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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-05-01 · 9 (1.5.1932) · p. Seite 138

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
9 (1.5.1932)
Date
1932-05-01
Page
Seite 138 (sequence 10)
Language
German
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138 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 in einer Steinhöhlung unter der Treppe verborgen.... Wir standen im Keller, und während wir den Gang entlang blickten, dachten wir darüber nach, wie oft wohl schon „Kapital" durch diesen schwarzen Tunnel geflohen sein mag. Einer unserer Begleiter, ein Frankfurtermachte die Bemerkung, der Gang könnte wieder von Nutzen sein, wenn die Nationalsozialisten zur Macht gelangen sollten." — In München spricht Knickerbocker natürlich mit Spengler und Hitler, den beiden Feinden des Humanismus. „Ich fragte Spengler nach der unmittelbaren Zukunft Frankreichs und Deutschlands." Drei Stunden sprach Knickerbocker mit Spengler. „Wiederherstellung der Prosperität durch imernationale Kooperation", das sei die große Aufgabe, an der Amerika Mitwirken müste. Spengler sieht den Feind des Aufstiegs in der Herrschaft der Gewerkschaften, in den „politischen" Löhnen. Knickerbocker nennt Spengler „eine Autorität, was Ereignisse betrifft, die um Jahrtausende zurückliegen". Autorität für Zeitungsgläubige! Die Spezialkenner der Ereignisse, die um Jahrtausende zurückliegen, denken über diese „Autorität" anders. — Dann ging Knickerbocker zu Hitler, in eine seiner Massenversammlungen und darauf zur Privataudienz. „Hitler saß unter der Totenmaske Friedrichs des Großen, den Oswald Spengler den ,ersten Nationalsozialisten^ genannt hat." Was Spengler und Hitler dem amerikanischen Frager gesagt haben, wie ste die brennenden politischen Fragen erörtert haben, ist sehr lesenswert und für die Propheten des neuen Deutschland charakteristisch. Die Reportage, die eigentliche Aufgabe Knickerbockers, machte es für ihn nötig, die Ertteme in Deutschland zu untersuchen und sie seinen Lesern so lebenswahr wie möglich vorzuführen. Deshalb interessiert ihn für seinen Spezialzweck die Politik der Mitte, der Mäßigung, die der Kanzler Brüning vertritt, gar nicht. Hier sind die Grenzen dieses blendenden Eintag-Buches. Seiner sensationellen Kurzlebigkeit haben wir als deutsche Juden unser stärkeres Gcschichtsgedächtnis entgegenzusetzen. Dann kann auch Knickerbockers Reisebericht keine Unruhe schaffen oder höchstens die eines Nomanes von Wallace. F. Klärung. 12 Autoren und Politiker über die Judenfrage. Verlag Tradition, Wilhelm Kolk, Berlin 1932. Außer einer Zusammenstellung berühmter Nietzsche-Zitate aus „Der Antichrist" und „Zur Genealogie der Moral" enthält der Band die Äußerungen folgender Persönlichkeiten zur Judenfrage: Ernst Johannsen (geb. 1898, Verfasser der Erzählung „Vier von der Infanterie", als Tonfilm „Westfront 1918" allgemein bekannt, ferner des meistgespielten Hörspiels: Brigadevermittlung): Uber den Antisemtismus als gegebene Tatsache (gut daran, wie mit alten, abgestandenen und unwirksamen „Verteidigungen" der Juden aufgeräumt wird). — Friedrich Hielscher (geb. 1902, Verfasser des 1931 erschienenen völkischen Buches „Das Reich"): Reich und Israel (theologisch-metaphysische Bettachtung, nur im Zusammenhang mit Hielschers Hauptwerk, dem ersten dokumentarischen Werk über das Weltbild des Nationalismus, verständlich: „Israel ist das Seelentum der Sünde und der Erlösung", es ist staatsmännisch unfähig). — Richard Euringer (geb. 1891 in Augsburg, Vorstand des Nationalverbandes Deutscher Schriftsteller): Bekenntnis zur „Judenfrage"; der Verfasser steht leider in keiner Zeile zu seinem Vorsatz „Denn wir wollen doch nicht Geschwätz, nicht Hetze, nicht nur Diskussion, sondern Klarheit". — Max Naumann, (geb. 1875; Naumann ist der bekannte Führer des Verbandes nationaldeutscher Juden). Sein Beittag nennt sich: „Grüne Fragen und gelbe Antworten". Der Verfasser meint damit das Aneinander-Vorbeireden in den meisten Diskussionen über die Judenfrage. Naumann meint: Die Juden haben ihr geistiges Ghetto zu verlassen, sich der Umwelt zu nähern, kurz sich „zu entwickeln". Todsünde ist die Erhaltung der Eigenart; Naumann ist sehr ungehalten über die Juden: „Ihre hemmungslosen Freigelassenen-Manieren haben das Vorurteil der Außenwelt verstärkt und die Langsameren, Wertvolleren müssen es ausbaden." Der ärgste Antisemitismus in der ganzen Sammlung, die nicht überbietbare Verkennung der jüdischen Art. liegt vielleicht in der Wahl dieses Auffatzes und dieses Autors als jüdischen Repräsentanten. — Otto Heller (geb. 189? in Wien; der Verfasser des jüngst hier behandelten Buches „Der Untergang des Judentums"): Kommunismus und Judenfrage; Standpunkt des Marxismus- Leninismus zur Judenftage, aus dem genannten Werk Otto Hellers geläufig. — Friedrich Wilhelm Heinz (geb. 1899). Der vielen bekannte Nationalist: mit 16 Jahren Soldat; Somme, Flandern, Tankschlachten, Ehrhardtbrigade, Oberschlesien, Ruhrkampf, Feldberrn- Halle München 1923; sechsmal verhaftet, in 14 Gefängnissen Sttafvollzug studiert, selbst jedoch niemals bestraft worden; sein politisches Glaubensbekenntnis ist Hielschers „Das Reich"; Verfasser des nationalrevolutionären Buches: „Sprengstoff"; S.A.-Führer; seit 1929 in keiner Partei. Heinz konstruiert in seinem Beitrag „Die Ursachen des Antisemitismus" den „Assimilationsjuden" (als den er gleichmäßig den liberalen und den zionistischen Juden bettachtet) und häuft auf ihn alle Anklagen und alle Verachtung gegen Schmarotzertum und alle Gefühle der Abscheu gegen die „negative Dämonie verworfener Völker". Heinz wirkt wie der heutige Ludendorff, der in einem Delirium-ähnlichen Zustand Gespenster sieht und Wort-Orgien des Verfolggungswahnsinns seiert. — Cs folgt Hanns Johst (geb. 1890), der völkische Romanschriftsteller, mit dem Aufsatz „Volk im Volke". „Der Jude sollte sich aus sein Volkstum besinnen; ....dann brauchte er gar nicht die schöne und edle Übertreibung, die gläubige Utopie des Zionismus, dann könnte er als Einheit, als klar begrenztes Ethos und einheitliche Substanz neben uns Deutschen, mit uns wirksam sein." — Robert Weltsch (geb. 1891 in Prag, seit 1920 Redakteur der „Jüdischen Rundschau"). Wenn man über die Mitarbeit von Weltsch überhaupt hinwegkommt, wie alles, was Weltsch schreibt, eine sehr feine, würdige Erörterung des Problems „Judenfrage und Zionismus". Sehr gut die tiefere Erkennmis der „Gleichberechtigung" als ideologischer Fiktion, aber doch mehr eine „Entlarvung" des Wortes „Gleichberechtigung" als der dahinter liegenden Tatsache der allmählichen Aufnahme in den anderen neuen Kulturtteis! „Das Wiedereinstellen des Juden in die Kontinuität seiner Blutsgemeinschaft bedeutet den Anfang eines neuen Judentums in unseren Tagen". Nur der Zionismus führt zu einer Entzifferung des Zusammenlebens zwischen Juden und ihrer Umgebung. — Walther von Holländer (geb. 1892; der auch in München gut bekannte Roman- Dichter): „über die Judenfrage." Das Judentum ist nur durch bessere eigene Leistungen zu bekämpfen. — Wenn ein Streit zu schlichten wäre und ein Verständigungswille vorhanden wäre, gäbe es keinen vornehmeren, entschiedeneren und gescheiteren Schlichter. — Alfred Kantorowicz (geb. 1899; aus guten Beittägen in den Berliner links gerichteten Wochenschriften bekannt). Kantorowicz bekennt: „Nach mancherlei Fehlschlüssen bürgerlich-idealistischer Spekulation die jetzt gefestigte Erkenntnis, daß die totale Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse notwendig und sinnvoll nur auf der theoretischen und praktischen Basis des revolutionären Marxismus möglich ist." Seine „Liquidation der Judenfrage" unterscheidet sich daher wenig von der Lösung von Otto Heller. Sein Standort ist gegen die Antisemiten und gegen „Die bornierte Selbstgefälligkeit des jüdischen Kleinbürgertums" gerichtet. „Die Stickluft der konservierten Gesellschaftsbegrifse dieser jüdischen Kleinbürger, .... der schamlose Beziehungsmarkt, auf dem sie sich wohlfühlen, sie sind unerträglich." K. ist der Verfasser der guten Erlanger Dissertation (1923): „Die völkerrechtlichen Grundlagen des national-jüdischen Heims in Palästina"; sein Urteil über den religiös neutralen modernen westlichen Zionismus ist heute vernichtend (ähnlich wie der Otto Hellers). Die beiden letzten Beiträge sind von Hans Blüher („Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güte r") und von Graf R e v e n t - low („Nationalsozialismus und Judentum"). Blüher und Reventlow sind im Bestiarium des neudeutschen Judenhasses so oft beschriebene Exemplare, daß hier nur der Vollständigkeit halber auf sie hingewiesen sei. Die Taschenspielerstücke des jungen Verfassers der „Geschichte des Wandervogels", seine Gedanken über die „Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft" und der ärgerliche Bluff seiner „Aristie des Jesus von Nazareth" fanden früher großen Zulauf. Seine magische Geschichtsdeutung vom verderblichen Gang des jüdischen Geistes durch die Weltgeschichte sollte den jüdischen Geschichtsmagiern wie Kastein und auch Buber zu denken geben. — Einfacher die These Neventlows: Radikale Ausscheidung des Juden aus dem deutschen Leben, natürlich auf ttockenem Weg. — Man wird auch nach der Lektüre dieser Zwölf die Ruhe nicht verlieren. Man hat vier Juden und einen cbristlichen Judenfreund zu Worte kommen lassen, neben sieben Nationalisten. Eine Majorisieruna gibt es nicbt bei geistigen Entscheidungen. Von einer „Klärung" ist nicht die Rede. In dem endlosen Maskenzug der Tages- und Konjunkturbroschüren wird auch diese Gruppe: „Fünf Judenfreunde debattieren mit steben Judenfeinden — Begleitung von Friedrich Nietzsche" bald am Horizont spurlos verschwunden sein. Die „Judenfrage", ein ziemlich wüster Haufen dumpfer Mttthen, unausgegorener und unklarer Vorstellungen von einer angeblichen unheilvollen jüdischen Wirksamkeit, die bei Licht sich in nichts verflüchtigt, ist nicht zu verwechseln mit einem der großartigsten geistesqeschichtlichen Phänomene, nämlich mit dem Gang der Juden durch die Weltgeschichte. Damit aber befaßt sich die vorliegende „Klärung" nicht. F.

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