Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 19 (1.10.1931)
- Article
- Die Allgemeinbildung des jüdischen Religionslehrers
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 297 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 19 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 297 seiner Persönlichkeit ausgeht, muß aus alle Fälle stärker sein, als der entgegengesetzt gerichteter Kräfte. Das ist nur denkbar, wenn der Religionslchrcr eine geistige Autorität darstcllt für jene, auf die er wirken will. Für den jüdischen Neligionslehrer ist das garnicht so leicht, da der Jude durchweg einen ungeheuren Respekt vor der Bildung hat; einen Menschen, an dem er Bildungslücken empfindet oder bloß vermutet, wird er nie als maßgebend für den Aufbau seiner Weltanschauung aus stch wirken lasten, oder auch nur für reale Beurteilung seiner Handlungen anerkennen. Praktisch bedeutet das zweierlei: 1. Wenn das Bildungsniveau des Religionslehrers bei den Eltern keine Anerkennung findet, ist die Möglichkeit auf die Kinder durch Lehre und Beispiel cinzuwirken, sehr stark beeinträchtigt. 2. Für die späteren Willcnsentscheidungen des Schulentwachsenen ist die Tätigkeit eines solchen Lehrers gänzlich ohne Einfluß. Nun soll aber der jüdische Neligionslehrer auch Führer seiner Gemeinde sein. Führer kann aber nur der sein, der seine Umwelt so versteht, daß er jederzeit die entsprechende Haltung einzunehmen vermag. Wie soll er aber diese Umwelt verstehen können, wenn er ihr, auch nur zuin Teil, an Bildung unterlegen ist? Dein Religionslechrcr ohne umfastende Allgemeinbildung fehlt weiterhin in hohem Grade die Möglichkeit, die Stoffe des Religionsunterrichtes mit Lebensnähe zu erfüllen. Er empfindet nicht die Probleme der Zeit wie andere geistige Menschen, die neben ihm direkt und indirekt auf Kinder und Gemeinde wirken; er kann sie darum nicht entsprechend bei der Ausgestaltung und Form seines Unterrichtes berücksichtigen. Das gilt nicht nur gegenüber dem Schüler der höheren Schule, wie vielleicht mancher meinen wird, sondern auch gegenüber dem Volksschüler oder dem Erwachsenen mit bloßer Volksschulbildung. Denn auch die Bildung der Volksschule ist dauernd im Flußc; der Bildungshorizont erweitert stch, Bildungsstoffc lösen einander ab. Ein Neligionslehrer, dem nicht eine gediegene Bildung die Möglichkeit gibt, im Kontakt mit dem geistigen Leben der Zeit zu bleiben, „altert" allzu rasch, inacht bald den Eindruck des Erstarrten und „Rückständigen". Das ist aber eine ganz besondere Gefahr. Alle Gegenströmungen gegen das Religiöse beginnen damit, daß sie den ganzen Komplex des Religiösen als etwas Veraltetes und Überholtes kennzeichnen wollen. Sie werden damit umso leichter Erfolg haben, wenn derjenige, der Träger des Religiösen sein soll, tatsächlich wegen seines Verhaltens und Wistens von seiner Umgebung als „rückständig" empfunden wird. Selbst noch so viele innere Wärme und Begeisterung kann das Manko nicht inehr ausgleichen, das entsteht, wenn das Urteil über den Religionslehrer behauptet, daß ihm „das Verständnis für die Gegenwart" fehle. Nicht rninder bedeutsam ist die Allgemeinbildung des jüdischen Lehrers für die wirkungsvolle Ausgestaltung seiner speziellen Tätigkeit, für den Unterricht. Zur pädagogischen Beurteilung des Schülers, zum psychologischen Verständnis seiner Individualität, zu einer den Verhältnisten angepaßtcn methodischen Gliederung, Darbietung und Anwendung der Unterrichtsstoffe gehört ein großes Maß pädagogischer Einsicht und pädagogischen Wissens. Vor 150 Jahren hielt man das Schulhalten für ein Handwerk, für dessen Vorbereitung etwas Drill und eine halbjährige Dressur in der Technik des Unterrichtens genüge. Heute ist ein Lehrer ohne eingehende Kenntnis der Pädagogik ebenso undenkbar wie ein Arzt ohne medizinisches Studium. Die Pädagogik ist heute eine Wissenschaft, aufgcbaut auf den Grundwissenschaften der Psychologie, Ethik, Philosophie, Soziologie und anderen Gebieten; ihr Studium kann daher nur der mit Erfolg betreiben, der an den verschiedensten Bildungsstofsen sein Denken geschult und die nötigen Begriffe erworben hat. Man hat heute z. B. in den bayerischen Lehrerbildungsanstalten die Pädagogik fast ganz auf das letzte Bildungsjahr verschoben; sie dominiert hier mit 25 Wochenstunden. Die Schüler haben zu dieser Zeit bereits eine Allgemeinbildung erworben, die der Hochschulreife nahesteht. Die da glauben, daß ein tüchtiger Neligionslehrer in ein paar Jahresstundcn zum Verständnis und zur Beherrschung pädagogischer Probleme, Theorien und ihrer praktischen 'Anwendung geführt werden' könne, gar wenn er nur Volksschulbildung besitzt, haben selbst gewiß keine Ahnung von der modernen Pädagogik. Notwendig für den jüdischen Religionslehrer — und nicht überflüssig, wie viele glauben — ist auch die Beschäftigung mit der Methodik der verschiedensten Fächer des Volksschulunterrichtcs, wie sie in der Lehrerbildungsanstalt angebahnt, und in der Vorbereitung zum Staatsexamen für Volksschullehrer geübt wird. Abgesehen davon, daß es für den Religionslehrer überaus wichtig ist, zu wissen, in welchen Stoffen und mit welcher Methode seine Schüler unterrichtet werden, ist überhaupt die Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes selbst von jeher von der Methodik der anderen Unterrichtsfächer befruchtet worden. Die Untersuchungen und Experimente im Unterrichte von Geschichte, im Leseunterricht, Anschauungsunterricht, im fremdsprachlichen Unterricht und anderer Fächer sind bahnbrechend gewesen für die wirkungsvolle Ausgestaltung des jüdischen Religionsunterrichtes. Nur ein Lehrer, der die Methodik dieser Fächer theoretisch und praktisch versieht, findet den Weg zu jener Form des Religionsunterrichtes, wie sie dem modernen Unterricht der anderen Fächer entspricht — und auf die Dauer wird nur der Religionsunterricht fruchtbar sein, dessen Methode nicht schlechter ist als die der anderen Unterrichtsfächer, abgesehen davon, daß nur gründlich durchdachte Methodik gestattet, die geringe, für den Religionsunterricht zur Verfügung stehende Zeit intensiv auszunützen. Es sind heute zwei entgegengesetzte Gruppen, die die Anstellung von Rcligionslehrern mit geringerer Allgemeinbildung in Erwägung ziehen. Die einen sind von der Notwendigkeit des Religionslehrers überhaupt nicht so sehr überzeugt und erachten es als übertriebenen Luxus, daß für die kleinen Gemeinden rnit ein paar Kindern ein „teurer" Seminariker angestcllt wird. Diese Kreise möchten, doch folgende Tatsache bedenken. Dadurch, daß der Heranwachsende Jude auf dem Lande, der doch hier irnrner ziemlich allein ist, dauernd in einer Abwehrstellung zu seiner Umwelt steht, ist deren moralische Haltung von geringem Einfluß auf ihn, ja er wird ihr spontan entgegengetrieben. Ist nun das Elternhaus nicht durch besondere Geistigkeit in der Lage, das Kind zu beeinflußen, so bleibt einzig und allein eine eventuelle Einwirkung des religiösen Unterrichtes auf die moralische Entwicklung des Schülers. Wenn der Religionslehrer nicht dazu in der Lage ist — das ist, wie oben entwickelt, gewiß nicht der Fall, wenn er nicht über umfassende geistige Bildung verfügt — dem Schüler die inoralischen Werte nachhaltig zu übermitteln, so besteht sehr die Gefahr, daß in vielen Fällen sich Amoralität und Asozialität ausbildcn. Solche Einzelerscheinungen aber kommen auch den Juden in den Städten wieder teuer zu stehen! Cs gebietet daher schon die Zukunft, durch allseitig gebildete Rcligionslehrcr das moralische Niveau auch in der kleinsten Gemeinde nach Möglichkeit zu sichern. Und noch ein zweites. In den Kleingemeinden ist der Religionslehrer für die Umwelt der Repräsentant des Judentums. Ohne entsprechende Bildung fehlt ihm, wie Vorkommnisse zeigen, die nötige Einsicht, urn sein Verhalten und das seiner Gemeinde gegenüber der nichtjüdischen Umwelt immer der Situation gemäß cinzustellen. Welchen Eindruck muß es auf Behörden z. B. machen, wenn der Lehrer sich nicht in der Sprache der Gebildeten ausdrücken kann oder gar die deutsche Sprache nicht beherrscht? Es gibt aber auch Kreise, die gerade durch Religionslehrer mit geringer Allgemeinbildung, dafür aber mehr jüdischer Bildung, glauben, dein jüdischen Leben auf dem Lande neuen Auftrieb verleihen zu können. Abgesehen davon, daß fast alle Lehrer, die bisher in dieser Kategorie präsentiert worden sind, auch in ihrer jüdischen Bildung hinter dem Durchschnitt der Seminariker zurücksichen, würde die vertiefte jüdische Ausbildung im Endeffekt für den Lehrer keinen Zweck haben, wenn wesentliche Lücken der Allgemeinbildung seine Wirksamkeit im voraus lahmlcgen. Der innere Zusammenhang ist ja oben zur Genüge dargelcgt. Als Illustration kann der Artikel in Nr. 55 des „Israelit" dienen, der übcrschrieben ist: „Ein Notschrei für unsere Jugend in Crez Isroel." Der Schreiber jenes Artikels schildert die kritische religiöse Lage der Jugend der orthodoxen Kreise in Palästina. Um diese Jugend für das Religiöse zu erhalten oder wiederzugewinnen, verlangt er nun nicht Absolventen von Ieschibas oder Lamdonim (beides gäbe es ja dort genügend), sondern deutsche jüdische Akademiker. Die frommen Thoragelehrten des Landes sind zwar in der Lage, den Kindern in der Verkaufsstellen { Hiltensbergerstraße 8 Fernsprecher 3706 46 Glückstraße 10 Fernsprecher 2 96944 Thierschstraße 19 Fernsprecher 220 82 Franz-Josef-Straße 29 Fernsprecher 304 52 SchleißheimerStraßelOO Fernsprecher 370 3 26 Winzererstraße 92 Belgradstraße 28 Für Säuglinge und Kinder nur Boschhof*Vorzugsmilch Hauslieferung durch Boschhof-Verkaufszentrale Schleißheimer Straße 100 / Tel. 370326