethodc gute Unterrichtserfolge erzielt wurden. Die Praxis sollte ihnen erst die Richtigkeitder Theorie beweisen. Aber auch viele der jüngeren Kollegen waren nicht leicht für die neuen Ideen zu gewinnen, da die Schwierigkeit der Umstellung sie abschreckte. Es fehlte jedoch auch nicht an Lehrern, die sich mit ganzer Energie für die neuen Gedanken einsetzten, und auch eifrig daran gingen, die theoretischen Forderungen in die

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