Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 3 (1.2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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AachrichtenblaU üer Israelitischen Kultusgemeinüen in München/ Augsburg/ Hamberg unö üeS VerbanüeS Bayerischer Israelitischer Gemeinüen Vagerische Israelitische Gemeinöezeitung Erscheint am t. unö if. feöen Monats. — Verlag: L. Heller/ München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4-$o für üos plinganserstrasse ö4, Kernrus 75 6 64 unö 75665, Postscheck München 5987, Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Relchspfenntr Ächristleitung: Or. Luöwig Keuchtwanger/ München, Grillparzerstrahe Z8 Kamilienanzeigen, Stellengesuche unü ähnliche Angebote 15 Reichspfennlg vrn. Jahrgang MünMen, I. Februar Kr.z Inhalt: Albertus Magnus und Moses Maimonides — Die italienischen Juden geeint — Die staatlichen Leistungen an die Religionsgesellschaften in Bayern, — Georg Kerschcnsteincr — Momentaufnahme: James Joyce — Jüdischer Selbsthaß — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus bayerischen Gemeinden — Vereine — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: 5. Bekanntmachung über Kürzung der Beamten- und Angcstelltenbczüge — Bekanntmachung der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über Kürzung der Beamten- und Angestelltenbezüge — Personalia Albertus Magnus und Moses Maimonides Die päpstliche Bulle vom 16. Dezember 1931 über die Heiligsprechung Albertus des Großen gibt ein liebevoll ausgemaltes Bild von dem Leben und Wirken des größten deutschen mittelalterlichen Gelehrten (1193 — 1280). Seiner fast unbegrenzten literarischen Wirksamkeit wird in der Bulle ausführlich gedacht, in erster Linie seiner umfassenden naturwissenschaftlichen Werke, die sich in gleichmäßiger Gründlichkeit — nach dem Stand des damaligen Wissens — über Astronomie, Geographie, Meteorologie, Physik, Mechanik und Architektur verbreiten. Dazu kommen noch Werke über Chemie, Mineralogie, Anthropologie, Zoologie und Botanik, auch über praktische Künste, z. B. über Webkunft, Schiffahrt, Ackerbau usw. Albertus' besondere Bedeutung in der mittelalterlichen christlichen Wissenschaft ist in dem folgenden Abschnitt des päpstlichen Rundschreibens scharf umrissen: „Vor allem ist es Albertus Magnus Verdienst, das wissenschaftliche Eigengut vergangener Zeiten in unverdrossenem Arbeitseifer gesammelt und erforscht zu haben. Er schaltete aus, was sich Irriges darin fand, überprüfte nochmals alles und verwertete es dann geschickt zur Erläuterung und Verteidigung der Glaubenswahrheit. Besonders benützte er in diesem Sinne die Werke des Aristoteles, die gerade damals in Europa wieder an Ansehen gewannen. Das war nun aber um so bedeutungsvoller, da gerade der Aristotelismus durch falsche philosophische Interpretation zu einer großen Gefahr für den Katholizismus geworden war. Diese Gefahr hat Albert behoben. Mehr noch, er entriß jetzt seinen philosophischen Gegnern ihre eigenen Waffen, um dieselben im Kampfe für die Offenbarung gegen sie auszunützen. So ist er zum Führer geworden, in dessen treuer Gefolgschaft die Scholastik neue Wege ging, hatte Albert ihr doch die Schätze des echten Aristotelismus eröffnet und so deutlich und klar die wundersame Harmonie von Wissen und Glauben aufgedeckt. Albert ist hier Bahnbrecher. Sein liebster Schüler, Thomas von Aquin, folgte ihm und hat dann die Höhe der philosophia perennis und der Theologie erstiegen. Cs ist somit Albcrts rastloser Tätigkeit zu danken, wenn die gesamte und speziell die aristotelische Philosophie im Rahmen der übernatürlichen Offenbarung ein überaus wirksames und geeignetes Hilfsmittel der christlichen Theologie geworden ist. Sein ganzes intellektuelles Ringen und Streben mündete ja letztlich in dem Herzenswunsch aus, all das, was an Wahrheit, an Schönheit und an Vollkommenheit in der heidnischen Philosophie sich fand, zu erforschen, um es dann seinem Schöpfer, der da die erste Wahrheit, die höchste Schönheit und die wesenhafte Vollkommenheit ist, aufzuopfern und zu weihen. Er hat die Fesseln gesprengt, in welche der dominierende Primat der Heiden, der Mohammedaner und Juden das natürliche Wissen hineingezwungen hatte. Und wenn manche auch ernst denkende Zeitgenossen dieser heidnischen Philosophie wegen den aus ihr erwachsenen Mißbräuchen skeptisch gegenüberstanden und in ihr eine seelische Gefahr für das christliche Volk erblickten, so war es wiederum Albert, der diese Vorurteile zerstreute. Als wahrer Theologe hat er erkannt, daß auch im Wirken der Natur und der natürlichen Vernunft Licht vom ungeschaffenen Lichte durchschimmert, und der gründliche Denker darum nicht zu fürchten braucht. Unter allen mittelalterlichen Gelehrten darf sich also Albert in erster Linie rühmen, den Schulen seiner Zeit das Wissen und die Kultur der Antike vermittelt zu haben. Cr tat es in seiner großen Enzyklopädie, die aus den niedrigsten Begriffen in die höchste Theologie organisch auswächst. Und wenn daher bei den Alten die Rede ging, daß Albert alles wisse, was überhaupt wißbar sei, daß kein Wissensgebiet chm fremd sei (Pius II.), ja, daß man ihn als das staunenswerte Wunder seiner Zeit bezeichnen könne (Ulrich von Straßburg), so kann uns das nun nicht mehr überraschen. Und ebenso wenig darf es uns wundern, wenn ihm seine Zeit den Titel eines doctor universalis verlieh und in ihm die glänzendste Sonne unter allen Philosophen der gesamten Christenheit (Heinrich von Herford) bewunderte. Aber auch in unseren Tagen huldigt man Albert in ähnlicher Weise und zwar selbst in nichtkatholischen Kreisen, als dem großen Naturwissenschaftler. So nennt ihn beispielsweise ein Moderner den scharfsinnigsten Vorkämpfer der Naturwissenschaft im Abendland, der als erster diese Naturwissenschaft mit der christlichen Religion in Einklang brachte und die reichen Quellen griechischer Weisheit in sie hineinleitete, der als erster die Naturgeschichte der Kirchengeschichte als ebenbürtig zur Seite stellte, der als erster die Naturgeschichte in Deutschland wissenschaftlich bearbeitete, der als erster die verschiedenen Arten der geschaffenen Dinge auf eine morphologische Struktur zurückzuführen versuchte, der schließlich als erster und einziger eine einheitliche Naturgeschichte mit all ihren Cinzelbereichen schuf (Karl Jessen)." Für den Kenner der jüdischen Geiftesgeschichte ist in diesem Teil der Bulle der deutliche Hinweis auf den mächtigen Einfluß enthalten, den u. a. Moses Maimonides mit seinem philosophischen, arabisch geschriebenen Hauptwerk „Der Führer der Irrenden" (Moreh newuchim) auf den katholischen Scholastiker