Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1931
- Issue
- 9 (15.9.1931)
- Article
- Bericht über die 50. Mitgliederversammlung des jüdischen Lehrervereins für Bayern e. V. am 30. und 31. August 1931 in Ansbach
- Date
- 1931-09-15
- Page
- Seite 22 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9934493-9934630-9934636-2741079--268-2741134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
(Mitteilungen des Wischen Leheernereins für Supern Schriftleitung: Max Adler, München 1931 München, 15. September ' Nr. 9 Bericht über die 50. Mitgliederversammlung des Indischen Lebrervereins für vavern e.V. am 30. und 31.5lugust 1931 in ftnsbad) (Stimmungsbericht) “rv> □: mt? ü'Vj r.ai 212 na ran „O, wie schön und wie lieblich ist's, wenn Brüder friedlich beisammensitzen." Dieses Psalmwort fand durch die Zusammenkunft der bayerischjüdischen Lehrer im blumcngeschmücktcn, . altehrwürdigen Saale des Hotels Zirkel in Ansbach lebendige Illustration. Von allen Teilen des lieben Bayernlandcs waren sie trotz wirtschaftlicher Sorge und Drangsal in stattlicher Zahl hcrbeigecilt, um in gemeinsamer Arbeit die hohen Aufgaben und Ziele des Lehrberufes zu besprechen. Der Vorsitzende Rosenfeld (München) gab auch in seinen herzlichen Begrüßungsworten der Freude darüber Ausdruck, daß die Kollegen dem Ruf der Verwaltung trotz der sorgenvollen Zeit so zahlreich gefolgt sind und sprach den Wunsch aus, daß auch fürderhin ptn "12*0 VHX bü LPX einer dem andern zurufen möge: Sei stark! Adler (München) referierte daraufhin über das Thema: Zur rechtlichen Stellung des jüdischen Lehrers, der jüdischen Schule und des jüdischen Religionsunterrichtes. Mit Recht betonte der Redner die Notwendigkeit dieser Besprechung und machte die Kollegen darauf aufmerksam, die einschlägigen, höchst wichtigen und intercstanten Werke zu studieren. Nicht ohne Mißmut vernahm so mancher Zuhörer die bedauerliche Feststellung, daß auch das Gesetz des 20. Jahrhunderts noch erhebliche Unterschiede zwischen jüdischer und öffentlicher Volksschule kennt und daß damit die Stellung des jüdischen Lehrers und des jüdischen Religionsunterrichts auch heute noch beeinflußt ist vorn Geiste alter Iudcncdikte. So mag vielleicht in manchem Kollegen etwas Mißstilnmung und vielleicht gar Enttäuschung erzeugt worden sein, als vorn rein christlichen Charakter der Simultanschule, von der. Schwierigkeit bei Errichtung von jüdischen Volksschulen und dem unzweideutigen Saß: „Eine jüdische Volksschule kann nie öffentliche Volksschule sein" die Rede war. Das reichhaltig» in allen Punkten mustergültig durchgeführten Referat wurde von der Versammlung mit größtem Intereste und innersten: Miterlebcn ausgenommen, was auch durch den reichen Beifall allerseits deutlich zum Ausdruck kam. In der Aussprache machte besonders Dr. Bamberger (Nürnberg) wertvolle Ausführungen und hob mit eigener Genugtuung und zur Besserung der Allgcmeinstimmung hervor, daß zwar vieles in: Referat Geschilderte wenig erfreulich sei, daß aber andererseits die Sache in der Praxis doch etwas milder ausschc, als in der Theorie. Der Vorwurf, daß auf jüdischer Seite dem ganzen Fragenkomplex von jeher zu wenig Beachtung geschenkt wurde, löste bei der Versannnlung zwar kein Lustgefühl aus, zeigte aber um so deutlicher, wie dankbar und zweckmäßig die Auswahl des behandelten Themas sich erwies. In Angleichung an das menschliche Leben, das bekanntlich mit den: Tode schließt, endete auch die Tagesordnung mit den: Punkt: Sterbcsallschuß. (Referent Uhlfelder, Nürnberg). Di cMitglicder können dadurch — zwar nicht vor — aber b e i Stcrbcfällcn geschützt werden, und zwar nrit einer Beihilfe von RM. 150.—. Die damit verbundene Herabsetzung des Jahresbeitrages von 30 auf 25 RM. wurde in anbetracht der überall herrschenden Finanznot allgemein begrüßt. Um letztere aber wenigstens für einige Stunden zu vergessen — dazu war das für 20 Uhr angesetzte „gemütliche Beisammensein" angetan. Gleich zu Anfang desselben forderte der I. Vorsitzende dazu auf, alle noch im Herzen wohnenden Sorgen aus dem Saale zu verbannen, um einige Stunden ungetrübter Gemütlichkeit miteinander verleben zu dürfen. Das geflügelte Wort jener alten jüdischen Frau: „Mci' Sorg' sind die Dajes" sollte zur Parole werden. Dadurch, daß die Sorgen aus dein Saale entfernt waren, hatten natürlich desto mehr lustige Menschen Platz iin Ramne. Die Israelitische Kultusgemeindc Ansbach war erfreulicherweise sehr zahlreich erschienen, was von allen Kollegen anerkennend und gerne festgcstellt wurde. mV'irQ □.'1 Q’Tirn □v-]yj oy Jünglinge und Jungfrauen, Alte und Junge hatten sich eipgesunden. Galt doch auch hier' das Thorawort: aOpl2l n :n '2 irrTUmn 12O22 „Mit unseren Jungen und mit unseren Alten, mit unseren Söhnen und mit unseren Töchtern wollen wir gehen, denn ein gottgeweihtes Fest ist's für uns." So war bald alles ins lebhafteste, aber zugleich auch gemütlichste Gespräch vertieft, alles in frohe Festesstimmung versetzt, die durch mehrere Lachsalven, erzeugt durch Adler-Marx-Strauß-Franksche Witze, und Rosenwald-Wechslersche Poesien, noch erhöht wurde. Das Klavier in der Ecke brauchte auch nicht zu schweigen, es erklang vielmehr wiederholt in „wechsl(er)vollen" Weisen und half die Jomtof-Stimmung vervollständigen. Um diese aber nicht ins „Uferlose" sich verlieren zu lassen, nahm Kollege Levitc (Gunzenhausen) das Wort zu einer längeren kulturhistorischen Plauderei über die Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstentum Ansbach, voran ihrem hochverdienten und in Lehrerkreisen ganz besonders hochgeschätzten 1. Vorstand Herrn Kommerzienrat Dictenhöfer, für das große Entgegenkommen und die liebevolle Ausnahme, die uns bayerischen Lehrern hier erwiesen wurde, allerherzlichst zu danken. Ein kräftiges, von Kollege Wechsler (Alzenau) angesiimmtes Hoch auf die Kultusgcmeinde Ansbach brachte die Anerkennung und den Dank aller Kollegen in deutlicher Weise zum Ausdruck. So hatte der erste Versammlungstag einen fröhlichen und zugleich würdigen Abschluß gefunden. „Die Mitternacht zog näher schon", als man sich, allgemein heiter und befriedigt, zur Nachtruhe zurückzog. Am anderen Morgen hieß cs früh wieder an die Arbeit gehen, um die überaus reichhaltige Tagesordnung zu bewältigen. Nach kurzer, aber sehr herzlicher Begrüßung der erschienenen Gäste erinnerte der Vorsitzende daran, daß die diesjährige Mitgliederversammlung die vierte in der Stadt Ansbach sei und daß die Israelitische Gemeinde dabei immer dem Vereine mit gleicher Liebenswürdigkeit cntgegengekommen sei. In seiner Erwiderung erhob Kommerzienrat Dietenhöfer u. a. hervor, daß die seinerzeitige Eingruppierung der Lehrer nicht nur in deren eigenem Interesse, sondern auch in dem der Gemeinden gelegen war. Mit dem Gefühle des Stolzes, aber auch zugleich der Trauer, vernahm die Versammlung aus seinem Munde von der eifrigen und zähen Mitarbeit des verklärten Vereins- und Dcrwaltungsmitglicdes Strauß (Nffenheim) dessen Verdienst um die Hebung des jüdischen Lehrerstandes nicht hoch genug eingeschätzt werden könne. Die ausgesprochene Versicherung, daß es auch jetzt in schwerster wirtschaftlicher Notzeit erste Sorge des Verbandes sei, das Einkommen der jüdischen Beamten sicherzustcllen, löste allgemein das Gefühl froher Zuversichtlichkeit aus. Auch die wertvollen Ausführungen s. Cw. des Bezirksrabbincrs Dr. Munk (Ansbach), der die Ausgäbe des jüdischen Lehrers als eine innere (Pflege der jüdischen Kultur) und eine äußere (würdige Vertretung der Gemeinde nach außen) begreift, wurden nrit Interesse und Beifall ausgenommen. Hierauf erstattete unser bewährter I. Vorsitzender Rosenfeld (München) seinen ausführlichen, in jeder Hinsicht vollendeten Jahresbericht. Tiefernste Gesichter blicken, wie von höherer Macht gebannt, hin zum Vortragenden, der die allgemeine schwerbedrohtc Wirtschaftslage, die auch den jüdischen Lehrcrstand sehr hart trifft, in. anschaulicher Weise schildert. Mit Entschiedenheit und Recht weist er das noch in vielen Genreindcn geläufige Schlagwort vorn „sorgenlosen Beamten" zurück. Auch die Zukunftsaussichten sind sehr trübe. Sind doch seit 30 Jahren über 100 Stellen cingegangen und nach der rückläufigen Bewegung der jüdischen Bevölkerungsentwicklung ist mit weiteren Stellenauflösungen zu rechnen. Die Gefahr der Überfüllung des Lehrberufes sei daher ohne Zweifel gegeben. „Aber" so fragte er, welcher Beruf ist heute nicht überfüllt? Unlustgefühle erweckte auch die Erwähnung folgender Punkte: Rapider Rückgang (anhand statistischer Aufzeichnungen) der jüdischen Bevölkerung, Besetzung von Lehrerstellen durch Rabbinatskandidaten, erschreckende Übcrhandnahme nicht vorgebildetcr Lehrer. Ein Sturm der Entrüstung mit lebhaften „Hört-Hört!"-Rufcn durchzog die Versammlung, als man vernehmen mußte, daß selbst Kuratoriumsmitglieder der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Würzburg sich für die Anstellung ungeprüfter Lehrkräfte verwendeten. Mit Freude und Genugtuung vernahm man hingegen die Kunde von der Wiedereröffnung der beiden Volksschulstellen in Mittelsinn und Mainstockheim. Spontan erhebt sich die ganze Vcrsamrnlung, als der Vorsitzende in kurzen, aber eindrucksvollen Worten der Toten gedenkt, die der Verein im abgelaufenen Jahr zu beklagen hat. Den teuren Verklärten bleibt ein ehrendes und dankbares Gedächmis im Vereine gesichert. Im Schlußwort riet der Vorsitzende, trotz der außerordentlich schweren Zeit, den zur Berufsarbeit notwendigen Optimismus, der auch in