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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-09-01 · 17 (1.9.1931) · p. Seite 267

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
17 (1.9.1931)
Article
Aus zeitfernen Lebensräumen
Date
1931-09-01
Page
Seite 267 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitrmg 267 5lus zeitfernen Lebensraumen „Vom ältesten 5ldel" Der beschlagene König Eine Anekdote aus dem Jahre 1848 Von Georg Hirschfeld, München Aus der Zeit der Wundcrwellen und der Lautsprecher tritt man noch einmal in die leise Dämmerung von Altberlin zurück, in den flackernden Lichtkreis einer Laterne, Spandauer Straße vielleicht, Hildebrand dem Pfefferküchler gegenüber. Dort wohnte um 1848 mein Großvater. Sehr klein und nicht ebenmäßig, mit der Würde und pedantischen Sauberkeit des Verwachsenen, durch einen Aylinderhut zureichend vergrößert; so ging er dort täglich seinen kurzen Weg vom Geschäftslokal, Shawl und Tücher, bis zu seiner Wohnung. Cr war ein Berliner von der fast verschollenen echtesten Art; das Bürgertum, das sein Vater erst erworben, war ihm noch heiliger Besitz. Mein Großvater hieß nicht kurzweg Cohn; o nein — es war bezeichnend für ihn, daß er sich Cohen schrieb (mit einer unwahrscheinlich schönen Gänsekielschrift), und daß das eingeschobene „e" nicht etwa willkürlicher Zusatz der Eitelkeit war, sondern tiefe, urhistorische Bedeutung hatte. Seine Vorfahren, gehörten zu den Cohens — sie waren Priester, wie die Levis es gewesen, und vor grauen Jahren hatten sie gepredigt, geopfert, nicht Shawl und Tücher verkauft. Von solchem Vorrang sprach mein Großvater natürlich niemals — er trug ihn nirgends zur Schau, verwahrte ihn aber in ernsten Stunden als innere Stütze. Die Märztage von 1848 brachten dem friedlichen Bürger ungeahnten Ernst. Wahrhaft tragisch hatte sich der Gegensatz von Despotismus und Freiheitsliebe entladen, die ganze Skala bis zur Tragikomik hin, und der revolutionäre Berliner hielt nun vor sich selbst erschrocken gleichsam die gewalttätige Rechte mit der Linken fest. Der Sturm vom 18. März verrauchte allmählich. Trauer um die Opfer folgte, und der Wille zu gesunden, ohne das eroberte Recht zu verlieren, war tief. Mein Großvater sah gern die Soldaten Wrangels abmarschieren, er liebte ihren groben Kommißschritt nicht — er war ja selbst ganz unmilitärisch. Gefallen ließ er sich aber auch nichts — o nein — die Cohens waren streitbare Priester gewesen. Immer wieder dachte mein Großvater über seinen König nach. Er hatte ihn bisher nur von weitem gesehen, diesen seltsamen, exklusiven Friedrich Wilhelm, und er glaubte ihn etwas besser zu kennen, als seine Geschäftsfreunde, darunter Rudolf Hertzog und Hermann Gcrson, die in einer kritischen Verschanzung verblieben. Die Schuldfrage, was den König anbelangte, war wunderlich ungelöst. Plötzlich bauten tausend unsichtbare Hände die Brücke vom Volk zurrr Herrscher. Mein Großvater, so klein und bescheiden er auch war, hatte getrost zuerst den Fuß darauf gesetzt. Cr spürte ein stilles Warten drüben. Dieser König war doch ein Mensch, ein besonderer dazu, ein leidender, suchender, sehr geistiger, der vielleicht für alles andere begabt war als König zu sein. Dick und unsoldatisch, ganz anders als sein Bruder Wilhelm, mit einem etwas bissigen, urberlinischen Schlagerwitz — so kannte man ihn schon. Aber immer noch sehr in Distanz. Der Dcspotenschrccken lebte noch, trotz dem 18. März — den Krallen der Reaktion war nicht zu trauen. Plötzlich, als man wie ein richtiger Brüderverein zusammenhielt, Frieden und Arbeit zu bewahren, geschah auch eine Annäherung des Königs. Nach dein Sturm war die Bürgerwehr aufgerufen worden. Es war Ehrensache, sich nicht von ihr auszuschließen, auch wenn man so unmilitärisch wie Manasse Cohen in der Spandauer Straße war. Er war natürlich nicht Soldat gewesen, und ein Gewehr hatte er mit seiner feinen Hand noch nie ergriffen. Vorerst war das auch jetzt nicht ltötig — Schießübungen sollten erst später kommen, für die besonders, welche das Pulver noch nicht kannten. Cs genügte, den Verteidiger der Bürgerruhe zu markieren. Immerhin machte es Spaß, kreuzweise weiße Schärpen, Gurt und Patronentaschen zu erhalten, dazu aus irgend einer Kaserne ein Mittelding von Schwert und Säbel — die alten Stadtsoldaten hatten dergleichen getragen. Auch der Kops bekam sein Teil — mit Aylinder konnte man ja unmöglich Wache stehen oder exerzieren. So wählte man den hohen Tschako, der oft wunderlich schief saß. Meinem Großvater war dieser Rüstungsgegenstand am liebsten, weil er ihn noch mehr als der Aylinder vergrößerte. Ein Jubel herrschte endlich wieder in der schönen alten Wohnung gegenüber Pfefferküchler Hildcbrand, als das Haupt der Familie sich in seinem ganzen kriegerischen Schmucke zeigte. Aber rnan lachte nicht darüber, man bewunderte es eigentlich nur — Frau Berta und ihre hübschen Töchter. Stolz sah man ihn von dannen ziehen. Daß der neue Mann der Bürgerwehr draußen auch ein lächelndes Flüstern fand, war begreiflich. Seine Erscheinung war zum mindesten seltsam — breitbeinig, behutsam, wie er auch jetzt noch seinen Weg nahm. Cr trug, frühzeitig kahl geworden, eine sorgfältig gepflegte Perrücke, aber der Tschako wollte durchaus nicht wie ein Aylinder auf der widerspenstigen „Tour" sitzen. Endlich war er am Standort, Köllnischer Fischmarkt, und der Kornmandeur, ein früherer Major, hielt Appell. Nach wenigen Tagen, als rnan schon bei jedem Wetter Posten gestanden, kam die große Neuigkeit: Seine Majestät hätten Allerhöchst seine Befriedigung über die Konsolidierung der Bürgerwehr bekundet und den Wunsch ausgesprochen, selbige in Person zu inspizieren. König Friedrich Wilhelm stellte also erneut den Kontakt mit seinen Berlinern her. Nun war der Ehrgeiz, weitab von den sonstigen Berufen der pflichttreuen Männer, mächtig angestachelt. In der Zeit, die noch verblieb, exerzierte man fanatisch, um noch einigermaßen Figur machen zu können. Für die Straßenkinder, die sich immer zahlreicher als Zuschauer einfanden, war das natürlich das größte Vergnügen, aber man beachtete ihr fröhliches Gekicher nicht, wenn ein Mann bei falscher Wendung dem anderen plötzlich gegenüberstand, zwei Nasen fast zusammenstießen, wenn Herr Schulze über seinen Säbel stolperte und Herr Mayer krachend am Boden saß. Die Königsparade war die Hauptsache und man erreichte schließlich auch etwas im Schweiße seines Angesichts. Der große Tag war da. Mein Großvater stand in der Front. Er lächelte, obwohl oder weil ihm das Herz klopfte. Der Kommandeur nahm noch einmal die Linie ab — es ging so einigernraßen, ja, es hatte etwas wirklich Mannhaftes und Packendes, wenn auch aus ganz anderen Gründen, als jede sonstige Formation. Freiwillige Verteidiger von Recht und Frieden — das war es. Männer jeden Standes, jeden Alters — endlich eine Volkseinheit. Die Karosse des Königs rollte durch die Breite Straße heran.. „Achtung! Still gestanden! Augen rrrechts!" Mein Großvater hatte sich in der Aufregung selbst auf den Fuß getreten — das machte aber nichts. Sein Herz schlug höher, er ließ den Tschako auf der Perücke zittern und bedauerte nur, daß alles so mäuschenstill blieb. Am liebsten hätte er, wie einst seinen Kindern, in die hohle Hand Fanfare geblasen. Nun entstieg die umfangreiche, etwas mühsame Gestalt des Königs dem Wagen. Man war vorbereitet. Friedrich Wilhelm trug den Federhut in der Hand — von seinem Adjutanten gefolgt, näherte er sich lächelnd der einzigartigen Front, die ihn erwartete. — „Güten Morgen, liebe Bürger!" — „Guten Morgen, Euer Majestät!" — Das klappte, der Kommandeur atmete auf. Cr erstattete dem König Meldung. Sebr Verkaufsstellen { Hiltensbergerstraße 8 Fernsprecher 370646 Glückstraße 10 Fernsprecher 2 96 9 44 Thierschstraße 19 Fernsprecher 22082 Franz-Jo'ef-Straße 29 Fernsprecher 30452 SchleißheimerStraßelOO Fernsprecher 370 3 26 Winzererstraße 92 Belgradstraße 28 Für Säuglinge und Kinder nur Boschhof*Vorzugsmilch Hauslieferung durch Boschhof-VerkaufszentraleSchleißheimer Straße 100/ Tel. 370326

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