Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 17 (1.9.1931)
- Article
- Aus zeitfernen Lebensräumen
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 268 (sequence 2)
- Language
- German
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268 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 huldvoll dankte Friedrich Wilhelm und begann dann die Front abzuschreiten. Für jeden hatte er ein angenehmes Lächeln, viele zeichnete er durch Ansprachen aus. Mein Großvater sah ihn herankommen. Jetzt, so menschlich nahe, konnte er auch den Menschen vom Monarchen unterscheiden. Es war ihm nicht ganz wohl dabei, und doch regte sich erst jetzt sein ganzer Respekt vor diesem Mann. Das war wirklich keine Puppe aus der Menschheit Kinderstube, mit Krone und Hermelin — das war ein seltsamer, leidend erfahrener, sokratisch lächelnder Denker. Der Witz umspielte seinen Mund, der in das rote, volle Gesicht einen feinen Gegensatz brachte — die Äuglein hatten die heimliche Laune des Beobachters. Man vergaß die große Uniform, ja fast den König bei ihm. Nun war er da. Mein Großvater gab sich letzte Haltung, ohne seine hohe Schulter, seine auswärts stehenden Füße kaschieren zu wollen. 2m Innersten wünschte er, daß der König ihn so unscheinbar nahm, wie er nun einmal war, und weitergehcn möchte. Aber nein — die beiden vor ihm hatte er nur angelächclt — bei meinem Großvater blieb er stehen. „2hr Name?" fragte er nach kurzer Betrachtung. „Manaffc Cohen, Euer Majestät!" „Beruf?" „Kaufmann!" „Wie ist der Name? Cohen oder Cohn?" „Cohen, Euer Majestät!" Der Tschako wackelte stärker — aber noch saß er — er inußte sitzen. Der kleine Mann biß die Zähne zusammen. „Sic schreiben sich also mit einem e?" fragte Friedrich Wilhelm nach einer Pause nachdenklich. „Au Befehl, Euer Majestät!" Der König sah in die Ferne — weit über die Breite Straße und das Schloß hinaus. Dann wandte er sich nochmals zu meinem Großvater: „Sie sind also ein Cohen aus dem Priestergeschlecht?... Dann gehören Sie ja unserem ältesten Adel an." Ein Nicken, kaum ein Lächeln noch — der König ging weiter. kiddusck ßajcbem ... Wir lesen in der Vostischen Zeitung: Das Tagewerk der Justiz geht seinen Gang, ein Angeklagter nach dem anderen tritt vor den Richter, ein Kriminalfall nach dein anderen wird auseinandergebreitct. Die Kette der Zeugen reißt nicht ab, sie leisten den Eid, es ist eine Formalität; eine wichtige, manchmal verhängnisvoll nachwirkende Formalität, aber die Prozeßbcteiligten sind daran gewöhnt, sie empfinden nichts dabei, sie denken sich kaum etwas dabei, sic machen es geschäftsmäßig und eilig ab. „So wahr mir-Gott helfe." Ein Greis, ehrwürdig in weißwallcndem Barte, hat Zeugnis abgelegt, in der harten fremdartigen Sprechweise des Ostens. Zwei armselige Diebe werden abgeurteilt. „Können Sie 2hrc Aussage beschwören?" schließt der Vorsitzende die Vernehmung. Der Greis erschrickt. „Schwören soll ich? 2ch soll schwören? Wegen so einer Unwichtigkeit soll ich den heiligen Namen Gottes anrufen? Das Me ich nicht." Der Vorsitzende belehrt: „Ich muß Ihnen den Cid abnehmcn. Das Gesetz verlangt cs so." Der Zeuge klammert sich mit ratlosen Blicken an ihn. „Cs steht geschrieben: Du sollst den Namen Gottes nicht leichtfertig aussprechen." Der Vorsitzende fährt geduldig fort, ihn über die gesetzliche Notwendigkeit aufzuklären. Der Greis kann sich nicht fasten. „Siebzig Jahre bin alt geworden, ohne zu schwören. Und jetzt soll ich noch schwören. Auf meine alten Tage soll ich den Namen Gottes mißbrauchen?" Es -gehe nicht anders, cs liege nicht in der Macht des Gerichts, ihn zu befreien. Die Stimme des Greises schwillt drohend. „Herr Richter, den Namen Gottes leichtfertig anzurufcn, ist Sünde. Die Sünde kommt auf Ihr Haupt, wenn Sie mich dazu zwingen." Der Vorsitzende redet ihm gut zu. Er müste auf dem Eid bestehen. Schlimmstenfalls könne er ihn erzwingen. Der Greis zuckt die Achseln. Kleinlaut, mit gesenkter Stirn, erklärt er sich bereit. Wenn es sein muß, so wolle er schwören. Aber er tue cs nur, weil der Staat ihn zwinge. Er weiche der Gewalt. Das Gericht erhebt sich, mit ihm die Zeugen und die Zuhörer. Der Greis bedeckt sich das Haupt, wie cs ihm seine Religion vorschrcibt. Schauer der geweihten Handlung wehen durch den Saal. Die abgebrauchte Formel hat ihren Glanz wiedergcwonnen, sie strahlt mit feuriger Kraft. Wie rollendes Gewitter dröhnen die inhaltschweren Worte über die Versammlung. „Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwistenden..." Rus der Gemeinde (Düncben ^Am 20. August verstarb unerwartet Herr Kommerzienrat Ligmund Weil, Mitglied der Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, der auch fast ein Jahrzehnt den Körperschaften der Israelitischen Kultusgemeinde München, von 1921—1928 ihrem Vorstand, angehört hat. Der Dahingeschiedene, der im bürgerlichen öffentlichen Leben eine überaus vielseitige gemeinnützige Tätigkeit entfaltet hat, ist in besonderem Maße auf dem Gebiete der Abwehr tätig gewesen und hat den Körperschaften, denen er seine Arbeit widmete, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiete durch seine Erfahrung und seine Tatkraft wertvollste Hilfe geleistet. Das Bauwesen der Kultusgemeinde München hgt er neu gestaltet und die Wohlfahrtsanstalten in Gemeinde und Verband modernisiert und gefördert. Sein Wirken für das bayerische Judentum wird in Verband und Gemeinde unvergesien bleiben. Ein gesegnetes Alter. Am 24. August wurde Frau Fanny Kronheimer geb. Freundlich, München, Landwehrstraße 7Z, 94 Jahre alt. Wir brachten voriges Jahr das Bild der alten noch rüstigen Dame. Ihr gelten auch heute wieder unsere herzlichen Glückwünsche. Rus der Gemeinde Rugsburg Wir möchten mit diesen Zeilen auf das Inserat in dieser Nummer Hinweisen. Cs betrifft den Israelitischen Kindergarten Augsburg von Fräulein Margot Veith. Er besteht seit zwei Jahren und erfreut sich eines guten Besuches. Hier finden sich Kinder von 3—6 Jahren zu gemeinsamem Spiel und kindlicher Tätigkeit zusammen. Gerade die gemeinsame Erziehung ist es, die in heutiger Zeit so notwendig ist. Die bisherigen Erfolge von Fräulein Veith haben bewiesen, welch' guter Stern über ihrem Unternehmen waltet. Möge ihre Tätigkeit auch in Zukunft die Unterstützung aller Kreise finden. Rus bayerifdien Gemeinden Dinkelsbühl, 2. August 1931. Heute vormittag I I Uhr fand durch Se. Chrw. Herrn Bezirksrabbiner Dr. Munk, Ansbach, die feierliche Einführung des neu angestellten Lehrers Karl Krebs statt. Herr Krebs, desicn Eltern es vergönnt war, diesen Ehrentag ihres Sohnes mitzufeicrn, stammt aus einem frommen Ansbacher Haus und hat seine Ausbildung auf dem Würzburger Seminar genosten. Die Feier versammelte die Gemeinde in den schon seit Jahrzehnten von Herrn Adolf Hamburger unentgeltlich zur Verfügung gestellten Beträumen und wurde durch Wechselvortrag der Psalmen 91 und 100 cingeleitet. Hierauf begrüßte Herr David Levite den Herrn Rabbiner, den Herrn Lehrer, seine Eltern und die Gemeinde. In bewegten Worten, die allen Teilnehmern zu Herzen gingen, feierte er den heutigen Tag als eine Tat wahrhaften Mutes der Gemeinde. Dank und Freude erfülle uns alle,' daß wir diese Feier abhalten können. Und nun ergriff Herr Rabbiner Dr. Munk das Wort zu seiner Festpredigt, die tief in den Herzen widerklang. Den Dankpsalm 100 nahm er zum Ausgangspunkt. Dank dem allgütigen Gott, der in solch schwerer Zeit innerer und äußerer Not das Werk einer Gemeindegründung und die Anstellung eines Lehrers und geistigen Führers zur Ausführung kommen ließ. Dank dem scheidenden Lehrer Herrn Nosenstein, Schopfloch, der jahrzehntelang in treuer Pflichterfüllung für die religiösen Bedürfniste der seitherigen Filialgemeinde Dinkelsbühl sorgte und sein Bestes gab, den Kindern die heilige Lehre zu vermitteln. Dank besonders Herrn Benno Hamburger, der in solch uneigennütziger Weise lange Jahre hindurch die Vorbeterdienste versah. Dank Herrn Adolf Hamburger für die Bereitstellung der Beträume. Dank all denen, die in tatkräftiger Weise am Aufbau der Gemeinde wirkten und Dank der Gemeinde selbst für ihren Mut, ihr Bekenntnis und den unerschütterlichen Willen über alle Hemmniste hinweg diese Weihestunde zu ermöglichen.