Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 21 (1.11.1931)
- Article
- Das Judentum in der Hegelschen Philosophie
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 326 (sequence 1)
- Language
- German
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326 Bayerische Israelitische Geuiemdezeitutttz Nr. 21 Vas Judentum in Ser begelschen Philosophie Einige Bemerkungen zum 100. Todestage des Philosophen (I4.I I.19ZI) Von Dr> Ernst S i m o n (Haifa) Wohl keiner der großen Philosophen, auch Kant nicht, der sich doch von Markus Herz am besten verstanden, von Salomon Maimon am tiefsten kritisiert fühlte, hat so stark auf jüdische Denker oder doch auf Denker jüdischer Abstammung gewirkt wie Georg Friedrich Wilhelm Hegel, der Philosoph der im Dreitakt abrollenden, Natur und Geschichte in gleicher Weise logisch durchdringenden Dialektik, der Philosoph des panlogistischen Vernunftstolzes, der erst in Napoleon die „Weltseele" und dann, Vernunft der Wirklichkeit wie Wirklichkeit der Vernunft anpasscnd, im preußischen Staate der Reaktionszeit die Verwirklichung der absoluten Vernunft sah. Er starb, wie Schleiermachcr, an der Februar- Revolution von 1830, mit der ihm sein Weltbild zusammenstürzte und von deren katastrophalem Neubruch zu einer späteren, nicht mehr Hcgelschen Epoche er sich nicht mehr erholen konnte. Wie dieser geistige Lehrer von Karl Marx, Heinrich Heine und Ferdinand Lassalle, von Friedrich Julius Stahl (trotz dessen späterer Gegnerschaft) und von Rabbi Nachman Krochmal, dem Führer der Verirrten seiner Zeit (trotz Rawidowitcz's anderer Deutung) — wie hat er vorn Judentum gedacht? Die erste Antwort gibt uns eine erst im Jahre 1907 von Hermann N o h l nach den Handschriften der Berliner Staatsbibliothek veröffentlichte Abhandlung „Der Geist des Christentums und sein Schicksal", die vermutlich 1795 oder 1796 entstanden ist? Hier spricht noch der Theologe des Tübinger Stifts, der einerseits noch stark in den Begriffen seiner gelehrten Schule und seiner ersten Aufklärungspcriode befangen ist, dessen eigene spätere Begriffswelt sich aber schon anzukündigcn beginnt. Vor allem aber spricht hier — bei aller philosophischen Bedeutung dieser Fragmente- — ein ganz naiver Antisemitsmus, der den Geist des Judentums dem des Christentums als schwarze Folie entgegenhält. Hegel beginnt mit Abraham, den er mit Recht als den ersten Juden bezeichnet, wirft dann einen Bilck auf die noachidischen Gebote zurück, stellt Nimrod — recht unkritisch, Quellenkritik war seiner symbolischen Sagenauffassung entsprechend niemals seine starke Seite — nach Josephus Altertümern 1.4 dar und beginnt, nach solcher Einleitung, auf Abrahams lieblosen Separatismus zu schelten. Dieser „Fremdling auf Erden" sei auf absolute Beziehungslosigkeit gestellt gewesen und haben das Angebot des „gutmütigen Ckron" (sic!) nur deshalb nicht angenommen, weil er ihm nicht dankbar habe sein wollen. Selbst seinen Sohn, den einzigen, den er überhaupt liebte, liebte er nicht genug, als daß er nicht bereit war, ihn zu opfern „und nur durch die Gewißheit des Gefühls beruhigt wurde, daß diese Liebe nur so stark sei, um ihm doch die Fähigkeit zu lassen, den geliebten Sohn mit eigener Hand zu schlachten". Diese an sich großartige, aber völlig negativ bewertete Deutung muß man nur mit der Abrahamsgestalt bei Kierkegaard, Hegels großem religiösen Gegenspieler, vergleichen, um den abgrundtiefen Abstand zu ermessen. Das Schlimmste an Abraham aber ist nach Hegel, daß sein Partikularismus zugleich universal war; das heißt, daß nur seine eigene Nation, nur Israel einen Gott besitzt. Daß ein solches Volk dann die Untat an Dina, deren Unbill „die Sichemiten mit beispielloser Gutmütigkeit wieder gutzumachcn suchten", seinerseits „mit satanischer Abscheulichkeit" rächt, ist kaum zu verwundern. In dieser Art geht es weiter. Joseph versklavt die Ägypter, um so den jüdischen Herrengott, der nur willenlose Sklaven unter sich duldet, zu realisieren; Moses wirkt nur durch seine Zauberkünste auf die ohne jedes Freiheitsbewußtsein dahinvegetierenden Juden Ägyptens; diese „siegen, aber sie haben nicht gekämpft" und verhalten sich angesichts des Schilfmeerwunders „wie die berüchtigten Diebe während der Pest zu Marseille". Selbst der Begriff vom unsichtbaren Gott findet in Hegels Augen keine Gnade, dem vielmehr die von Liebe und Schönheit beseelten Götzenbilder seiner Abstraktheit überlegen scheinen. Cr wundert sich — wie einst Pompejus — über den leeren Raum im Allerheiligsten des Judentums. 1 Hegels Theologische Jugendschriften, cd. Herman Nohl, Tübingen 1907, S. 241 fs. Im gleichen Sammelbande finden sich noch einige andere Äußerungen über das Judentum, doch sind die im Text wiedcrgegebenen die wichtigsten. - Wilhelm Dilthey sagt über die in der „Jugendgeschichte Hegels", Ges. Schriften IV, Leipzig 1921, S. 68: „Hegel hat nichts Schöneres geschricben." Auch die Sozialgesetzc entsprechen nur der Knechtung unter den Hcrrcngott, der seinen Zehnten, der die Erstgeburt, der levitische Reinheit als Fron einfordert. Aber selbst die Leviten kennen nicht sein unkennbares Geheimnis, sondern nur ihren „Dienst" — ein Wort, dessen Gebrauch für Gottesdienst Hegel übrigens, nach dem Nachweise Nohls? ebenso wie die Neubildung „Buchstabenmensch", keinem anderen verdankt als — Moses Mendelssohn, in besten 1783 erschienenen Buche „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum" es zum ersten Male in diesem Sinne vorkommt, natürlich als Übersetzung des Hebräischen „Awodah". So verhindert denn auch Hegels Stellungnahme ihn keineswegs, Mendelssohn einmal in nicht unfreundlicher Weise zu nennen? Und der Sabbath? Ach, auch er ist nur ein Tag „in einer bloßen Leerheit, in einer untätigen Einheit des Geistes", und gar die Freiheit vom Kriegsdienste für bestimmte Kategorien zeigt an, daß Juden immer nur um materielle Güter, um neue Häuser, um Frauen, um Weinberge kämpfen konnten, denn „an irgendeinem Ewigen hatten die Juden keinen Teil", „es war weit, weit weg von ihnen? Die Parteiischkeit dieser Stellungnahme wird am deutlichsten, wenn Hegel zwei Institutionen miteinander vergleicht, die bei Griechen und Juden Vorkommen und die z. B. auch Gustav Landauers „Aufruf zum Sozialismus" — mit Recht! — in eine Reihe stellt: den Schulderlaß der solonischen „Seisachtheia" und das ähnlich geartete bibilsiche Jobeljahr. Hegel sagt dazu: „...jene Griechen sollten gleich sein, weil alle frei, selbständig, die Juden gleich, weil alle ohne Fähigkeit des Selbstbestehens waren." (Interessant ist, wie sich hier schon Hegels Begriff der Person ankündigt, die später, in den Partien über die „bürgerliche Gesellschaft" in der „Rechtsphilosophie" als an den Besitz von Eigentum geknüpft definiert wird. Die Juden, deren Bodeneigentum Gott gehört, sind keine freien Personen.) Sogar Moses, der größte Jude, ist nur ein Knecht: wegen eines einzigen unbefohlenen Schlages, den er auf den Felsen führt, muß er sterben. „Alle folgenden Zustände des jüdischen Volkes, bis auf den schäbigren, niederträchtigen, lausigten Zustand, in dem es sich noch Heutigtags befindet, sind .. . Folgen .... ihres ursprünglichen Schicksals . . ." Und dieses Trauerspiel kann nicht wie ein griechisches „Furcht noch Mitleiden erwecken", sondern „nur Abscheu". Diese Stellungnahme Hegels, die selbst die Propheten nicht aus ihrer negativen Bewertung ausschließt, sondern sie, da am alten jüdischen Genius festhaltend, als „nur kalte, unter ihrer Einmischung in Politik und Zwecke nur eingeschränkte und wirkungslose Fanatiker" nennt, ist nicht ganz ohne Beispiel in der Geschichte der christlich-theologischen Auseinandersetzung mit dem Judentum, sondern steht in der unterirdisch wohl niemals ganz ausgestorbencn, freilich nur selten mit solcher Konsequenz ausgesprochenen Tradition des Gnostikers M a r c i o n aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, der bekanntlich den bösen Schöpfergott des Alten Testamentes vom guten Erlösergott des neuen völlig trennen wollte. Daß bei Hegel nun aber doch nicht einfach antisemitische Instinkte allein oder vorwiegend walten, sondern er vor allem von seinen philosophischen Überzeugungen gelenkt wird, das ergibt sich aus den „Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte"? und zwar gerade auch aus Teilen, die nicht explizite vom Judentum handeln. So bespricht Hegel bei der Darstellung des indischen Kastengedanken- und Rechtswcsens eine Reihe von Bräuchen, die im Judentum in ähnlicher Weise vorhanden sind, ohne aber diese Parallelen zu erwähnen, und sagt schließlich: „Das Leben des Menschen, sagt man, soll ein beständiger Gottesdienst sein. Man sieht, wie hohl dergleichen allgemeine Sätze sind, wenn man die konkreten Gestalten betrachtet, die sie annnehmen können."? Dieses Urteil, das er auch über die Juden hätte fällen können, gilt hier den arischen Indern, und ist darum kaum weniger scharf. 3 A. a. O. S. 404. 4 A. a. O. S. 254. Vgl. über Mendelssohns Einfluß auf Hegel auch Franz Rosenzweig, „Hegel und der Staat", München 1920, B. I, S. 20 und S. 55. 5 S. 253 mit Berücksichtigung der in der Anmerkung genannten Lesart. o Hier zitiert nach der Ausgabe von Georg Lasson, Leipzig 1919. Die Vorlesungen wurden zum erstenmal im Wintersemester 1822 gehalten. ' A. a. O., 2. Band, S. 387. Ein ausdrücklicher Vergleich der Brahminen mit den Leviten folgt erst S. 397.