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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-11-01 · 21 (1.11.1931) · p. Seite 327

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
21 (1.11.1931)
Article
Das Judentum in der Hegelschen Philosophie
Date
1931-11-01
Page
Seite 327 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 21 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 327 Für die Behandlung des Judentums in jenen Vorlesungen, die uns allein die reife Meinung Hegels lehren können, bleibt vor allem die Übereinstimmung mit der Jugendschrift insofern bezeichnend, als nicht Israel, sondern Hellas als Vorwelt des Christentums gilt. Damit stellt sich Hegel, und nun ganz bewußt, in die Tradition der Heidench r i st e n ein, während die übliche christliche Theologie und Philosophie im allgemeinen gleichsam judenchristlich ist. Im einzelnen ist zu sagen, daß der Philosoph die Theorie Eduard Meyers vorwegnimmt, nach der das Judentum in seiner traditionellen Form ein Geschöpf des Perserreiches gewesen ist. Er sagt ganz dasselbe: erst Cyrus habe den jüdischen Fanatismus gezähmt, dadurch dessen natürliche Reaktion, den gegeneinander wütenden Individualismus ausgerottet und so die jüdische Gemeinschaftsbildung ermöglicht? In dem Kapitel über „Die Israeliten" selbst" finden sich viele der einst geäußerten Gedanken über die Ausschließlichkeit, die Intoleranz, den „harten Dienst" der Jugendschrift, wenn auch im allgemeinen der hämische Ton vermieden ist. Nur einmal bricht eine offenbar instinktive Abneigung wieder, wenn auch recht geistreich, durch: über die zehn Plagen heißt es: „Von ihnen haben die Ägypter neun nachmachen können, nur eine war dem Mose eigentümlich: Läuse hervorzubringen." Die Angabe, die übrigens in dieser Form nicht mit der biblischen Erzählung übereinstimmt, die. ja nur von der „Kinnim"-Plage an nichts mehr von den Wundern der ägyptischen Zauberr erzählt, ist später öfter wiederholt worden, ohne daß man Hegel als Quelle genannt hätte! Einen erheblichen Fortschritt über die Position der Jugendschrift hinaus bedeutet es nun aber, wenn die Bestimmung der „Erhabenheit" Gottes — nicht mehr die seiner Tyrannei — zur Bestimmung des Menschen als „sittlichen Wesens" — nicht mehr als stummen Knechtes — führt. Damit ist zwar im Grunde auch die Funktion des Gesetzes anerkannt, und es ist wenig konsequent, wenn Hegel einer, übrigens schon von Mohammed ausgesprochenen, Meinung Spinozas seine Zustimmung gibt, daß Gott Moses' Gesetzbuch „den Juden zur Strafe, zur Zuchtrute" gegeben habe?" Geradezu tragisch wird das Mißverständnis, wenn kurz vorher gegen die jüdische Intoleranz ein Gedanke verwandt wird, den Gabirols „Königskrone" schon etwa 800 Jahre vor Hegel ausgesprochen hat und der bei Hegel lautet: „In jeder Religion ist . . göttliche Gegenwart, ein Verhältnis der göttlichen Liebe vorhanden."^ Wir müssen also auch Hegel gegenüber, der sich übrigens, soweit ich sehe, zur aktuellen Frage der Judenemanzipation nicht geäußert hat, dem Kummer Hermann Cohens über Kants Mißverständnis der jüdischen Religion empfinden. Vielleicht, ja: wahrscheinlich ist Marxens flagellantische Haltung in seiner genialen Schrift „Zur Judenfrage" von dieser Gesamtatmosphäre der Hegelschen Philosophie nicht unbeeinflußt geblieben, mögen ihm auch die einzelnen hier zusammengetragenen Äußerungen großenteils nicht bekannt gewesen sein. Ein Vergleich mit den Judentum-Theorien Feuerbachs und Bruno Bauers, auf die sich Marxausdrücklich bezieht, zeigt deutlich den gemeinsamen Ursprung von Hegel, der im Grund — eingehüllt in sein System vom objektiven und absoluten Geist — das alte christliche Dogma von der Rolle des Judentums im göttlichen Weltplan wiederholt. Andererseits ist erwähnenswert, daß ein Hegelianer — vermutlich Michelet — den Zionismus des Hegelianers Heß mit dem Hegelschen Satze abzutun suchte: „Cm Volk kann nicht mehrere Stufen durchlaufen; es kann nicht zweimal in der Weltgeschichte Epoche machen."^ Fragen wir uns zum Schluß, worauf trotz all dieser inhaltlichen Widersprüche die starke Affinität der Juden an Hegel beruhte, von der wir ausgingen, so ist ein formales, aber darum nicht weniger entscheidendes Moment hervorzuheben: die Dialektik selbst, die ja nicht zufällig im Wortstamme mit dem Dialog, jenem Urelement der talmudifchen Diskussion und Denkpsychologie zusammenhängt. 8 21.0.D. @. 441. 9 @.45 3 ff. 10 S.457. 11 Bei Gabirol lautet die gleiche Meinung wie folgt: „Du bist der Gott der Götter, und alle Geschöpfe sind Deine Zeugen ..... und alle Geschöpfe sind Deine Knechte und dienen Dir, und es tut Deiner Herrschaft keinen Abbruch, daß man auch Gott außer Dir dient, denn die Absicht aller geht auf Dich.".. 12 Der Satz steht bei Lassen, Band I, S. 163. Kegel als Lehrmeister Von Dr. Hanns R e i ß n e r (Berlin) . Als die jüdische Jugend um die Wende des 18. Jahrhunderts die strengen Vorschriften talmudischer Lebensführung der Gemeinschaft gegen die freigewählte philosophische Selbstbestimmung des Individuums eintauschte, erkor sie die edelsten Geister der Zeit zu Mentoren ihrer Bildung. Lessing und Kant boten ihr die Elemente kritischen Denkens, Schleiermacher den Ausblick ins All, der das Glaubensbedürfnis gerade der „Gebildeten" unter den „Verächtern" der Religion anregte. Goethe brachte seit langem verstummte Saiten zweckfreien lyrischen Weltempfindens zum klingen. Die umfassendste Wirkung auf die geistige Bildung dieser Jugend aber hat Hegel geübt. Er hat sie nicht nur im Denken geschult wie die Populär- und Kathederphilosophen des 18. Jahrhunderts; er lehrte sie zugleich Weltbetrachtung um ihrer selbst willen und Ahnung des Weltgeistes. Und diese Wirkung des Meisters ist kein Zufall zeitlichen Zusammentreffens. Warum hatten Fichte oder Schelling nicht Gleiches vermocht? Weil die Gans, Stahl, Marx und Heine dem Meister eine tief verwandte innere Einstellung entgegenbrachten. Hegel war nicht eigentlich zünftiger Philosoph, er war zugleich Dichter und Seher, Staatsmann wie Plato, Prophet wie der zweite Jesajas. Das ganze Leben suchten diese jungen Studenten außerhalb ihres Ghettos, nicht nur Denkfunktionen, lyrische Erregung oder religiöse Führung, säuberlich geschieden. Wer die Welt und die in ihr sich offenbarende Vernunft vollkommen begreift, lehrte Hegel, ist f r e i — verheißungsvolles Ziel für eine Jugend, deren Entfaltungsdrang die Gesellschaft mit ihrer ständischen Gesetzgebung auf immer in Fesseln zu halten gedachte. Die Weltgeschichte als der „F o r t s ch r i t t im Bewußtsein der Freiheit" — das Wort wirkte auf jüdische junge Menschen als ein Aufruf zur Umgestaltung, zur Vervollkommnung der Verhältnisse der Welt. „Was natürlich ist, ist vernünftig, was vernünftig ist, ist natürlich" —, der Satz von der Lift der Vernunft, die sich auch niederer Mittel bedient, um ihre höheren Zwecke zu erreichen, enthielt er nicht die moralische Rechtfertigung für den Schritt, den sie getan hatten oder zu tun im Begriffe waren: die Annahme der Taufe? Zu illusionslosem Erfassen der Gegebenheiten menschlichen Trieblebens und zu andächtiger Versenkung in die Selbftoffenbarung des Weltgeiftes zugleich vermochte Hegels Wort die Anleitung zu geben; denn Hegel packte in kühnen, oft gewaltsamen Synthesen die Vernunft, die in der geschichtlichen Wirklichkeit selber steckt und ihr die zwangsläufige Richtung gibt. Staatliche Existenz und gesellschaftliche Formen einer Zeit, wirtschaftliche Gegebenheiten und Stand der Bildung, Rechtsbegriffe und künstlerisches Schaffen trafen nicht zufällig aufeinander, als ob der „Weltgeift" in seiner Laune ein Kaleidoskop durcheinandergeschüttelt hätte, sondern hingen aufs genaueste und notwendig zusammen. Die Erkenntnisse und Bedürfnisse einer ganzen Generation hat Hegel in einer einzigen Zusammenschau zu fassen vermocht: daö „Perfektibilitäts"-Streben des Aufklärungsdenkers, den katholisierenden Volksgeift der Romantiker, den der Antike nachgebildeten Schicksalsbegriff Hölderlins und das spi-

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