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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-11-15 · 22 (15.11.1931) · p. Seite 344

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
22 (15.11.1931)
Article
Boykott jüdischer Geschäftsleute
Date
1931-11-15
Page
Seite 344 (sequence 3)
Language
German
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344 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 er auch dort Vorgehen, wo er die wirtschaftlichen Nachteile vornehm ignorieren zu können glaubt. 3m übrigen fragt cs sich sehr, ob es nicht kurzsichtig die Sachlage verkennen heißt, wenn viele jüdische Kauflcutc glauben, den völkischen Boykott noch immer geringschätzig anschcn zu dürfen. Gewiß, der Nus „Kauft nicht bei Juden!" ist schon vor vielen Jahrzehnten ausgestoßen worden und von der großen Masse des kaufenden Publikums nicht beachtet worden, sei es, weil der anständige Teil des Publikums diese Verquickung von Politik und Geschäft mißbilligte, sei es, weil die jüdischen Kauslcute sich auch bei ihren christlichen Kunden solches Vertrauen erworben hatten, daß cs durch derartige Mittel nicht zu erschüttern war. Aber seitdem haben sich die Zeiten in vieler Hinsicht geändert. Die Urheber des Judcnboykotts beschränken sich nicht nur auf papierene Ausrufe; sic suchen ihnen mit allen Mitteln des politischen Terrors und des gesellschaftlichen Zwangs Nachdruck zu verleihen; sie haben, wie die Wahlergebnisse zeigen, eine große und immer steigende Zahl von Anhängern geworben und überwachen diese Anhänger in rücksichtsloser Weise. Nicht nur, daß sie öffentlich drohen, dein Boykott widerstrebende Käufer an den Pranger zu stellen, sic haben, wie erst kürzlich der Vorsitzende der nationalsozialistischen Ortsgruppe in einer bayerischen Kleinstadt in der Mitgliederversammlung triumphierend verkündete, einen eigenen Überwachungsdienst eingerichtet, der jeden Parteigenossen zwingt, auch im Wirtschaftsleben den Parteigrundsätzcn zu folgen; dieser Überwachungsdienst will jeden Parteigenossen dazu anhalten, Einkäufe seiner Frau in jüdischen Geschäften nicht mehr zu dulden. Und tatsächlich haben sich auch schon in anderen kleinen Orten langjährige Kunden und Kundinnen angesehener jüdischer Firmen gezwungen gesehen, den Laden nur heimlich durch die Hintcrüre zu betreten, oder ihre Pakete in Papier ohne Firmcnaufdruck verpacken zu lassen, uin Vorwürfen ihrer Freunde und Familienangehörigen, ja ihrer in der Hitlerjugend und den Schülcrverbändcn „aufgeklärten" ininderjährigen Kinder zu entgehen. Durch wohlorganisierte Kundenwerbung unter ihren straff zusammenarbeitenden Anhängern verstehen cs die völkischen Zeitungen, auch ihre Inserenten zu Geldabgaben zur Unterstützung des jüdischen Boykotts heranzuziehen, ja in einer obcrbayerischen Stadt hat man sogar in Verbindung mit einer beschimpfenden Boykottaufforderung in der Zeitung auf den Hauseigentümer cingewirkt, daß er dem jüdischen Mieter den Laden kündige und hat der Boykottauffordcrung dadurch Nachdruck verliehen, daß man SA-Leute als Wachposten vor die Ladentüre stellte, die durch sanfte Einwirkung Kauflustige vorn Betreten des Ladens abhalten sollten. Dazu konrntt die zunehtncnde Verschlechterung der Wirtschaftslage. Erfreuten sich früher viele jüdische Firmen eines festen zahlungsfähigen Kundcnstamms, der sie das Abspringen einzelner von der Boykottbewegung erfaßten Kunden init Gleichmut anschcn ließ, so hat in den letzten Jahren der Rückgang der Kaufkraft auch die besten jüdischen Geschäfte in eine solche Lage gebracht, daß sie dem drohenden Verlust von Kunden nicht ruhig Zusehen können. Besonders lebhaft wurde der Boykott gegen die Juden von jeher mit die Weihnachtszeit betrieben. Hier kann man abweichend von dem sonst hochgehaltencn Rasscnprinzip auch religiöse Gründe vorschützen und an Gefühlsregungen der Käuferinassen appellieren. Es ist init Bestimmtheit vorauszusehen, daß in der bevorstehenden Weihnachtszeit die nationalsozialistischen Zeitungen den Boykott jüdischer Geschäftsleute init besondcrein Nachdruck versuchen werden. Deshalb ist cs an der Zeit, daß auch diejenigen unserer Glaubensgenossen, die dieser unerfreulichen Blüte des wirtschaftlichen Kainpfes bisher wenig Beachtung schenkten, sich auf die durch Selbstachtung und Selbsterhaltung gebotene Abwehr besinnen, den Kampf nicht scheuen, sondern beiin ersten Auftauchcn von Boykottversuchen init den gebotenen Rechtsbehclfen gegen die Schuldigen Vorgehen. Sie wahren damit nicht nur ihr Recht und ihre Ehre, sondern erwerben sich damit ein Verdienst um die Reinhaltung unseres öffentlichen Lebens und sind des Beifalls des anständigen Teils des Publikums sicher, wenn sie mithelfen, rechts- und sittenwidrige 'Auswüchse des politischen und wirtschaftlichen Kampfes zu unterdrücken. Eine beschichte der Juden' Josef Kaste in, Verfasser der hinreißenden „Sabbatai- Zewi"-Biographie, die voriges Jahre bei Rowohlt herauskam und in diesen Blättern ausführlich (1931, Nr. 4, S. 54 f.) behandelt wurde, bringt jetzt im gleichen Verlage eine jüdische Geschichte heraus. „Eine Geschichte der Juden" nennt er sein Werk. Das ist zugleich Bescheidenheit der ungeheuren Aufgabe gegenüber und Persönlichkeitsbewußtsein gegenüber der eigenen Deutung der Geschichte seines Volkes. Es ist die Weltgeschichte des Judentums geworden. Sie besteht neben der umfassenden Geschichte von Graetz durch ihre tiefere Sinngebung, ist reicher als der tüchtige Abriß I. Elbogens, weil sie den Dualismus der jüdischen Idee aufspürt, und dem neuen bestechenden Versuch von Joachim Prinz ist sie überlegen, weil sie sich von dessen Flüchtigkeit und Unreife freihält. Widerspruch wird Kastein am ehesten in seiner Beurteilung der Iudenemanzipation wecken, in der er eine Umgehung des Iudenproblems erblickt; die Praxis scheint ihm Unrecht zu geben: in Ländern, in denen es keinen Antisemitismus gibt, existiert auch keine Iudenfrage, weder für die Juden noch für das Land selbst. Aber hat er nicht vielleicht in einem tieferen Sinne recht? Sind die in ihrem Glück Gesättigten, mit der Lage der Iudenheit Zufriedenen nicht Verlorene für jenen Sublimierungsprozeß der Auslese, in dem Kaftein den Sinn der jüdischen Geschichte erblickt? Das ist das Erlebnis, aus dem heraus Josef Kaftein es unternommen hat, seine Geschichte der Juden zu schreiben. In Zeiten der Ruhe vor dem Aufbruch spürt der Geschichtsschreiber seine 1 Joses Kasiein, Eine Geschichte der Juden. Berlin (Ernst Rowohlt) 1931. Stunde. Das gilt für das Judentum nicht minder als für das Bedürfnis der ganzen Welt nach Historie und Biographie. Aber zugleich ist Kaftein gottgläubiger Zweifler: den Sinn, warum im Weltkrieg Juden auf Juden schossen, vermag er nicht zu deuten, — was Gott mit seinem „auserwählten Volke" vorhatte, als er das zuließ. Kaftein ist Gegner der Assimilierung. Aber er ist objektiv genug, auch in ihr etwas spezifisch Jüdisches zu sehen, ja vielleicht sogar einen Pol der jüdischen Kraft, deren Dualismus in Gesetz und Mystik, in Gehorsam und Gläubigkeit, in Halacha und Hagada gipfelt. Seine Liebe gehört den neuen Siedlern in Jerusalem und den Oftjuden eher als den Bewohnern des Westens. In ihnen bejaht er die vitalere ethische Macht. Aber hat nicht die Vermählung von Deutschtum und Judentum Werte hervorgebracht wie seinerzeit in Spanien das Zusammentreffen mit der islamitischen Welt? Das Beispiel eines Gundolf würde Kastein vielleicht verwerfen, seine Leistung als außerhalb des jüdischen Kulturkreises stehend betrachten, wie er es bei Spinoza und Heine tut; aber das Wirken eines Martin Buber, von dessen Bibelübertragung Kaftein eine wahre seelische Erneuerung des Judentums erwartet, steht es in Deutschland nicht auf der gleichen geistigen Ebene wie Iehuda Halevi und Maimonides in Spanien? Jede Auseinandersetzung mit Kastein führt tief ins Geisteswissenschaftliche, jedem Einwand würde er auf dem allerhöchsten Niveau begegnen müssen. Aber es ist für das Werk nicht entscheidend, daß man gelegentlich anders wertet als sein Verfasser. Was er über Jesus sagt, ist ebenso ergreifend wie problemerfassend. Ihm ist die Abkehr des jüdischen Volkes begreiflich, weil er als Messias versagt hatte, er rührt an die Tragik der Gestalt

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