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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-09-01 · 17 (1.9.1931) · p. Seite 265

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
17 (1.9.1931)
Article
Jüdische Geschichte und Gott
Date
1931-09-01
Page
Seite 265 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 265 Man sollte beide Elemente vereint, wenn schon in jeder anderen Geschichtsdarstellung, so erst recht in der des „Volkes Gottes" erwarten. Dubnow lehnt diese Art Geschichtsbetrachtung jedoch als „theologisch" oder „spiritualiftisch" ab. Er nennt seine Methode die soziologische und stellt sie über die theologische und spiritualiftische. Diese drei Stadien der Geschichtswissenschaft sind (bei teilweise anderer Wortwahl) bekanntlich das Schema, das der westeuropäische Posivitismus des 19. Jahrhunderts an öie Entwicklung des menschlichen Geistes anlegt. Die Übernahme des geistigen Systems des französischen Posivitismus durch Dubnow dürfte kein Zufall sein; Dubnow genoß seine Bildung im zaristischen Rußland, das in geistigen Dingen einseitig westeuropäisch orientiert war. Liest man französische Geschichtschreiber — gleich welcher Richtung, Aulard, Iaures oder Laviffe, - so wird man bei aller kritischen Sonde, mit der diese Männer an ihre Quellen Herangehen, doch immer ein politisches Interesse vorwalten fühlen. Jeder von ihnen will aus der Vergangenheit deduzieren, welchem politischen Ideal die Zukunft zuzueifern habe. — Es wäre eine schiefe Antithese, wollte man behaupten, Ranke und seine Schule in Deutschland seien demgegenüber rein „kontemplativ" gestimmt gewesen. Die Betrachtung der Vergangenheit zieht ihre stärksten Antriebe aus den Fragen, die die Gegenwart stellt; auch muß sie den Betrachtenden von selbst wieder auf die Zukunft Hinweisen, weil „Geschichte" ja nie abgeschlossen, sondern immer etwas Werdendes ist. So war Ranke's Geschichtschreibung mehr als die fleißige und kritische Stoffsammlung für politische und diplomatische Zwecke. Ihm führte die Feder eine echte Freude an der menschlichen Individualität, er empfand über dem Wandel der Geschehnisse die Dauer des Volkscharakters, er spürte hinter dem Auf und Ab säkularer Auseinandersetzungen — Gott. „Nicht ein... zufälliges Durcheinanderftürmen, Übereinanderhersallen, Nacheinanderfolgen der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte dar, wie es beim ersten Blicke wohl aussieht", heißt es einmal bei Ranke, „es sind Kräfte und zwar geistige, Leben hervorbringende, schöpferische Kräfte, selber Leben, es sind moralische Energien, die wir in ihrer Entwicklung erblicken. Zu definieren, unter Abstraktionen zu bringen sind sie nicht, aber anschauen, wahrnehmen kann man sie; ein Mitgefühl ihres Daseins kann man sich erzeugen." — „Fasse diese Wesenheiten in ihrer vollen Bedeutung ins Auge! So viel gesonderte, irdisch-geistige Gemeinschaften, von Genius und moralischer Energie hervorgerufen, in unaufhaltsamer Entwicklung "begriffen, mitten in den Verwirrungen der Welt durch inneren Trieb nach dem Ideal fortschreitend, eine jede auf ihre Weise. Schaue sie an, diese Gestirne, in ihren Bahnen, ihrer Wechselwirkung, ihrem Systeme!" — Ein religiöser Mensch rührt hier an die Grenzen unserer Erkenntnis, ein Meister des Wortes weiß auf der Höhe seiner Lebenserfahrung auszusprechen, wonach wir suchen, wenn die Fülle des Geschehens uns verwirrt. Zweifelsohne kann ein Blick über die Grenzen geschichtlicher Erkenntnis hinweg in das Gebiet religiöser Ahnung nur dann auch für die Wissenschaft fruchtbar sein, wenn der Forscher seinen Stoff bis in die letzten erkenntlichen Zusammenhänge hinein verfolgt hat und die Deutung, die er versucht, nicht etwa bestehende Machtverhältniffe zu glorifizieren unternimmt, sondern wirkliche Demut vor dem unendlichen Geschehen ausdrückt, von dem wir einen kleinen Ausschnitt wahrnehmen. In ein wissenschaftlich objektives System lassen sich diese Ahnung und Deutung nicht bringen. In diesem Sinne k a n n eS keine Geschichtsphilosophie geben. Als Disziplinen gibt es nur Geschichts Wissenschaft und Religions Philosophie. Es mag daher ein Zeichen von Selbftbescheidung sein, das gut zu Dubnow's zurückhaltendem Wesen paßt, wenn dieser Geschichtsschreiber der Juden auf jede Ausdeutung seiner sachlichen Darstellung verzichtet. Oder vielmehr: ganz kann auch er nicht auf diese Andeutung verzichten. In seinem Schlußwort — Graetz hatte in dem seinem an die alte religiöse Messiashoffnung ängeknüpft — drückt Dubnow den Wunsch aus, daß das jüdische Volk „nicht umsonst Jahrtausende hindurch unter dem Banner des ältesten Pazifismus, dem der Menschenliebe, der Ideale des Friedens und der Gerechtigkeit um seine Weiterexiftenz gerungen" haben möge. Diese Wendung ist Dubnow verschiedentlich, so auch in einer Besprechung von Dr. Ernst Simon, verdacht worden. Man mag mit Recht meinen, daß in Dubnow's Werk, das sich so ganz „positiv" gibt, dieser Ausblick nicht organisch aus der Darstellung erwachse, son-. dern etwas wie angeklebt wirken müsse. Umso bezeichnender ist dieser hergeholte Schluß für das Unbefriedigende des reinen „Positivismus" und die Notwendigkeit, sich auch mutig zu den Voraussetzungen des Glaubens zu bekennen, ohne die wir nicht leben können. Wenn die Zeichen nicht trügen, so sind wir mitten in einer Erneuerung des Denkens begriffen. Hatte der Positivismus die Urwirklichkeit Gottes als unbewiesen und unbeweisbar abgelehnt, so hat eine neue Generation den Mut, sich zu der lebendigen Erfahrung der Wirklichkeit Gottes zu bekennen. Gott und Welt sind ihr so gewiß und notwendig wie die Begriffe „Zeit" und „Raum" dem kritischen Denken. Gott und Welt sind unendlich wie Zeit und Raum. Mit unserer Erfahrung fassen wir weder Gott noch Welt, noch Zeit und Raum; doch geben sie unserem Schauen erst Sinn und Halt. „Wahrheit", heißt es bei Franz Rosenzweig, „hört so auf zu sein, was wahr , und wird das, was als wahr — bewährt werden will."Wer denkt, wenn er diese Worte hört, nicht an'das alte jüdische Gebot des „Kiddusch haschem"? Wir glauben an Gott, indem wir ihn bewähren, wir bezeugen ihn, indem wir seinen „Namen heiligen". „Der Papst aus dem Shetto" Zu dem Roman von Gertrud von Le Fort (Berlin, Transmare-Verlag 1931) Es ist historisch unbestritten, daß der Papst, der unter dem Namen Anaklet II. von 1030— 1038 die Tiara getragen hat, jüdischer Herkunft war. Gregorovius hat darüber im vierten Band seiner großen Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter ausführlich gehandelt, und in der gelehrten Geschichte der Juden in Rom von Vogelftein-Rieger findet man alle Einzelheiten über diese denkwürdige Papstregierung. Briefe und Werke des großen Mönchs Bernhard von Chlairvaux schließen die damalige uns fremde Epoche uns vollends auf. In einem seiner klassischen Briefe führt Bernhard von Clairvaux entrüstet darüber Klage, daß ein Mann aus jüdischem Stamm den Stuhl Petri eingenommen habe. Die Päpstin Johanna hat sich längst als Papst-Fabel herausgestellt (vgl. Döllinger, Die Papstfabeln des Mittelalters; 2. Aufl. 1890), der Papst aus dem Ghetto hat tatsächlich gelebt und sehr streitbar regiert. Seine zettgenöffischen Gegner haben ihm vorgeworfen, daß er noch

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