Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 18 (15.9.1931)
- Article
- Einweihungsfeier der neuen Synagoge in München
- Date
- 1931-09-15
- Page
- Seite 280 (sequence 2)
- Language
- German
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280 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr.-18 MM MM 1. Blick zu,n Eingang klärung der verschiedenen einander ergänzenden Auffassungen unserer Weisen über die Grundelemente der jüdischen Lehre. Herr Rabbiner Dr. Baerwald sprach in andächtigen, die Zuhörer tief ergreifenden Worten den Dank für das wohlgelungene Werk der Eintracht und erbat vom Himmel den Segen für das neue Gotteshaus und seine Beter. Nach den Ansprachen der Herren Rabbiner ergriff Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer das Wort zu folgender Rede: Sehr verehrte Festversammlung! Ich bringe Ihnen die Glückwünsche der Kultusgemeinde München und des Verbandes Bayerischer Israelitischer.Gemeinden, der öffentlich rechtlichen Vertretung des Landes. Cs ist ein erhebendes Schauspiel, das sich vor unseren Augen hier auftut. 2n einer Zeit, in der wirtschaftliche Not die Aufgaben kultureller Art zurückdrängt, ersteht ein Gotteshaus meisterlicher Art, geschaffen durch die Hingabe und die Opferwilligkeit eines kleinen Kreises von Glaubensgenossen. Cs gibt ein eindrucksvolles Wort von Maimonides in „Mischne thora", worin auf Grund talmudischer Quellen die Pflicht für alle Inwohner einer Stadt festgesetzt wird, eine Stadtmauer aufzurichten und eine Synagoge zu erbauen und die nötigen Thorarollen und anderen heiligen Schriften anzuschaffen, daß jeder, der lesen will, sie auch lesen kann. Hier wird für alle Inwohner einer Stadt diese Pflicht festgestellt als Grundlage jüdischer Gemeinschaft. In unserem Falle aber hat ein kleiner Ausschnitt aus einer großen Gemeinde dieses Werk vollbracht aus eigener Kraft. Cm helles Licht wirft diese gemeinnützige Tat in unsere so materiell veranlagte Zeit. Über den Rahmen unserer Gemeinde und der Gemeinden des Landes hinaus wohnt ihr eine große bildhafte Be- deutung bei. Denn diese Tat zeigt die Lebenskraft unserer jüdischen Gemeinschaft, sie zeigt den siegreichen jüdischen Gedanken, der über alle Hindernisse des Tages hinweg seine Verwirklichung findet und fähig ist, seine weltgeschichtliche Bedeutung weiter zu erfüllen. Darum danke ich im Namen der jüdischen Gemeinschaft für diese hochherzige Tat. Das Werk lobt den Meister. Unser Dank gebührt dem Architekten, der das Haus geschaffen, dem als echten Künstler der Geist der Dinge Antwort gegeben, der den religiösen Gedanken in so ergreifender und uns so tief berührender Weise verwirklicht hat. Es ist uns der bürgerlichen Gemeinde München auch eine Genug- . tuung, daß es in dieser schweren Zeit möglich geworden ist, einer großen Reihe von gewerblichen Betrieben und Arbeitern lohnende Beschäftigung zu geben. Zur besonderen Freude aber gereicht es mir als Vertreter der Kultusgcmeinde meine Glückwünsche auszusprechen. Denn das Gotteshaus ist eine Zierde unserer Gemeinde und es ist das sichtbare Zeichen, daß der ostjüdische Bevölkerungsteil sich wohl in unserer Gemeinde fühlt. Cs ist das auf Iahre zurückreichende Bestreben unserer Gemeindeverwaltung, dem Frieden nachzugehen, in Eintracht mit allen Teilen der Gemeinde zu leben und dahin zu wirken, daß alle Richtungen und Erscheinungsformen in der Gemeinde, unbeschadet ihrer selbständigen geistigen und religiösen Einstellung, zum Wohle des Ganzen zusammenstehen und seine Interessen fördern. Und dieses unser Bestreben hat das volle Verständnis der hier beteiligten Kreise gefunden und so darf ich in dieser bedeutungsvollen Stunde feststcllen, daß die ostjüdischen Bevölkerungskreise in voller Harmonie mit der Gemeinde leben und zu ihrem Teil die wertvollsten Dienste der Gemeinde leisten. So möchte ich denn unserer Feier die Worte zum Geleite geben: Möge dieses Haus sein eine Stätte echter Andacht und wahrer Gottesfurcht, Möge das Haus Beispiel geben als Denkmal gemeinnütziger Gesinnung und treuester Opferbereitschaft, Möge der Frieden des Herzens und der Welt über diesem Hause schweben für alle Zeit! Herr Iustizrat Dr. Elias Straus ging bei seiner darauffolgenden Ansprache von dem Midrasch zu dem laufenden Thoraabschnitt „atem-nizowim“ (5. Buch Moses 29, 9) aus: „Ihr fteht heute alle vor dem Angesicht Gottes, eure Stammhäupter, eure Richter, eure Alten, eure Amtleute." Er gab eine Deutung des Begriffes der Agudah echod, der einen Gemeinde, die sich sehr wohl mit den einzelnen geschlossenen Gruppen innerhalb der Gemeinschaft vertrage. Iustizrat Straus erinnerte an den seit frühesten Zeiten zu beobachtenden landsmannschaftlichen Zusammenschluß der einzelnen jüdischen Gruppen, z. B. in Amsterdam, Hamburg, Saloniki usw. Diese Gruppierung habe sich von jeher erhalten und spiegele das Golusschicksal der Iudenheit wieder, es widerstreite nicht dem wohlverstandenen Einheitsgedanken. Mit dem Gedanken an die jüdische Vergangenheit habe sich in jedem Augenblick des jüdischen Bewußtseins' die große Idee an die jüdische Zukunft verbunden. Herr Wiesel, von der Vorftandschaft der Betvereine, dankte in herzlichen Worten allen Rednern.