Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 20 (15.10.1931)
- Article
- Bei den Marannen in Persien
- Date
- 1931-10-15
- Page
- Seite 313 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Herat 2× ep/1047496
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 313 psychologisch sehr interessant — zu den religiös orthodoxesten im ganzen Iischuw und sind überall da anzutreffen, wo es gilt, die Fahne des religiösen Judentums zu verteidigen. Die Art ihrer Geschäfte wie auch ihr Wohlstand erlaubte es manchen Meschheder Marannen, Meschhed zu verlassen und sich in Herat (Afghanistan), Samarkand (Turkestan), Singapur in Indien, Amerika oder England niederzulassen, wo sie natürlich die Maske abnehmen und frei als Juden leben konnten. Viele aber führte der Handel nur zeitweilig aus Meschhed heraus, und von einem solchen wird eine Begebenheit von dem bekannten Professor Vambery berichtet, die hier angeführt werden soll, weil sie die ganze Schwere und Tragik des persischen Marannentums blitzhaft beleuchtet: „Auf meiner Rückreise aus Samarkand begegnete ich in Herat (Afghanistan) einem Juden, der in mir einen verkappten Antiquitätenforscher vermutete und mir deshalb verschiedene Objekte anbot. Später hatte er natürlich wahrgenommen, daß er sich geirrt, trotzdem besuchte er mich häufig in der Karawanserei und ich habe viel Interessantes von ihm über seine Glaubensgenossen in Chorasan und Mittelasien gehört. Später begegnete ich dem Manne in Meschhed. Als ich seiner ansichtig wurde und ihm „Iehudi, wie gehts dir" zurief, eilte der Mann höchst bestürzt auf mich zu und sagte: Um Gotteswillen hier darfst du mich nicht Iehudi nennen, denn hier bin ich Mohammedaner und wenn ich diese Inkognitorolle nicht spiele, bin ich verloren! In einer Unterhaltung mit Mescheder Marannen, die ich in Teheran traf, fragte ich, ob sie denn nicht heute offiziell zum Judentum zurückkehren könnten. Man antwortete mir, es sei noch verfrüht, darüber zu sprechen, man müsse abwarten. Zwar sei durch das liberale Regime des neuen Schah eine Atmosphäre geschaffen, die ihnen schon erlaubt, so manche Vorsichtsmaßregel außer Acht zu lassen, deren Vcrnachläßigung ihnen früher wohl das Leben gekostet hätte. Aber das neue Regime ist noch zu kurz, als daß man nicht noch immer einen Rückschlag, eine klerikale Reaktion zu befürchten habe. So wird die Zeit Rat bringen, inzwischen muß inan aber alles tun, um diesen Marannen die Hoffnung einer baldigen Rückkehr zu geben, in ihnen das Bewußtsein zu erwecken, daß sie nicht verlassen, isoliert sind, daß sie vielmehr ein Glied im Gesamtorganismus des jüdischen Volkes bedeuten und ihnen durch Wort und Schrift die neue jüdische Wirklichkeit nahebringen. Daß das Verbot der zionistischen Betätigung in Persien auch für diese Marannen ein harter Schlag war, ist verständlich — glaubten sie doch, daß mit der Balfourdeklaration, dem Mandat, der Anerkennung der Juden als Volk durch alle Staaten, die Erlösung auch für sie selbst aus diesem entsetzlichen seelischen Druck und Scheinleben gekommen sei. Aber nicht nur in Meschhed leben Marannen, wenn auch diese am meisten uns-bekannt sind. Cs gibt Dörfer in der Nähe von Isfahan und Schiraz, in denen meiner festen Überzeugung nach noch unentdeckte Marannen leben. In einem dieser Dörfer, die ich durchfuhr, fiel mir das Benehmen und die Physiognomie der dortigen Perser auf. Durch weiteres Nachfragen erfuhr ich dann auch, daß die Bewohner dieser Dörfer ein mit vielen nur dem Iudenpersisch eignen Worten durchsetztes Dialekt sprechen, außerdem am Freitag Lichter anstecken und sonstige Gewohnheiten haben, die nirgends sonst, höchstens noch in einzelnen Dörfern in Mazendaran bekannt sind. Cs gibt also philologische, physiognomische und folkloristische Indizien, die näherer Untersuchung bedürfen. Leider hatte ich nicht die Zeit, dieser Frage auf den Grund zu gehen; hoffentlich bietet sich nochmals Gelegenheit dazu. Das religiöse Chaos, das in Persien herrscht, erinnerte mich jedenfalls an jene von G r a e tz mitgeteilte Anekdote, die wohl auch einen Kern Wahrheit für Persien haben dürfte: „Der König von Portugal dachte ein äußeres Zeichen für die vielen Marannen, Scheinchristen und Iudenabkömmlinge seines Reiches einzufuhren, um diese von seinen rein christlichen Untertanen zu unterscheiden und schlug zu diesem Zwecke seinem Wester vor, eine grüne Mütze für diese Kategorie seiner Untertanen einzufuhren. Als der Wesier dies hörte, eilte er weg und kam mit drei grünen Mützen zurück. Auf Befragen des erstaunten Königs erklärte der Wesier: „Eine Mütze ist für mich, die andere für den Großinquisitor und die dritte für Eure König!. Hoheit." Daß die vielen Z w an g s b e k e h r un g en, die über die jüdischen Gemeinden noch bis in die letzte Zeit so viel Unheil brachten, nicht aus allen Bekehrten treue und ewige Anhänger des Islams gemacht haben, ist zu einleuchtend, als daß wir nicht annehmen dürsten, daß es in Persien, mehr als in federn anderen Lande (Portugal vielleicht ausgenornmen) Iudenabkömmlinge gibt, die vielleicht heute wieder den Weg zum Judentum zurück finden würden, wenn man ihnen zu Hilfe käme. Sollen denn, die Tausende und Abertausende Juden, die sich nicht durch die Flucht nach dem benachbarten irakischen Kurdistan retten konnten, die noch vor dem Krieg dem Fanatismus der schiitischcn Priester zürn Opfer gefallen waren, plötzlich sämtlich gute Muslimen geworden sein, und mit der Vergangenheit völlig gebrochen haben? Können wir nicht viel mehr annehmen, daß in allen Städten, in denen laut den uns vorliegenden Urkunden jüdische Gemeinden blühten und die infolge der Zwangsbekehrungen heute völlig verschwunden zu sein scheinen, wie z. B. in Täbris, Urmia, Kazwin u. a. ( wo die letzten Jwangsbekehrungen vor dem Kriege siattfanden) sind wir nicht berechtigt anzunehmen, daß dort Juden als Schein-Mohammedaner oder vielleicht als Scheinchristen unter dein dortigen nestorianischen Bevölkerungsteil leben und nur auf ein Zeichen von außen warten, um zurückzukehrcn und wieder Anschluß an die alte Religion zu finden. Diese Frage wurde bis heute noch von keinem gestellt und doch ergibt sie sich aus den geschichtlichen Zusammenhängen mit zwingender Notwendigkeit und muß eingehend geprüft werden. vie finanziellen veziehungen jüdischer Vankiers und ßeereslieferanten zum bayerischen Staat im 18. und im beginnenden 14.Jahrhundert Von Ludwig H ü m m e r t - Aachen. Die Behauptung Werner Sombarts, daß es vor allem die Juden waren, die im 16., 17. und 18. Jahrhundert dem werdenden Staate die materiellen Mittel zur Verfügung stellten, mit deren Hilfe er sich erhalten und entwickeln konnte^ veranlaßte vor einigen Jahren P. S u n d h e i m e r , die bayerische Finanzgeschichte nach dieser Richtung zu untersuchen. Aus der Dissertation Sundheimers „Die jüdische Hochfinanz undderbayerischeStaat im 18. Jahrhundert"^ und aus meinen Nachforschungen über das finanzielle Zusammenarbeiten von Staat und Juden in Bayern im Anfang des l y.Iahrhundertsb gebe ich folgenden kurzen Auszug. * Sombart: Die Juden und das Wirtschaftsleben, Leipzig 1911, S. 51 - abgedruckt im Finanzarchiv von Schanz, 41. Iahrg. 3 Die finanziellen Beziehungen jüdischer Bankiers und Heeresliefcranten zum bayerischen Staat' in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Münchener Dissertation; zu beziehen durch „Ewer"-Buchhandlung, München, Ottostraße 2. In Bayern begann die finanzielle Verbindung von Juden und Fiskus in bedeutendem Ausmaß erst in den 20 er Jahren des 18. Jahrhunderts. Hauptsächlich zur Befriedigung der Lurusbedürfnisse des bayerischen Hofes wurden damals der Sulzbacher Hoffaktor N o e S a m u e l I s a a c, der Wiener Hofjude Wolf Wertheimer und mehrere kleinere jüdische Geldgeber herangezogen. Im Jahr 1722, anläßlich der Vermählung des bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht mit der habsburgischen Kaisertochter Amalie kredidierte Noe 950000 fl. dem bayerischen Kurhaus, welches die Hochzeitsfeierlichkeiten möglichst prunkvoll ausgestalten wollte. Bis 1726 stiegen die gesamten Gläubigerrechte der Juden gegen den bayerischen Fiskus auf fast 5^4 Millionen fl. Mit diesem Jahr traten die Juden als Geldgeber des Staates wieder vollständig in den Hintergrund. Karl Albrecht, der 1726 den bayerischen Thron bestieg, bemühte sich, die zerrütteten Finanzen, die er von seinem Vater Mar Emanuel als Erbteil übernehmen mußte, zu ordnen. Dabei