Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1932
- Issue
- 1 (15.1.1932)
- Date
- 1932-01-15
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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pHitfeilungcn des lüSWen Lehmvereins für -aper» S ch r i f t l e i t u n g: Max Adler, München 1932 München, 15. Januar Nr. 1 Die erziekUcde Bedeutung des Religionsunterrichts Von Einil 2 t f f g e n § (Memmingen) Bei logischer Durchdenkung des uns zur Behandlung gestellten Thenras scheint uns die Llufgabe unabweisbar in kurzen Darlegungen von der Frage zu sprechen: Was ist und worauf gründet sich Religion? Wir wollen aber sprechen über die erziehliche Bedeutung der Religion und des Religionsunterrichts, wollen also wissen, nach welcher Richtung Religion und Religionsunterricht gestaltend wirken soll und werden deshalb auch kurz aufzcichnen den Begriff der Erziehung, um im weiteren darzulegen, welche Crziehungs- und Bildungswertc die Religion und der Religionsunterricht vermitteln. Religion schließt ein zweifaches in sich: einen subjektiven und einen objektiven Faktor. Nach der objektiven Seite ist die Religion Ausfluß der Göttlichkeit. Gott hat sich dein Menschen offenbart, ihm Wahrheiten, Lehren und Gesetze übermittelt, die ihn befähigen sollen, ihn zu sich emporzubringen. Gott hat den Menschen erschaffenhat ihm die Bestimlnung gesetzt, der sittlichen Vollkommenheit zuzustrcben, genräß der göttlichen Aufforderung: 'n \3s* trnp '2 vnn Q’tsnp der Heiligkeit Gottes ähnlich zu werden, hinzustreben zu Gott, dem Inbegriff aller Sittlichkeit. Ist uns doch die hebräische Bezeichnung für Gott „Kel" das Wort, das uns auch eine Richtung ausdrückt und nrit „Zu" übersetzt wird, auch der Ausdruck eines Zieles, zu dem zu gelangen unsere Bestimmung sein muß. In objektiver Hinsicht ist also die Religion eine von Gott gegebene Heilsordnung, die in sich schließt die Gesamtheit, aller religiösen Wahrheiten und Gesetze, welche Gott dem Menschen gegeben und zur Erkenntnis bringen mußte, damit er das Ziel seiner Bestimmung zu erreichen vermag und damit die Religion, wie Hirsch sagt, „von der Erkenntnis und Anerkenntnis objektiv dokuinenticrter Gotteswahrheit in das Gemüt des Menschen dringe, daß von hier aus die eine und dieselbe Wahrheit Geist und Gemüt, Leib und Leben bis in die äußerste Äußerlichkeit und materiellste Tätigkeit gestaltend beherrsche." Sie ist auch die Gesamtheit aller religiösen Institutionen und Symbole, die uns zur Betätigung aufgegeben sind, die in anschaulich lebendiger Weise durch unsere Sinne auf unser Inneres wirken, es veredelnd zu gestalten. Sie übt also erziehende Wirkung. Nach ihrer subjektiven Seite, nach welcher Religion vom Menschen zu betätigen ist, ist sie die Leistung alles dessen vom Menschen, was Gott auf Grund seiner Gesetze, auf Grund der objektiven Religion gebührt. Diese unsere Auffassung über Religion hat das Iudentunr fast inrmer und einheitlich vertreten, und auch die öffentliche Welt war von dieser Auffassung beherrscht und von der Bedeutung des Religionsunterrichts durchdrungen. Derngegenüber leugnet die moderne Auffassung fast bis in die neuere Zeit die objektive Seite der Religion und in Konsequenz dieser Auffassung auch zum Teil die Bedeutung des Religionsunterrichts. Ihr ist Religion allein , Sache des Gemüts; nur dieses ist die Quellstätte der Religion. Der Vater dieses' Gedankens ist Schlciermacher, der Religion als das Gefühl „schlechthinnigcr Abbängigkeit" bezeichnet. Das religiöse Gefühl kommt nach dieser Auffassung aus dem „Erleben" Gottes. In gleichem Sinn spricht Euken. „Religion beruht auf der Gegenwart des göttlichen Lebens im Menschen, sie entwickelt sich in Ergreifung dieses als des eigenen Lebens, sie besteht also darin, daß der Mensch im innersten Grund seines Wesens in das göttliche Leben gehoben und damit selbst einer Göttlichkeit teilhaftig wird." Nach dieser Anschauung entspringt religiöses Wissen dem Bedürfnis, das religiöse Erlebnis vorstellungsmäßig zu fassen und gedanklich zu forntuliercn; ist also Geisteserzeugnis des Menschen. Deshalb sind die religiösen Gesetze und die in einer gewissen Zeit als Ausdruck religiösen Ernpfindens zur Betätigung ausgestellten Symbole ebenso der Veränderung anheimgcgeben, wie der menschliche Geist sich weiter entwickelt und stets sich verändert. Sic können also keine Unterwerfung fordern, sind sogar wie von manchen radikalen Religionsgegnern dargetan wird, der sittlich nroralischen Auffassung der Zeit entgegen. Die Folgen dieser Einstellung für den Religionsunterricht sind bekannt. So verwirft Paul Barth jeglichen Religionsunterricht in unserem Sinne und verlangt Moral- oder Gesinnungsunterricht, losgelöst vom Wissens¬ und Bildungsgut der Bibel. Die Forderung der Beseitigung des Religionsunterrichts als eines nicht mehr zeitgemäßen Lehrfaches ist öffentlich erhoben in der Denkschrift der Bremer Lehrerschaft und den Zwickauer Thesen. Diese sehen die Hauptaufgabe des Religionsunterrichts nur darin, das Kind zu einem religiösen Erleben zu führen und lehnen die Übermittlung religiösen Wissens und systematischen und dogmatischen Unterrichts ab. Wir sehen, wie notwendig eine grundsätzliche Stellungnahme zu den Lehren vom Wesen der Religion und eine Darlegung unserer, dieser entgegenstehenden Auffassung ist. Denn aus ihr ergibt sich unser Urteil über den Wert und die Bedeutung des Religionsunterrichts. Vom Standpunkt unserer Religion sind diese Anschauungen zu verwerfen. Wir wollen gewiß nicht die Bedeutsamkeit religiösen Erlebnipes in Abrede stellen, wollen aber auch die Religion nicht nur im religiösen Erleben der Seele ausgehen lassen. Ebenso wie in der Entwicklung des israelitischen Volkes das Wirken Gottes durch Wundertaten und Allnrachtsäußerung erst die Seele des Volkes erschließen konnte, um göttliches Walten zu verstehen; wie erst die Ehrfurcht vor der Erhabenheit Gottes in sein Inneres dringen mußte, um die Voraussetzung zu sein, den göttlichen Willen zu begreifen durch seine Gesetze, denn n^ao pxT>; ebenso gewiß ist es aber auch, daß das Wissen von und die Erkenntnis der „objektiven dokumentären Gotteswahrheiten" aus dem Boden einer von Ehrfurcht erfüllten Seele echte Religiosität zu begründen vermögen. Wir stimmen mit Schorsch in seinem Buch „Lehrbarkeit der Religion" (S. 65) wohl überein, daß Ehrfurcht das Tor ist zu religiösem Erleben, fügen aber noch hinzu, daß der durch dieses Tor zum Ziele, zu fest verankerter Religiosität führende Weg die Erkenntnis und Anerkenntnis der Gottcswahrheit ist, damit hierdurch „das Gemüt ergriffen, das Derz bestimmt, und der ernste kräftige Wille erzeugt werde, das irdische Leben jenem Gottesdiktat zu gestalten. Die Religion gründet sich also nicht nur auf Gefühlsmomente, sondern auf die Erfahrung und das mit den Augen Erschaute: -y-'-' “HS „Dich habe ich sehen lassen, damit du wissest", sagt das Gotteswort. Aus der Welt der konkreten Tatsachen ruht die jüdische Religion, ist das Verhältnis, der Bund zwischen Gott und Israel und der Menschheit gegründet. Auf der Grundlage von Erkennmissen und tragenden Wahrheiten erhebt sich der Bau der Religion. „Verstand und tatkräftiger Wille sind die Potenzen der Religion, die aus Herz und Gemüt wirken und endlich in der sittlichen Tat ihren Ausdruck finden müssen." Mit dieser unserer religiösen positiven Einstellung sind wir der Auffassung, daß die Religion die erziehliche Macht darstellt, die Menschheit dem Idcalzustand entgcgcnzuführen, daß sie d i c Institution ist, die die stärkste Wirkung übt, den Glückzustand des Einzelnen und der gesamten Menschheit zu begründen. Wir leben jedoch in einer Zeit, in der dieser sicher sundamentierte Bau in seinen Grundfesten erschüttert wird, in der in bezug aus die erziehliche Macht der Religion und des Religionsunterrichts Fragen und Zweifel auftauchen. Selbst auch bei denen, die positiv zur Religion sichen, und die die Notwendigkeit religiöser Erziehung anerkennen, erheben sich Bedenken mancher Art, die die Überzeugung von der erziehlichen Bedeutung der Religion und des Religionsunterrichts mindestens schwächen. Cs scheint uns deshalb in der Gegenwart notwendig, derartige Probleme, die eine frühere Zeit nicht gekannt hat, — denn ihr war die Religion lebengestaltende und lebenbcherrschende Macht und der Religionsunterricht das Fach, von dem alle anderen Unterrichtsgcgenstände Licht und Glanz empfingen; es erscheint uns deshalb heute notwendig — und somit ist unser Thema sehr aktuell — die erziehliche Bedeutung der Religion und des Religionsunterrichts besonders zu betonen. Bevor wir uns den Crziehungswerten der Religion zuwcnden, ist es aber auch erforderlich, den Begriff der Erziehung wenigstens ganz allgemein zu fassen. Erziehung kommt von „erziehen" und dieses wiedermit von „ziehen". Dieses Wort drückt ein vorwärtsbringendes Einwirken aus, nach einer bcstinnnten Richtung. Die Vorsilbe „er" sagt uns, daß dieses Einwirken zu einem erstrebten Ziele hin erfolgt. Welches ist nun der Sinn und das Ziel der Erziehung? Alles Tun hat nur Sinn, wenn das Ziel die Erreichung eines Wertes ist, wenn es, wie Spranger sagt, „im Bezug auf Wertverwirklichung erfolgt". Das Ziel der Erziehung ist also auch nur der werterfüllte Mensch, die wertvcrwirklichcnde Persönlichkeit. Die Erziehung hat also den Zögling nrit Werten in Verbindung zu bringen, damit diese anregend und krästeschaffcnd auf ihn einwirken. Die Werte dürfen also nicht nur toter Besitz der Seele, sondern sie müssen in ihren Kraftstrom einge-