Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1932
- Issue
- 3 (15.3.1932)
- Date
- 1932-03-15
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen des Indischen Lehrernereins für Vspern Schriftleitung: Max Adler, München 1932 München, 15. März Nr. 3 Die erzieklicde Vedeulung des Nellgionsunterrickls Von Emil Liffgens (Memmingen) Sein Ziel erreicht er in der zweckmäßigen Übermittlung des religiösen Crziehungsgutes. „Dieses ist" — um mit dem Wortlaut der bayerischen Lehrordnung zu sprechen — „der stofflich gebundene Niederschlag" religiöser Werte und religiösen Lebens, „dem die Kraft innewohnt und der imstande ist, diese Kraft auf empfängliche Seelen, die mit ihm in Berührung kommen, zu übertragen." Der Religionsunterricht leitet auch an Hand der religiösen Stoffe die kindliche Erfahrungsreligion, die stch meist nur in verschwommenen und fantasiehaften Vorstellungen erschöpft, in die festere Form eines religiösen Anschauungsbildes. Ebenso wird auch das religiöse Gefühlsleben, das im Kind noch in träumerischer Nebelhaftigkeit zerfließt, in die Richtung gelenkt, von der aus werterfülltes Wollen seinen Antrieb nehmen kann. Bedeutung des Religionsunterrichts für die Vermittlung religiösen Wissensstoffes zum Verständnis der uns umgebenden Kulturwelt Cs scheint fast überflüsiig, zu betonen, daß jüdische Kultur und Kulturentwicklung nicht erfaßbar sind ohne Kenntnis jüdisch religiösen Wistensstoffes, denn das öffentliche Staats- und Rechtsleben u. a. innerhalb des Judentums empfingen ihre Norm und Richtung von der Religion, waren gestaltet nach dem in der Bibel niedergelegten Gotteswort. Was auch immer jüdische Bildung und jüdische Kultur in stch schließt, findet seine Grundlage in der Bibel. Aber auch der Anteil des Judentums an der Weltkultur ist ein solch bedeutender, daß selbst oberflächliche Kenntnis der allgemeinen Kultur jüdisch religiöses Wissen voraussetzt. Wir möchten im Zusammenhang damit darauf Hinweisen, in welch reichem Maße Ausdrücke und Redewendungen aus der Bibel in die Umgangssprache eingcdrungen sind. Eine Reihe von Einzelvorstellungen ist ständig im Munde des Volks. Man spricht von einem „Kainszeichen", schlecht wie Sodom und Gomorrha", „Fleischtöpfen Ägyptens", „Land fließend von Milch und Honig", „Uriasbrief", „Saul auch unter den Propheten?" „Hiobsgeduld" u. a. m. Wie wären zu verstehen die Schöpfungen der großen Dichter und Denker, der Maler und Tonkünstler ohne Kenntnis der biblischen Geschichte? Auseinandersetzung mit den Ergebnisien moderner Wisienschaft Es ist eine wichtige Forderung an den Religionsunterricht, sich mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft und besonders der Naturwissenschaft auseinanderzuseßen, eine Aufgabe, der der Religionsunterricht, besonders der höheren Klassen der Mittelschule, sich nicht entziehen darf. Unsere Jugend wächst auf in einem Kreis wissenschaftlicher und pseudowissenschaftlicher Erkenntnisse, die Mitwirken an der Gestaltung ihres Geistes- und Seelenlebens und ihre Lebensanschauung mitbestimmen. Cs wäre falsch — Hirsch nennt es sogar strafbar — wenn wir unsere Kinder mit einer auf Unkenntnis und Unwahrheit beruhenden Verachtung gegen alle nicht spezifisch jüdische Wissenschaft erfüllen wollten, um sie vor einer schädlichen Berührung mit ihnen zu schützen, abgesehen davon, daß der Lehrstoff der Schulen sie doch damit in Verbindung bringt. Wir halten cs sogar für die Bildung einer religiösen Lebensanschauung für erforderlich, und es ist ein dankbares Gebiet für den Religionsunterricht, wissenschaftliche und religiöse Erkenntnisse in das richtige Verhältnis zueinander zu setzen. Wir dürfen nicht Religion und Wissenschaft als nebeneinanderstehende Gebiete trennen. Dies ließe die Einheitlichkeit vermenschlichen Seele schon nicht zu, und steht auch dem Streben zur Bildung einer harmonisch-geschlossenen Persönlichkeit entgegen. Dem gegenüber kann der Religionsunterricht durch beseelte Betrachtung der Natur und ihrer Erscheinungen, die Ehrfurcht vor göttlichem Wirken und göttlicher Erhabenheit wecken und die religiöse Entwicklung fördern. Auch hat sich in der modernen Naturwissenschaft eine Wandlung vollzogen, denn sie erkennt heute an, daß hinter aller Ordnung und Harmonie und Gesetzmäßigkeit eine übersinnliche Macht steht. Wir stimmen mit Schorsch überein (Seite 93), wenn er der Auffassung Sprangers: „die Schöpfungsgeschichte ist schuld an einem ganzen Trümmerfeld religiöser Überzeugungen" cntgegcntritt. Der Religionsunterricht, von einem von religiöser Wahrheit durchdrungenen Lehrer erteilt — und nur dieser hat Erfolg —, gewinnt hohe Bedeutung, wenn er hinwcist auf die Grenzen menschlichen Wissens und Könnens. Die Wissenschaft hat noch lange nicht alle Rätsel gelöst. Diese Erkennmis den Kindern zu vermitteln, ist von besonderem Wert, weil sie dadurch angehalten werden, Unerforschliches still zu verehren und als gottgewollte Fügung hinzunehmen. Die erziehliche Bedeutung des biblischen Geschichtsunterrichts Es wäre dies gewiß ein Thema für sich; wir müssen uns aber im Rahmen unseres umfassenderen Themas auf kürzere Ausführung beschränken. Auch haben wir in unseren bisherigen Darlegungen schon verschiedentlich auf die diesem Lehrsache innewohnenden erziehlichen Momente hingewiesen. Niedergall rühmt die hohe Bedeutung des Alten Testamentes für die Entwicklung der Menschheit und die Erziehung des Menschen, deren „religiöser Grundakkord in ihm erklungen ist." In ihm hat sich Gott offenbart und Großes, Wahres und Edles der Menschheit mitgeteilt, an dem wir selbst groß, wahr und edel werden sollen und können. Die Verbindung des religiösen mit dem sittlichen Moment, also der Gedanke der religiös-sittlichen Persönlichkeit ist das Erziehungsideal, mit dem wir von dieser Richtung her das Kind emporführend beeinflussen. Sittliche Urteilsbildung Der biblische Geschichtsunterricht bringt vorbildliche Persönlichkeiten durch gefühlsbetonte Darstellung ihres Wesens und Wirkens und befähigt zu sittlichem Urteil. So in den Geschichten der Stammväter, wobei z. B. die Uneigennützigkeit Abrahams bei seiner Begegnung mit dem König von Sodom, die Entscheidung Abahams gegenüber Lot u. a. uns Anlaß geben können, diese als beispielgebend zu verwerten. Solche Wesenszüge lassen sich in den unteren Jahrgängen auch praktisch üben, indem man den Kindern die Aufgabe stellt, im Haus- oder Schulhof dem Brüderchen oder Schulkameraden ohne auf das Recht pochend nachzugeben. Wir gehen dabei von der Annahme aus, daß Übung und Gewöhnung wichtige Voraussetzungen zur Tat sind. In den höheren Klassen wird man auch auf solche Gedanken zurückgreifen und der Jugend an diesen sittlichen Vorbildern die Werte als erstrebenswert vorzeichncn, die außer dem reinmateriellen Streben liegen. Gerade unsere Jugend, die unter solch schwierigen wirtschaftlichen Verhälmissen aufwächst und die von Beispielen der Verzweiflung am Leben hört und liest, bedarf eines starken Haltes, eines Bewußtseins, daß das Leben noch höhere Werte in sich schließt, welche es lebenswert erscheinen lassen. Wir müssen dahin führen, neben der gewiß notwendigen Betonung irdischen Sttebens, daß jene inneren Werte an sich höher als Reichtum und Besitz geschätzt werden, „denn", wie Niebergall sagt: „in der Wertschätzung liegt das innerste Wesen eines Menschen und in der Erhebung seiner Wertschätzung von den gewöhnlichen sinnlichen Gütern zu den geistig-seelischen liegt das Wesen der Erziehung". Welch reichliches, für die Erziehung wertvollstes Material bietet uns die Person Moses! Bescheidenheit, Charakterstärke, unerschütterliche Gottergebenheit, unversiegbares Gottvertrauen; dies letztere eine Größe, welche man immer wieder betonen muß in einer solch materialistischen Zeit wie der heutigen. Selbstloseste Ergebenheit in Gottes Willen, aufopfernde Hingabe an das Göttliche sind die hervorstechendsten Züge seines Lebens, die sich in so hehrer Weise besonders dort zeigen, als das herbe Urteil ihn trifft, das Land seines Sehnens, das Ziel seines Lebens nicht erreichen zu dürfen. Cs ist hier unmöglich, im Rahmen dieser Ausführungen auf die unendliche Fülle von sittlichen Werten einzugehen, die von einem Mansche Rabbönu, von Moses, unserem Lehrer und anderen biblischen Gestalten aus uns überstrahlen. Die biblischen Stoffe sind, um mit Spranger zu sprechen, „geistgeladene Materie", die bei geeigneter Darstellung im Religionsunterricht Geist entzünden, das Gemüt bilden und den Willen befruchten. Dabei ist die Bibel lebenswahr und wirklichkeitsnah und zeichnet ihre Charaktere nicht als „Heilige", als unerreichbare Größen, sondern — bei aller Betonung ihrer sittlichen Höhe — auch mit ihren menschlichen Fehlern und Gebrechen, so daß, ihnen nachzustreben, wir wohl imstande sind. Das bedeutsamste Crziehungsbuch ist die Bibel und ihr Stofs muß erziehlich wirken, wenn er dargcboten wird von einen: Lehrer, dessen Persönlichkeit von religiösem Geist getragen und dessen Seele von der Kraft der Nibel erfüllt ist, und den pädagogisches und didaktisches Geschick auszeichnet. Im Zusammenhang damit soll aber noch ein weiteres Ergebnis erwähnt werden, das der biblische Geschichtsunterricht ermöglichen kann, nämlich die Erweckung natürlichen A h n u n g s v e r m ö -