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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-10-15 · 20 (15.10.1931) · p. Seite 311

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
20 (15.10.1931)
Article
Macht und menschliche Natur
Date
1931-10-15
Page
Seite 311 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Bayerische Israelitisch« Gemeindezeitung 311 aspekten befreien, wissen wir um die Gebundenheit dieses auf die Bodenlosigkeit des Seienden gewagten Wissens an eine bestimmte Haltung in und zum Leben. Eine Haltung, die.... die Weite der Selbständigkeit, der erkämpften Einsicht, der Entwicklung zu immer höherer Souveränität über das Dasein, der Bereitschaft immer auch wieder von vorn anzufangen, in freier Übernahme für verbindlich erklärt." Also die Haltung von politischer Entschlossenheit, das Dasein wie es eben ist, zu leben, ist das Entscheidende. Die Bezwingung der konkreten Situation, der Primat des selbstmächtigen Lebens und der offenen Frage, das Zu-allem-imstande-Sein, darauf läuft diese Philosophie als philosophische Menschenkunde hinaus. „Dem Elend und der Herrlichkeit einer blinden Unermeßlichkeit ausgeliefert!" „In seiner Macht scheint der Mensch also auf seine Ohnmacht oder seine Dinglichkeit durch. Er ist eigentlich auch Körper. Von diesem Körper läßt sich der Mensch bis ins Letzte bestimmen.... Geburt, Abstammung, Tod haben über ihn Gewalt und stellen sich auf dem gleichen Anspruch auf Cssentialität und Universalität, wie ihn der dem Menschen einheimische Bezirk des sich selber aussprechenden Lebens erhebt, seiner Macht entgegen." So kommt der Verfasser in dem zwölften Schlußkapitel „Gebundenheit an ein Volk" zu dem so lange und mühsam vorbereiteten, voraussehbaren Schluß: „Wenn es mit der offenen Fraglichkeit und Unergründlichkeit gegeben ist, daß der Mensch nur als Freund oder Feind gemeinschaftsoffen zu leben vermag, so ist mit der gleichfalls die offene Fraglichkeit zum Ausdruck bringenden Transparenz.... ihre Brechung und damit die Volkhaftigkeit seines Lebens und Seins gegeben" (S. 89). „In dem Gesichtskreis seines Volkes liegen für den Menschen alle politischen Probleme beschlossen, weil er nur in diesem Gesichtskreis, in der zufälligen Gebrochenheit dieser Möglichkeit existiert. Die Verschränkung von Vorhandensein und Leben, in der keines der beiden den Vorrang hat, erlaubt dem Menschen keine reine Realisierung, weder im Denken noch im Tun, weder im Glauben noch im Schauen, sondern nur die auf ein bestimmtes Volkstum relative, dem er blickhaft und traditional immer schon angehört. Volkheit ist ein Wesenszug des Menschen wie: Ich und Du sagen Können, wie Vertrautheit und Fremdheit, wie Gewagtheit und Eigentlichkeit seines ihm zur Führung überantworteten Lebens." Ist nach dieser Inhaltsanalyse eines Philosophen von anerkanntem Rang, der in typischer, wenn auch auf jedem Gedanken ursprünglicher Weise die Hinnahme des einfach gegebenen So-seins gegen jede idealistische oder gar neukantianische Richtung vertritt, ist danach noch ein Wort über die nicht leicht zu unterschätzende Bedeutung einer solchen Lehre für das moderne Judentum zu verlieren? Verblassen danach nicht alle humanistisch-liberalen Ideen, alle homiletischen Wendungen von Gleichheit und Freiheit? Das ist die Frage. Dieses Referat hatte den einzigen Zweck, die Gedanken in aller Gedrungenheit nachzuzeichnen, die das heutige Weltbild von Macht, Politik und Volkheit am tiefsten begründen. Die „Richtigkeit" dieser Gedanken steht hier vorläufig nicht zur Diskussion. Sie in ihrer ganzen Schwere im doppelten Sinn und mit ihren Konsequenzen durchzudenken, ist Pflicht jedes herkunfts- und situationsbewußten jüdischen Menschen, sie als nicht „gemeinverständlich" genug wegzuschieben, wäre Selbstaufgabe und Weiterschreiten in der Auflösung des Judentums. F. Bei den CDarannen in Persien Von Dr. Walter F i s ch e l (Jerusalem) Anläßlich des diesjährigen 18. Orientalistenkongresses in Leiden weilte Dr. Walter Fischel aus Frankfurt, zurzeit Lektor der Jerusalemer Universität, in Holland und hielt in Amsterdam und Haag allgemein Aufsehen erregende Vorträge über das Leben der Juden in Persien, Kurdistan und Bagdad. Dr. Fischel hatte auf einer Orientreise Gelegenheit, die noch unerforschte Lage der Juden dort zu studieren. Er berichtete von den in größter Primitivität lebenden Stammesgenossen in Kurdistan, welche sich selbst als die vielgesuchten Nachkommen der zehn Stämme betrachen und über den schweren Lebenskampf, den die 60 000 Juden in Persien zu bestehen haben, den Gefahren des Maranen-Judentums und der Assimilation an Islam und Christentum ausgesetzt. Herr Dr. Fischel stellt unserer Zeitung den folgenden Aufsatz als Ergebnis seiner wichtigen Forschungen zur Verfügung. Wenn die Geduld, mit der Schmerzen und Leiden ertragen werden, nach den schönen Worten von L. Z u n z, wirklich adelt, so nehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf, und wenn es eine Stufenleiter von Leiden gibt, dann hat das Volk Israel die höchste Staffel erstiegen. Aber innerhalb dieser Staffel muß er dem Abendland so unbekannten persischen Judenheit mit der erste Platz eingeräumt werden. War doch ihre Geschichte, bis vor vielleicht einem Jahrzehnt ein ungeheures Martyriologium, eine Jahrhunderte lange Tragödie, deren tragischer Held die ganze persische Judenheit war. Als Benjamin von Tudela im 12. Jahrhundert nach Persien kam, schätzte er die Zahl der Juden nur in einigen Städten wie z. B. Hamadan (Ekbatana) auf 50 000, die von Jsfahan auf 15 000, von Schiras auf 10 000, Rudbar 20 000, Schustar 7000, Hulwan 4000 etc., sodaß allgemein angenommen wird, daß die Zahl der gesamten persischen Judenheit im 12. und 18. Jahrhundert sich auf über eine halbe Million belief. Nach den günstigsten Schätzungen (Volkszählungen gab es bisher in ganz Persien nicht) von heute leben in ganz Persien etwas mehr als 60 000 Juden, die sich wie folgt verteilen: Schiraz 9000 Dörfer in Südpersien 2500 Teheran 8000 Buchir, Cazerun etc. 2000 Jsfahan 8000 Nehawend, Sultunabad etc. 1800 Hamadan 6000 Khoramabad 1000 Kaschan 8000 Kurdistan 2000 Jezd, Kerman 2000 Golpaygan Kermanshah 2000 Demawend Azerbaidjan 5000 Mazendran Mesched u. Umgebung 8000 Kl. Landgemeinden 1000 500 500 4000 Wie erklärt sich dieser außergewöhnliche zahlenmäßige Rückgang der persischen Judenheit? Genügt es, ihn durch natürliche Ursachen, Krankheit, Hungersnot, Auswanderung, Kriege, Mongolen-Cinfall und andere Kataßüophen zu erklären oder sollten da nicht noch andere Momente mitgespielt haben? Eine klare, wenn auch traurige Antwort gibt auf diese Frage die Chronik des persisch-jüdischen Dichters B a b a i b. Lutf aus dem 17, Jahrhundert. Diese Chronik, von W. Bacher in Auszügen mitgeteilt, ist bisher die einzige Quelle, die uns nicht nur über die politische Lage der Juden im 16. und 17. Jahrhundert informiert, sondern auch wertvolle, noch gar nicht ausgewertete Einzelheiten folkloristischer und kultureller Art vermittelt. Es sei hier nur kurz darauf hingewiesen, daß wir durch diese Chronik imstande sind, die örtliche Verteilung der jüdischen Gemeinden in dem Persien jener Zeit zu erkennen, daß wir Aufschlüsse erhalten über die von den Juden betriebenen Berufe, über ihr geistiges Leben, insbesondere über ihre starke Beschäftigung mit praktischer Kabbala, über ihre Namen, ihre Kleidung und ihre religiösen Gewohnheiten, ihre Beziehungen zur Judenheit der Außenwelt und vieles mehr. Diese Chronik, das „Cmek habacha" und der „Schebet Jehuda" der persischen Juden, schildert die unsäglichen Leiden und Verfolgungen, vor allem die Zwangsbekehrungen durch die Geistlichkeit unter der „glorreichen" Regierung des Schah Abbas I. und II. War die Zerstreuung des jüdischen Volkes unter alle Völker schon an sich ein Unglück, so mußte das Leben unter der Fahne des schulischen Islams als ein noch schwereres Schicksal betrachtet werden. Weit von Europa entfernt, ohne die Protektion eines Fürsten oder eines einflußreichen Glaubensgenossen, waren sie den Verfolgungen und Nachstellungen einer fanatischen Masse unbarmherzig ausgeliefert. Zwar sind wir infolge mangelnder Quellen nicht imstande, die Geschichte der persischen Juden darzustellen, wir können nur soviel sehen, daß das Mittelalter der persischen Juden mit der Safawidendynastie und besonders mit der Thronbesteigung des Schah Abbas I. (1587—1629) beginnt, dessen Regierung u. a. durch eine religiöse Wiedergeburt Persiens und durch die Einführung des Schiismus als Staatsreligion gekennzeichnet ist. Die schiitische Geistlichkeit, die seitdem ungeheuren Einfluß hatte, war es, die das Land von allen Ungläubigen reinigen wollte. Da die christliche Minorität, die Armenier vor allem, in dem Schah selbst infolge geleisteter Kriegshilfe einen wirksamen

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