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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-09-01 · 17 (1.9.1931) · p. Seite 264

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
17 (1.9.1931)
Article
Jüdische Geschichte und Gott
Date
1931-09-01
Page
Seite 264 (sequence 2)
Language
German
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264 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 Geschichte der Juden in Rußland wird man in erster Linie in den russisch-jüdischen Zeitschriften, Forschungen zur französich-jüdischen Geschichte in der Revue des Etudes IuiveS suchen. Die Zeitschrift für.die Geschichte der Juden in Deutschland ist ein Ausdruck des gleichen geistigen Bedürfnisses. Die Tendenz wissenschaftlicher Arbeitsteilung in jüdischen Dingen darf als Zeichen gesteigerten geistigen Lebens gewertet werden, s o l a n g e die durch den Stoff gebotene Selbftbeschränkung von der Gewißheit des Gefühls getragen bleibt, daß sie in sich selber eigentlich nur Vorarbeit zu einem größeren Thema leistet, — so wie die „Forschungen zur Brandenburgisch-Preußischen Geschichte" — zwar praktisch wertvolle Einzelergebniffe sicherftellen können, diese ihren vollen Sinn'aber erst im Rahmen der deutschen Geschichte, ja eigentlich erst im Rahmen der Weltgeschichte des deutschen Volkes entfalten. Noch viel mehr muß der jüdische Geschichtsforscher sich bewußt sein, daß sein Werk zu belangloser Nomaden-, Sekten- oder Lokalchronik herabsinkt, wenn er es geistig nicht in die dreitäusendjährige Geschichte einer Gemeinschaft cinzuordnen vermag, deren Grenzen keineswegs mit heutigen Sprach- oder Ländergrenzen zusammenfallen. Damit ist selbstverständlich ebensowenig gesagt, daß der Verfasser einer Geschichte der Juden in einem deutschen Städtchen etwa seine Darstellung mit dem Auszug aus Aegypten beginnen lassen müsse oder daß er, wenn seine Untersuchung bis an die Gegenwart herangeführt ist, nun unbedingt einen Ausblick ins meffianische Zeitalte.- zu geben habe. Zusammenfassung und Ausdeutung der Einzeluntersuchungen bleibt vielmehr Sache der Berufenen. Nach Heinrich Graetz' 11 bündiger „Geschichte der Juden" liegt jetzt als zweite große Gesamtdarstellung in IO Bänden abgeschlossen die „Weltgeschichte des Jüdischen Volkes" aus der Feder des russisch-jüdischen Geschichtschreibers Simon Dubnow vor. Dubnow bekennt, wie viel er in bezug auf die Konzeption des Ganzen und die Gestaltung der Teile seiner Arbeit dem Werke von Graetz schuldig sei. Für sein eigenes Unternehmen aber kann er mit Recht geltend machen, daß seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts historisches Bewußtsein und Bedürfnis der Iudenheit sich entscheidend gewandelt haben und daß es dringendes wissenschaftliches Erfordernis ist, die mannigfaltigen seitherigen Ergebnisse der historischen Einzeldisziplinen nunmehr im Rahmen einer Gesamtdarstellung fruchtbar zu machen. So sehr eine solche Zusammenfassung praktisches wie spekulatives Bedürfnis ist, so groß sind auch die Schwierigkeiten, die sich ihrer Erfüllung in den Weg stellen. Wer jüdische Geschichte nicht aus Büchern kompilieren, sondern auf Grund selbständigen Urteils aus den Quellen darftellen will, muß von zwölf orientalischen und europäischen Sprachen und Dialekten (hebräisch, aramäisch, ägyptisch, assyrisch, arabisch, deutsch, französisch, englisch, italienisch, spanisch, russisch, polnisch) wahlweise mehr als ein halbes Dutzend, am besten jedoch alle beherrschen. Er darf mit der Geschichte der Weltliteratur nicht weniger vertraut sein als mit der jüdischen biblischen, talmudischen und exilischen. Er muß die allgemeinen Probleme der politischen nationalen, geistigen und religiösen Entwicklung übersehen, von denen der mittelmeerisch-abendländische Kulturkreis seit vier Jahrtausenden bewegt wird; denn weder die jüdische Geiftesgeschichte noch die äußeren Geschicke der Iudenheit sind für sich zu verstehen ohne die Anregungen, beziehungsweise den Widerstreit fremder Kulturen und Gruppen. Weiter muß der Geschichtsschreiber der Juden wirtschasts- und gesellschaftswissenschaftlich und juristisch gebildet sein: die Juden haben, — ob freiwillig oder aus Zwang, bleibt von Fall zu Fall zu erweisen, — in der Zerstreuung fast immer mehr oder minder deutlich abgegrenzte soziale Positionen und wirtschaftliche Aufgaben. innegehabt. Auch wollen die Begriffe des jüdischen Zivilrechts auf ihren Gehalt geprüft sein. Von Nutzen wäre dem jüdischen Geschichtschreiber sogar ein naturwissenschaftlich-medizinische Schulung, da die Bedeutung der jüdischen Mathematiker- und Arzte-Philosophen für das Weltbild des Mittelalters zwar als Tatsache bewußt, in ihrer Tragweite aber noch nicht voll erfaßt scheint. Mag sein, daß ein so weit gestecktes Forschungsprogramm die Kräfte eines Einzeldaseins bereits heute übersteigt und nur noch durch Kollektivarbeit befriedigend gelöst werden könnte, — so bleibt doch unabweisliches, grundsätzliches Erfordernis, die Aufgäbe in diesem weitgespannten Rahmen anzupacken. Wie mancher, ob Jude oder Nichtjude, mag bereits den Gedanken erwogen haben: hier ist eine Gemeinschaft mit dreitausendjähriger fortdauernder Geschichte, die älteste des abendländischen Kulturkreises. Sie selbst führt ihre Entstehung auf den Bundesschluß ihrer Patriarchen mit Gott zurück, hat Völker wachsen und vergehen sehen, hat von ihnen Anregungen empfangen, hat an sie Kräfte abgegeben und blieb doch eins im seelischen Grunde, hat allen Wandel um sich herum überdauert. Mit tiefer Erschütterung wird er in ein Urgeheimnis blicken, ohne es vielleicht ganz zu begreifen (denn wie wären ohne dies Nicht-begreifen Judenhaß und Iudentaufen möglich) und die „Urworte" des deutschen Dichters werden ihm in den Sinn kommen: Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist alsobald und fort und fort gediehen Nach dem Gesetz, wonach du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht enfliehen, So sagten schon Sybillen, so Propheten; Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. Auch der Geschichtschreiber wird in diesem Sinne ein Bekenntnis ablegen müssen, wenn anders sein Werk nicht bloßx Chronik bleiben soll. Trotzdem wird er den ihm vorliegenden Stoff dauernd auf seinen Wahrheitsgehalt im Lichte wissenschaftlicher Kritik zu befragen haben; denn er soll ja auch keine Predigt schreiben, deren einziger Zweck die Erbauung der Herzen ist. Es bedarf also (nach Friedrich Meinecke's Formulierung) der „Vereinigung von religiöser Ehrfurcht und kritischer Behutsamkeit, von metaphysischen und empirischen Motiven", wie sie etwa in Leopold von Ranke ' s Geschichtschreibung vorbildlich gestaltet ist. I GROSSE AUS WAHL VON BESTEM KUNSTGEWERBE | ÄS KUNST-GEWERBE-HAUS I ANERKANNTE QUALITÄT UND BILLIGSTE PREISEI

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