Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1931
- Issue
- 12 (15.12.1931)
- Date
- 1931-12-15
- Page
- Seite 31 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen des Indischen Lehrernereins fnr vspem Schriftleitung: Max Adler, München 1931 München, 15. Dezember Nr.12 vie erziebttcbe vedeulung des Neligionsunlerricdles Von Julius Kissinger, München Schluß Die Stärke der günstigen Rückwirkung des Gebetes auf die Seelcnlage des Menschen beweist sich schon beim Kinde, das den Schrecken der Nacht —■ den bösen Traum — durch das gesprochene Nachtgebet bannen will und in diesem Bewußtsein die ungestörte Nachtruhe empfindet. Auch andere Seelenstimmungen drängen zum Gebet. Das Gefühl der Erhabenheit und Größe G'ttes, seine Allmacht, Allgüte, Allweisheit bei der Betrachtung der Natur erweckt spontanen Gcbetsdrang und ihm verdanken wir die herrlichsten Erzeugnisse auf liturgischem Gebiete, der prophetischen Literatur, der Psalmen. Cs ist das Lobgebet in seiner durch überfülle von Stoffen modifizierten Mannigfaltigkeit. Kenntnis der Lob-, Bitt- und Dankgebete, sie wird durch den T'filloh- Unterricht dem heranreifenden Kinde im Religionsunterricht geboten. Damit ist seine Bedeutung jedoch noch nicht erschöpft. Unsere Weisen waren Seelenkenner und in ihrem psychologischen Feingefühl erkannten sie die Macht des Gebetsbedürfnisses, die sie auswerteten, als sie nach der Zerstörung des Tempels, die in Gefahr gebrachte Einheit des jüdischen Volkes retten wollten durch die in der T'filloh verankerte jüdische Weltanschauung. T'filloh-Unterricht ist also mehr als ein bloßer Gebetsunterricht, er ist umfassender Geschichtsunterricht, religiöse und ethische Pflichtenlehre. Er ist nicht nur rein gefühlssondern auch erkennmismäßig orientiert und bereitet das Kind vor auf die großen Anforderungen, die an den jüdischen Beter gestellt werden. So erklärt sich auch die schon oft erhobene Forderung, in den Mittelpunkt des Religionsunterrichtes das Gebetbuch zu stellen. Bibel und Gebetbuch sind in hebräischer Sprache geschrieben und mit zwingender Notwendigkeit tritt die Forderung an den Religionsunterricht, das Kind mit der hebräischen Sprache vertraut zu machen. Die kulturelle, politische, wissenschaftliche Bedeutung der hebräischen Sprache steht außer Zweifel und bedarf keiner näheren Würdigung. 'Ich verweise hier auf die Sondernummer der Bayerischen Israelitischen Gemcindezeitung, in der das Hebräische in dankenswerter Weise von jüdischen und christlichen Sachkennern gewürdigt wird. Auch auf diesem Gebiete kann immer nur ein Teilziel in der Volksschule erreicht werden, die Fähigkeit der Kinder, den biblischen und religionsgesetzlichen Teil in der Ursprache kennenzulernen, wie ich es bereits erwähnt habe, vor allem aber die Heranwachsende Jugend zur verständigen Teilnahme am Gottesdienst heranzuziehen. Die Erlernung der hebräischen Sprache bringt auch alle kräftesteigcrnden Momente mit sich, die auch bei der Erlernung der übrigen Sprachen in Frage kommen. Die frühe Inangriffnahme vom ersten Schuljahre ab ist geradezu eine klassische übungsform zur Steigerung der assoziativen Geisteskräfte. Die Stimmen, die im Hebräischen ein Postulat des jüdischen Seelsorgers erblickten und es aus Schule und Haus verdrängen wollten, sind, Gott sei Dank, verstummt. Auch in ganz liberalen Kreisen ersieht man in dem Hebräischen die Gebetssprache und das sichtbare Band aller sich noch zum jüdischen Volke zugehörig fühlenden Teile; sie ist das nationale Bindeglied, in dem sich alle Juden der Welt geeint fühlen. Der moderne hebräische Unterricht läßt es sich angelegen sein, alle bildenden Werte des Hebräischen freizulegen und der jeweiligen Entwicklungsstufe des Kindes zugänglich zu machen. Dadurch wird sich manches Vorurteil der älteren Generation beseitigen und auch bei ihr das Hebräische zu großem Ansehen bringen. Wenn auch als nächstes Ziel im Volksschulunterricht die Vorbereitung für das praktische Leben und so im hebräischen Unterricht erfolgreiche Teilnahme am jüdischen Leben in Haus und Synagoge angestrebt wird, so wird doch jeder Lehrer vom Wunsche beseelt sein, bei seinen Schülern, namentlich bei den Knaben, schon frühzeitig die Grundlage zum eigentlichen „Lernen" zu legen und so sie zu befähigen, das täglich gesprochene N^'^31 O1'3 13 nM.ni auch praktisch in die Tat umzusetzen. Schulung in der hebräischen Sprache ist Voraussetzung zur Beschäftigung mit der schriftlichen und mündlichen Lehre. Eine ganz besondere Bedeutung erhält der Religionsunterricht auf jener Entwicklungsstufe, die man mit Pöhlmann als die der religiösen Revolution bezeichnen können, die zwar nach der seelischen Struktur bei den einzelnen recht verschiedenkurvig verläuft, bei allen aber nicht ganz spurlos vorübergcht. Eine tiefe. Kluft zwischen Glauben und Wissen öffnet sich, die den Jugendlichen aus dem seelischen Gleichgewicht bringt und heftige Kämpfe in seiner Seele entzündet. Vielerlei religiöse Begriffe unterliegen einer Skepsis: Engel, Wunder, Sprache der Tiere, das Problem I121 yt!H 1^ ym von dem Wohlergehen des Frevlers und dem Mißgeschick des Gerechten, das Problem der Willensfreiheit, der Glaube an das Jenseits, ja der Glaube an das Dasein Gottes wird einer Kritik unterzogen. Dieser in der Entwicklung begründete Zweifel erhält seine Nahrung auch aus dem Provanunterricht, namentlich dem naturwissenschaftlichen. In einem vom verstehenden Lehrer erteilten Religionsunterricht bietet sich reichlich Gelegenheit, in offener Aussprache Glauben und Wissen in ein gutes harmonisches Verhälmis zu bringen, hier liegen auch die ersten Anfänge eines apologetischen Religionsunterrichtes, der eine gesteigerte Wertschätzung Zerfährt durch die Gegenwartslage unserer Glaubensgemeinschaft. Wir sind es gewohnt, angefeindet zu werden, angefeindct besonders in kritischen Zeiten und leider nur allzu große Wahrheit birgt Lessings Wort: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt." Die gegenwärtige krisenhafte Zeit ist natürlich wieder ein Verschulden der Juden und man will das Nachweisen aus dem großen Kontrast jüdischer Lehre und Wesens mit der Kultur der Umwelt. Wie beschämend ist es aber, wenn die einfachsten Entstellungen unserer Feinde von unseren Glaubensbrüdern aus Mangel an jüdischer Bildung nicht berichtigt werden können . So tritt an den Religionsunterricht die unabweisbare Forderung, dem Heranwachsenden Jugendlichen durch Ausrüstung mit der Kennmis der jüdischen Lehre und jüdischen Wesens die stärksten Waffen zur Hand zu geben gegen Anfeindungen, die das Judentum und seine Religion erleidet. Religionsunterricht vermittelt aber auch Werte, die in engster Beziehung zu Bildung im gewöhnlichen Sinne des Wortes stehen. So kann kein Mensch Anspruch auf Gebildetsein machen, wenn er nichts weiß von religiösen Einrichtungen, Sitten und Gebräuchen. Man kann in keine Stadt, in kein Dorf gehen, kein ernstes Buch lesen, keine geschichtliche Darstellung, man kann kein Museum besuchen, ohne daß einem Dinge begegnen, die religiöser Natur sind. Fragen politischer Art, wie Trennung von Staat und Kirche, wissenschaftlicher Art wie Religion und Kunst, sozialer Art, Verhalten von Juden und Nichtjuden zueinander, erfordern eingehende Beschäftigung mit religiösen Wissensgebieten. Zielgerichtet auf den religiös-sittlichen Charakter begnügt sich der Religionsunterricht nicht nur mit der Darbietung religiös-sittlicher Maximen, sondern erstrebt auch Aktivierung derselben in sichtbaren Willenshandlungen. Als Religion der Tat bietet die jüdische Religion eine Fülle von Pflichthandlungen, die für den Willen reichliche Gelegenheit zur Übung bedeuten. Auch die übrigen Dispositionen der menschlichen Entelechie, wie Temperament, Intelligenz, Phantasie, Gedächmis usw. werden in ihrer stufenmäßigen Entfaltung und Entwicklung durch den Religionsunterricht mächtig gefördert. Eine der schwierigsten erziehlichen Aufgaben erwächst dem Lehrer der Unterstufe aus der Forderung der Bayerischen Lchrordnung, die Bildungsgüter, der in der Entwicklung begriffenen jugendlichen Seele anzupassen. Der Schulneuling bedeutet für den Lehrer seelisches Neuland. Seiner erfolgreichen Bearbeitung muß eine tiefgehende Seelenschau vorausgehen. Den warmen Einwirkungen eines religiösen Lehrerherzens öffnet sich im Religionsunterricht, mehr wie in allen anderen Unterrichtsdisziplinen, die kindliche Seelenknospe und bietet dem zum richtigen Sehen, zum tiefen Verstehen und zum sinnvollen Deuten fähigen Lebrcrauge eine Fülle von Erkenntnissen, die seine unterrichtliche und erziehliche Tätigkeit wesentlich bestimmen, und beeinflussen. Die hohen erziehlichen Aufgaben des Religionsunterrichtes und die mannigfachen im und außer dem Zögling liegenden Hemmungen stellen die höchsten Anforderungen an seine Organisation: Verantwortungsgefühl und Opferfrcudigkeit der für die religiöse Erziehung der Jugend sorgenden Gemeinschaften: Staat, Verband, Gemeine, Familie. Restlose Ausschöpfung der im Rahmen der Lehrordnung gegebenen Möglichkeiten zur Erreichung des religiösen Erziehungsideals: Vermehrung und zweckmäßige Anordnung der Religionsstunden, Gründung jüdischer Volksschulen, Schaffen jüdischer Lehrbücher, methodisch aufgebauter Lehrplan. Unbedingtes Zusammenwirken von Elternhaus und Schule, deren Geist bestimmt ist durch eine tiefgläubige, innig fromme, überzeugungstreue, mit dem Rüstzeug modernster pädagogisch und psychologischer Hilfsmittel ausgestattcte, in die Kindesnatur tief sich hineinversenkende, verstehende und vom pädagogischen Eros erfüllte Lehrerpersönlichkeit.