Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 16 (15.8.1931)
- Article
- Untergang der Erde am Geist
- Date
- 1931-08-15
- Page
- Seite 251 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 251 Nr. 16 und Talmudismus. Vom Volkstum -lieb die Erinnerung an ein Volkstum. Und aus der Gemeinschaftwurde eine mit den Mitteln des Ritus zusammengehaltene konfessionelle Gesellschaft. Sehen wir nun in der Vergeistigung und der Versittlichung der Völker die Sendung des Christentums und jenen Geschichtsvorgang, welcher charakterisiert ist durch die Formel: „Gott ward Mensch", so dürfen wir auch von einer Vergeistigung und Versittlichung der Juden, d. h. von ihrer „Christianisierung" sprechen, im selben Sinne, wie man von einer Christianisierung der alten Sachsen durch Karl den Großen und durch seine Nachfolger redet. Das Judentum wurde mehr und mehr verchriftlicht, und dieser geschichtliche Vorgang mündete um 1800 in die sogenannte Emanzipation, das heißt Verbürgerlichung des jüdischen Volkes. Ein von der französischen Revolution begründeter Vorgang, der durchaus hinauskam aus die Selbftzerftörung des jüdischen Volkes, welches, dem großen Freiheits- und Liebestaumel vertrauend, sich selber opferte, als es feine Sklaverei aufgab. Nur Eines hätte damals das jüdische Volk retten können: ein Heroismus, wie wir ihn heute in Indien sehen. Das unbedingte Festhalten an der Forderung nationaler Selbstbestimmung. An der Forderung der völkischen, nicht nur der bürgerlichen Freiheit. Das freiwillige Zurückweisen aller Vorteile, Ämter, Titel und Würden im Dienste der abendländischen Staaten. Das strikte Verweigern jeder Mitarbeit und Beteiligung an der europäischen Kultur und an der Geschichte der abendländischen Nationen. Solch einzigartiger Heroismus wäre damals möglich gewesen. Heute ist er unmöglich." — — „Das Judentum ist durch die christlichen Jahrhunderte gewandelt worden, im selben Sinne wie der Hinduismus durch den Buddhismus gewandelt worden ist. All das, was dem Juden von heute (meist mit Recht) als Mackel zugeschoben wird, wie die einseitige Wendung zum Kalkül, die zielstrebig gespannte Logistik, das Dahinschwinden der Naturhaftigkeit, die abstrakte Vergeistigung, Dialektik, Pilpulistik, der Verlust des Dichtertums zugunsten des schaffenden Kenner- und Könnertums; all das, was heute die antisemitische Blindheit, nach einem Sündenbocke suchend, als jüdische Wesenheit anspricht, — — es ist durchaus Ergebnis der Christianisierung. Das heutige Judentum in Westeuropa ist ein degeneriertes, wahrscheinlich auch durch den Zionismus nicht mehr zu errettendes Nicht- Judentum." — — „Jedes Volkstum im Abendland, insbesondere aber jede Volksminderheit ist entweder schon hineingeraten oder aber wird künftig hineingeraten in genau dieselbe Lage, in welche ursprünglich nur die ihrer Wohnsitze und ihrer Selbstbestimmung beraubren Juden geraten waren. Was durch die Not der Geschichte zuerst den Juden angeschah, künftig wird es auch allen anderen Völkern angeschehen. Was sind heute die europäisch-amerikanischen Zentren anderes als riesenhafte Ghettos? In diesen Ghettos wachsen Kinder auf, abgeschnürt von Himmel und Wald. Naturentfremdet, elementfern, in Wille und Zweck gebannt. Wenn die Juden ursprünglich als ein zu Handel und Geldwirtschaft gepreßtes Bauernvolk aus Asien vertrieben und in noch seßhafte primitive Agrarvölker eingeftreut wurden, als nicht mehr erdverwurzelte Zwischenhändler, so ist heute —(wo das Judentum sich endlich auf seine Ursprungskräste wieder besinnt) — gerade umgekehrt die gesamte Umwelt in so hohem Maße der Weltwirtschaft und dem internationalen Geld — und Handelsgeiste eingeschworen, daß keine Volkheit mehr zusammenbestehen kann mit Bürgertum und Wirtschaft. Das Kapital ist längst international. Es gibt keine „Volkswirtschaften" mehr. Sie sind eine Fiktion. Es gibt auch keinen Staat mehr, welcher gleichbedeutend wäre mit Volk und Volkheit." vie §rage nach der Wahrheit' Von Dr. ErnstSimon Die Frage heißt, ob die Wahrheit ein unschätzbares und unter allen Umständen zu wahrendes Gut sei, oder ob man um bestimmter Ziele willen auf sie zu verzichten habe. Wir wissen, wie stark unserem Zeitalter, das nicht' schlechter ist als andere, nur erkennender und deshalb selbstkritischer, der Zweifel an diesem Machtanspruch der Wahrheit emporgestiegen ist. Ibsens „Lebenslüge", der Romantiker und wieder Gustav Landauers „Wahn", der „Mythos" vieler Modernen scheinen auf einen anderen Weg und vor allem auf ein anderes Ziel hinzuweisen. Warum soll nicht, so könnte man fragen, die Schule auf die Leidenschaftlichkeit der methodischen Wahrheit verzichten, besonders die Bekenntnisschule, um denjenigen Inhalt zu fördern, der ihr als Wertkern zugleich Voraussetzung ist? Darf hier der Zweck die Mittel heiligen? Die Frage wird kritisch im Bibelunterricht der konfessionellen Schule, vielleicht auch bald in ausgesprochen weltlichen höheren Schulen bei der Besprechung des Marxismus, also immer dann, wenn von einem als heilig oder doch maßgebend geltenden Terte der Weg in die Gegenwart und zum Bewußtsein des lebenden 1 Diese Ausführungen sind dem eben erschienenen Werk „D a s Werturteilim Geschichtsunterricht" (Verlag B. G. Teubner) von Ernst Simon entnommen. Der Aufsatz geht weit über die pädagogische Spezialfrage nach der Behandlung der Wahrheit in der Bekenntnisschule hinaus. Die Besprechung des Buches, das in der deutschen Erziehungswissenschaft einen besonders hohen unbestrittenen Platz einnimmt, erfolgt gesondert. Menschen gefunden werden soll. Von jeher bestand ja das Problem aller Scholastik darin, zwischen einem unveränderlichen, weil offenbarten Texte eine Brücke zur jeweiligen Phase der Zeitentwicklung zu schlagen. Da man nicht ändern durfte, interpretierte man um und fchuf so eine künstliche Kontinuität statt der natürlichen, die verloren zu gehen drohte. Diese Methode ist so zwangsläufig, daß sie von dem jeweiligen glaubensmäßigen Inhalt ganz abgelöst werden kann und den verschiedensten Inhalten gemeinsam wird: so konnte im Mittelalter das religionsphilosophische Werk des hebräischen Dichters Gabirol „fons vitae" als ein Stück mohammedanischer Scholastik gelten, das auch von Albertus Magnus und Thomas von Aquino, z. T. allerdings kritisch, für ihre Lehrgebäude benutzt wurde. Mit dem arabischen Original war der wahre Name des Verfassers lange Zeit verschollen und durch die Verstümmelung A v i e e - bron ersetzt. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts hat Salomon Munk diesen Irrtum aufgeklärt, dessen Möglichkeit exemplarisch für die hier gemeinte und zwangsläufige Methodengleichheit ist. Sie wirkt sich noch heute überall da aus, wo die Basis einer Schule in diesem Sinne dogmatisch fundiert ist, Und stellt das wahrheitssnchende Werturteil vor die schwerste Probe. Die Orthodoxien selber haben sich häufig bemüht, diese Probe zu bestehen. Die katholische Kirche durch ihre Lehre von der doppelten Wahrheit, die jüdische Bibelexegese durch ihre verschiedenen Auslegungsarten, die ausdrücklich zwischen dem einfachen