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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-12-15 · 24 (15.12.1931) · p. Seite 373

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
24 (15.12.1931)
Date
1931-12-15
Page
Seite 373 (sequence 1)
Language
German
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Bayerische ülachrichtenblatt üer Israelitischen KulwSgemeinöen in München/ Augsburg/ Hamberg und öes Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden Israelitische Gemeinöezeitung Erscheint am 1. unü 15. jeden Monats. — Verlag: B. heller, München, plinganserstraste 64, Zernruf 7)664 und 73665/ Postscheck München )?87, Schristleitung: Sr. Ludwig Zeuchtwanger, München, Grillparzerstraste )S Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.80 für üa< Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Feile 40 Reichspfennig Zamilienanzeigen, Stellengesuche und ähnliche Angebote 15 Reichspfennig VH. Jahrgang München, 15. Dezember i?5f Kr. L4 Inhalt: Gedenken an Schnitzler — Zürn Datum des Chanukkafestes und des Weihnachtsfestes — Baron Moritz von Hirsch — Marokkanische Juden — Abenteuer und Werk eines deutschen Forschers — Die Kirche als Gemeinschaft und Gesellschaft — Aus bayerischen Gemeinden — Vereine — Bücherschau — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über Ersatzwahl— Berichtigung — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über Ersatzwahl — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg: Bekanntmachung über das Ergebnis der Wahlen der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg — Personalia Bedenken an Scknitzler Von Heinrich Mann Unter den zahllosen Nachrufen für den eben verstorbenen Dichter Arthur Schnitzler, der in einem Ehrengrab der Wiener Kultusgemeinde vor wenigen Wochen die letzte Ruhe fand, ragt die Gedächtnisrede hervor, die Heinrich Mann für die Dichter-Akademie im Berliner Staatstheater am Sonntag, dem 22. November, gehalten hat. Schnitzler hat in dem Roman „Der Weg ins Freie" und in dem Theaterstück „Professor Bernhardi" die Judenfrage der letzten Vorkriegsepoche gültig behandelt. Herr Heinrich Mann hat freundlicher Weise den Wortlaut seiner Ansprache auf Wunsch der Schriftleitung der Gemeindezeitung zur Verfügung gestellt. Andere Tote hinterlasien den noch Lebenden den Eindruck des Verehrungswürdigcn, der Größe, zuweilen des Furchtbaren. Was Arthur Schnitzler zurückläßt, ist Liebe. Sein Werk kann nur geliebt werden. Sein Andenken kann nur geliebt werden. Cr hat zwei großen Mächten des Lebens seine Erkenntnis und seine Kunst dargebracht. Die großen Mächte sind die Liebe und der Tod, und sie sind verbündet. Davon war ihr Dichter durchdrungen. Die Liebe ist nur, weil der Tod ist, und er wäre nicht ohne sie. Niemand in der Welt und im Jahrhundert hat die Gebrechlichkeit und die Kostbarkeit unserer wahrhaft erlebten Stunden fühlbar gemacht wie Schnitzler. Bei keinem anderen ist das Glück so sehr Glück, das heißt vergänglich und unschätzbar. Während es am höchsten strahlt, rückt immer schon der Schatten heran. Die langen, langen Zeiten der Leere, der Einsamkeit, der Todesgcdanken vor und nach dem Augenblick des Glücks, sie umstehen diesen Augenblick, sie spähen hinein, und gerade darum erglänzt der Augenblick so zauberhaft, darum ist das Glück ein so einziger, gefährlich schöner Aufschwung. Bezahlt wird mit dem Tod — oder mit dem Altern, das ein verzögertes Sterben ist. Das grausame Wissen um die Vergänglichkeit war füt* Schnitzler verschärft durch die Erfahrungen des Arztes. Um wieviel bewundernswerter wird noch hierdurch seine Freude am Spiel — Spiel im Grauen. Er überwand die Allgegenwart des Todes und gab sich mit seiner ganzen Kraft dein Spiel des Lebens hin. Auf der Bühne und im Buch ließ er Gestalten alles nachahmen, was ihn beglückt hatte, was er fürchtete. So vervielfachte er sein eigenes Leben. Auch diesen Wert hatte für ihn die Dichtung. Sie erweiterte den Abstand vom Tode. Sie vermehrte unendlich die Lust und die Qual, zu empfinderr. Die Kunst ist lcbenfördernd, lebenvermehrend — daher ihr Ernst. Sie scheint nur zu spielen, manche aber hielten sie für die wahre Wirklichkeit. „Im Nichts aller Dinge ist es noch die am wenigsten unnütze Beschäftigung, zu schreiben." Was Flaubert gesagt hat, dachte auch Schnitzler. Cr war werkgläubig, und so war er verantwortungsbewußt. Sein Sinn für die Nichtigkeit der äußeren Dinge hielt ihn nicht ab, zu handeln, vor die Welt zu treten und etwas in ihr auszurichten. Trotz allem, was die Seele beschweren kann, blieb der reife Mann noch immer heiter und leicht, wie einst der glänzende Jüngling gewesen sein soll. Seine geheime Trauer drang wohl durch, auch wenn er Komödien schrieb. Aber er stand fest im Leben. Schnitzler auf der Lebcnshohe, im Wien vor dem Kriege! Wer hinkam, fand Glanz, Gleichmaß, Erfolg. Die Straßen waren bewegt von denselben leichten, maßvollen Rhythmen wie die Prosa Schnitzlers. Seine Personen gingen zwischen hindurch und grüßten einander. Sie grüßten auch ihn, seine Stadt kannte ihn. Durch die Mariahilfer Straße fuhr der alte Kaiser im offenen Zweispänner und ohne sich anzulehnen. Die wehenden Federn, die schmale Rückenlinie im hellblauen Tuch, dem Volk waren sie vertraut, es winkte ihnen nach. Aber auch den Dichter der Stadt kannte jedes Blatt im Prater. Dorthin führte er eines Abends den Fremden, dem er kaum begegnet war, und dem er so wohlwollte. Ein Zweispänner fuhr durch die Sommernacht. Der Gast saß dem Dichter gegenüber und hatte vor sich eines der seltensten menschlichen Erzeugnisse. Alles, was damals lebte und da war, wirkte zusammen, um diesen emporzutragen. Der Friede, das mächtige Reich und die geliebte Stadt, diese sichere Grundlage seiner Echtheit und Volkstümlichkeit; dazu der noch herrschende Sinn für das Menschliche, Neugier und Freude vieler angesichts des Geistigen; besonders aber die übliche Achtung, die Achtung der Zeitgenossen vor dem Schaffen der Künstler: alles zusammen verlieh dem Ausgezeichneten, Begünstigten eine Lebensfülle ohnegleichen. Cr liebte den Ruhm und genoß ihn. Man muß ihn gesehen haben, wie er aus seiner Loge auf die Bühne stürzte, um den Beifall in Empfang zu nehmen. Sein Blick war entrückt. „Ein sehr bekannter Autor —" sagte er einst in seinem Garten und wendete dabei die Stirn nach oben, die Sonne beschien sein ganzes schönes Künstlergesicht. Cr sprach aber auch, auf den Balkon seines Hauses gelehnt: „Dies Haus ist spät gekommen. Genug, es ist gekommen;" — und darin meldete sich wieder das Dunkel. Denn es naht doch immer, und erst recht, wenn so viel erreicht ist. Was tut man, um es aufzuhalten? Arbeiten, unersättlich gestalten und fortzeugen, die große Zahl der Stücke, Novellen und Romane geduldig und täglich vermehren im Glauben an ihre Dauer: sonst bliebe nichts. Sogar der Ruhm wäre eitel, aber er ist ein Vorzeichen der eigenen Dauer. Frank Wedekind nannte den „Leutnant Gustl" das beste Werk Schnitzlers. „Leutnant Gustl" ist: ein Monolog, genau in der Mitte zwischen

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