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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-10-15 · 20 (15.10.1931) · p. Seite 312

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
20 (15.10.1931)
Article
Bei den Marannen in Persien
Date
1931-10-15
Page
Seite 312 (sequence 2)
Language
German
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3l2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 Schutz fanden, blieben neben den Aoroastern allein die Juden das Ziel der Bekehrungs- und Verfolgungssüchte des Klerus. Es soll hier keineswegs in Einzelheiten eingegangen werden; wir erkennen aber einen charakteristischen Zug, der der ganzen üntijüdischen Bewegung zu Grunde lag. Das war die Anschauung von der rituellen Unreinheit jedcs Andersglaubigen, also auch des Juden, aus der sich alle Demütigungen und Verfolgungen erklären. Die sogenannten Judengesehe des Schah Abbas beruhen alle auf dieser Grundanschauung. Konnte doch dieser Begriff der rituellen Unreinheit auf unendlich viele Handlungen des täglichen Lebens ausgedehnt werden und damit das Leben der Juden überhaupt unterbunden werden. Aus der langen Liste der Beschränkungen und Ausnahmegesetze seien nur folgende Punkte angeführt: Da der Jude sich in allem von dem Muslim unterscheiden sollte, mußte er andere Kleidung, andere Kopfbedeckung, kleinere Häuser haben, die Cingangstür zum Haus mußte niedriger sein. Während des Regens durfte er das Haus nicht verlaßen, denn das Master könnte doch die rituelle Unreinheit des Juden auf die Gläubigen übertragen. Lautes Gebet in der Synagoge war nicht gestattet. Beim Reiten auf einem Esel mußten seine beiden Beine auf einer Seite sein, auf Pferden durfte er überhaupt nicht reiten, jedem Mohammedaner hatte er Ehrenbezeugungen zu erweisen, außerhalb seines Viertels durfte er nicht gehen, Früchte dürfte er nicht kaufen, seine Stimme angesichts eines Muslim nicht erheben. Daß damit auch das geschäftliche Leben, Handel usw. unterdrückt war, versteht sich von selbst. Noch heute gibt es in Teheran und anderen Städten „judenreine Bazare", wo cs den Juden verboten ist, Geschäfte zu treiben. Dabei lastete ein besonders hoher Steuerdruck auf den Juden. Für die Tötung eines Juden brauchte nur eine geringe (Stimme (zirka £ 8) bezahlt zu werden. Um die Bekehrung zum Islam zu erleichtern, wurde ferner verordnet, daß ein zum Islam übergetretcncr Jude der einzige und rcchtinäßigc Erbe des Vermögens seiner Familie und Verwandten wird. Diese und ähnliche von der ° schulischen Geistlichkeit geschaffenen Ausnahmebestimmungen gegen die Juden, wurden zum Teil unter Schah Abbas II. (1642—1666) L-taatsgesctzc und dem offiziellen als „Djaami Abaasi" bekannten schiitischen Gcsetzcskodcx cinverleibt. Damit war das Schicksal der persischen Judenhcit für Jahrhunderte. festgelegt und der Einfluß des Klerus sanktioniert, gegen den später selbst fortschrittlich gesinnte Herrscher nicht aufkommen konnten. Daß hier auch einer der Gründe des kulturellen Rückstandes Persiens zu suchen ist, ist klar. Ein Fortschritt des Landes konnte erst cingeleitet werden, wenn die Macht und die Rolle der Geistlichkeit gebrochen war, wie es das neue Regime unter Riza Schah Pahlawi verstanden hat, wodurch auch die Lage der Juden eine andere und bestere wurde. Das noch sichtbarste und auffallendste Zeichen jenes für die persischen Juden erst eben untergehenden Mittelalters, der in die beginnende Neuzeit hineinragende Rest des Fanatismus des schiitischen Persiens ist das Vorhandensein von . „Anusim", von Mara n nen in verschiedenen Orten Persiens. Mit dem Begriff „Marannen" verbinden mir im allgemeinen jene durch den Zwang des christlichen Spaniens iin 13., 14. und 15. Jahrhundert zum Christentum bekehrten Juden, Neuchrisien also, welche offizielle Christen wurden und sich als solche ausgaben, die aber im Innern Juden blieben und itn Geheimen das Judentum pflegten und weiter bewahrten. Erst vor wenigen Jahren sind ganze Marannengemeindcn in Portugal entdeckt worden und dank der Energie und Tätigkeit von S. Schwarz zum Judentum zurückgebracht worden. Diese portugiesischen Marannen haben begonnen, hebräisch zu lernen, geben eineeigene Zeitung „Halapid" heraus und reihen sich wieder in den Organismus des jüdischen Volkes ein. Während 'so diese Opfer des Fanatismus ihren Fürsprecher und Erlöser gesunden und heute die Unterstützung der bekannten jüdischen Organisationen genießen, harren am anderen Ende der Welt, in Persien, noch Tausende von solchen Marannen auf ein erlösendes Werk ihrer Brüder im Westen. Weiß denn überhaupt die Judenheit in Europa und Amerika, daß in Persien die Tragödie des Marannentums sich wiederholt hat,, in islamischer Aufntachung und Tausende als „ N e u m u s l i m c n " „Djedid ul Jslänt" jenes unerträgliche Zwitterleben als Mohammedaner und Juden führen? Weist die jüdische Welt, daß in Meschhed, nicht weit von der afghanischen Grenze, dem heiligsten Ort im schiitischen Persien, der nationale Wallfahrtsort, wo der 8. Imam bergraben liegt, weiß die Judenheit, daß in diesem Ort noch heute mehrere Tausend jüdische Seelen gezwungen sind, sich als Muslime auszugeben und nur im Geheimen und unter den schwersten Bedingungen am Judentum festzuhalten sich bemühen? Das Zusammentreffen mit diesen.Menschen aus Meschhed u. a. Städten war eines meiner größten Erlebnisse während 'meiner Reise durch Persien und eine seelische Erschütterung ohnegleichen. Vor) mehr als 122 Jahren wurde die ganze blühende Gemeinde in Meschhed infolge einer Verleumdung von der fanatischen Geistlichkeit gezwungen, den Jslanr anzunchmen. Was sich nicht über die Grenze nach dein sunnitischen Afghanistan hinüber retten oder nach Turkestan auswandern konnte, «rußte seine Religion abschwören. Die Juden hatten nämlich einen Hund getötet, um das Blut für nredizinische Zwecke zu verwenden. An demselben Tage war ein muslinrischer Festtag, und die mohammedanischen Priester benutzten diesen Anlaß, um die Masten gegen die Juden aufzuhetzen, die an einem heiligen Tage durch die Tötung eines Hundes die mohammedanische Religion verspottet hätten. Sic beschlossen, sofort alle Juden zu töten, wenn sie nicht zum Jslanr übertreten würden. Die Juden, unter denr Druck und der Drohung völliger Vernichtung, erklärten sich bereit den Jslanr anzunehmen und die ganze Gemeinde in Meschhed trat geschlossen zunr Islam über. Seitdem gehören diese Juden offiziell zurrr Islam und sind als „Djediden", Neu-Mohammedancr bekannt. Sie erfüllen alle religiösen Pflichten eines Moslem, ja es sollen sogar einige dieser Djediden die Wallfahrt nach Mekka unternornnren haben. Doch im Geheimen hielten sie am Judentum fest, erfüllen so weit wie möglich alle Gebräuche, natürlich „Mila", lernen Thora, haben eine geheime Synagoge in einenr privaten Haus, eignen Friedhof, auch ein religiöses Oberhaupt, das heimlich das Amt eines Rabbiners versieht und dabei noch literarisch tätig ist. Sie haben auch eine eigene Sch'chita, doch kaufen sie zuweilen des Scheines wegen Fleisch im Bazar, um bei den Spionen und Schnüfflern der Stadt keinen Verdacht aufkomrncn zu lasten. Sie heiraten nur unter sich, und ihre Kinder werden sehr früh verheiratet, früher noch als es schon ohnehin irr ganz Persien üblich ist, um nicht in die Gefahr zu komnren, daß etwa ein muhanrnredanischer Nachbar oder wer sonst, sein Kind mit einein der ihrigen verheiratet wissen will. Die Ehe muß natürlich vor dent religiösen Gericht des Islam geschlossen werden, mit all den bekannten islanrischen Vorschriften. Mit den Persern pflegen sie deshalb auch möglichst wenig Verkehr. Am Sabbat sind ihre Läden zwar geöffnet, doch benrühen sie sich, kein Geschäft zustande zu bringen. Entweder fordern sie außergewöhnttche hohe Preise, damit der Kunde wieder weggeht, oder sie erklären, die gewünschte Ware gerade nicht zu haben. Meist ist nur ein Junge im Geschäft, der erklärt, daß Papa auf Reisen sei und erst morgen zurückkomme. Nur am Jom hakippurim wagen sie, ihre Geschäfte zu schließen, einmal irn Jahre können sie sich das erlauben, Schofar kann natürlich nicht geblasen werden. Daß ein solches Doppelleben der Aufmerksamkeit der Behörden nicht völlig entgehen kann, ist verständlich, und trotz aller Vorsicht hat ihre Lebensführung mehr als einmal den Verdacht der Behörden und der Priester erweckn Nun sind aber die 'Meschhcdcr Marannen rneist wohlhabende Kaufleute, (Felle, Häute, Teppiche) übrigens unter allen persischen Juden' die Wohlhabendsten, was wohl nur so zu erklären ist, daß sie als Muhammedaner ihre Fähigkeiten frei entfalten konnten und keinerlei Beschränkungen unterworfen waren. Wir können uns vorstellen, wie die ökonomische Situation der persischen Juden überhaupt wäre, wenn sie nicht solch unzähligen Bedrückungen und Verfolgungen äusgesetzt gewesen wären. Wie dem auch sei, als wohlhabende Kaufleute haben diese Marannen einen gewissen Einfluß auf die Behörden und wenn einmal die muslimischen Kreise „scharf", argwöhnisch wurden, so hatte bisher das Geld, „Backschisch", noch immer seine Wirkung gehabt. Diese materielle Position der Mcschheder Marannen kommt auch den Juden außerhalb Meschheds zugute. Während meines Aufenthalts in Pcrstcn war gerade der Schah mit seinem Gefolge auf einer Inspektionsreise durch sein Land. Au seinem Empfang in den größeren Städten wurden wochcnlange Vorbereitungen getroffen, deren Zeuge ich vor allein in I s f a h a n gewesen war. - Die Häuser wurden beflaggt, die Straßen geputzt und gereinigt, und die Schulkinder wurden anläßlich des bevorstehenden Besuches Seiner Majestät neu eingckleidet. Die Rcgierungs- und Missionsschulen hatten dafür besondere Gelder zur Verfügung, aber die jüdische Gemeinde in Jezd konnte sich das nicht erlauben. Da waren es gerade die Meschheder „Djediden", die den Jezder Juden, die die ärmsten und religiösesten sind, Geld schickten, um den Kindern neue Kleider zu besorgen. Ihr Wohlstand führte noch zu anderen erfreulichen Erscheinungen, von denen nur zwei angeführt werden sollen. Als die Kunde von dem neuen Werden in Palästina nach Persien drang, wären die Meschheder Marannen nicht nur unter den ersten, die begeistert und aktiv zum Palästinaaufbau beisteuerten, sondern auch diejenigen, die — ganz logisch als Ergebnis ihrer stark messianistischen Einstellung — in der Wiederherstellung von Zion den Beginn ihrer eigenen Erlösung aus dem. doppelten Galuth sahen. Nichts beweist dies .stärker als die Tatsache, daß heute mehr als hundet. Juden aus Meschhed in Palästina, vor allem in Jerusalem (bucharisches Viertel) leben, denen es geglückt, ist, die Stadt ihrer Leiden zri vcr-> lassen und nach Palästina überzusiedeln. Sie gehören — und das ist

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