Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 16 (15.8.1931)
- Article
- Untergang der Erde am Geist
- Date
- 1931-08-15
- Page
- Seite 250 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 „Untergang der Crde am Seist"' Wir haben nichts durch diesen Schritt gewonnen, Trifft man auch Proteus, gleich ist er zerronnen; Und steht er euch, so sagt er' nur zuletzt, Was Staunen macht und in Verwirrung setzt. Du bist einmal bedürftig solchen Rats, Versuchen wir's und wandeln unsres Pfads! Klastische Walpurgis-Nacht. Goethe, der Künstler, läßt seinen Faust zu den „Müttern" ins Unbetretene, nie Zubetretende versinken — Die indischen Denker, die großen Mystiker des Islam, nehmen die Gestaltungen und Wandlungen um uns nicht ernst. Von hier aus ist die Frage nicht weit, ob die „gleich-gültigen", empirischen Zufälligkeiten, die nicht ernst zu nehmen sind, mit den Denknotwendigkeiten Zusammenhängen und sie gleichsam infizieren und herabziehen. Hier beginnt die Auflösung, der Nihilismus, der sich des größten Geistesaufwandes zu seinem Gedankenwerk bedient. Zum Schluß wird die Gnade der Pflanzen und Tiere besungen, der Pflanzen, dke in vollkommenem Gehorsam gegen Gott, selig in ihrer Reinheit, „immerdar den Grund ihres Wesens" spiegeln. Der ewige Weg des Romantikers! Tiefste, geklärte Weisheiten des fernen und nahen Ostens verwelken in den westeuropäischen Büchern von Theodor Lessing und des Grafen Keyserling zur Literatur unter tausend anderen „interessanten" Büchern. Noch eingeschlosten in den Schriftzeichen des Sanskrit, der arabischen oder chinesischen Sprache und nur für wenige Tag und Nacht Bemühte zugänglich, sind die Gedankengebäude der arabischen, persischen, indischen Mystiker echt und uns gänzlich unangemessen. „Vermittelt", „verdolmetscht", in den durch Presse und Massenbetrieb entweihten europäischen Sprachen werden diese Ideen zur Dutzendware auf unserem ziemlich trostlosen Literaturmarkt. Diese literarische Proteuse wie Keyserling und Leffing mit ihrer Liebe zu Pflanzen und Tieren sind tragikomisch; sie schreiben viele und schöne Bücher, in denen die unsagbare Hoffnungslosigkeit des menschlichen Geschlechtes, die Zersetzung alles Naturnahen, Schönen und Guten durch den Geist und das Bewußtsein beschrieben wird. „Die Grenzen, die ich in der Idee nicht anerkenne, beherrschen mich doch", sagt Keyserling kokett und tiefsinnig in seinem „Reisetagebuch eines Philosophen", als er aus Japan kommt, auf seiner berühmten „Reise um die Erde zu sich selbst". „Sollte ich jetzt himmelan", sagt er angesichts der Pflanzenwelt von Ceylon, „ich könnte es nur im Sinne der Tanne tun". » Theodor Lessing wird die Verwandtschaft mit dem „Orchesterdirigenten des Geistes" ablehnen. Man kann ihm aber den Vergleich nicht ersparen. „Kehren wir uns ab vom Bilde des Zer« wirkten, Zerschriebenen, Zerlesenen. Blicken wir ins heitere, stille Antlitz der Natur." So schreibt Lessing über die gegenwärtige Philosophie und Literatur; ihre Vertreter, die „geistige Gesellschaft" nimmt er aufs Korn. „Eine wachsende Anzahl bis zum Irrsinn dünkelhafter Geister... leitet aus der bloßen Art der Betätigung (als Dichter, Philosoph etc.) eine Art Geheimratstellung zum Weltgeist ab." „Diesen grauenhaften Klüngel von Kulturverttetern", habe das lebendige Element des Volkes nicht minder wie die sittliche Norm in die Geschichte (die er in einem 1 Theodor Lessing, Europa und Asien — Untergang der Erde am Geist. Verlag Felix Meiner, Leipzig 1930. Fünfte, völlig neu gearbeitete Auflage. VIII, 360 S. Geh. NM. 7.80, in Ganzleinen NM. 9.80. besonderen Werk als Sinngebung des Sinnlosen „entlarvt" hat), in die „Kulturgeschichte" hinein ausgespieen. „Wir ächzen unter der Last der Kulturdrohnen. Kein größerer Segen könnte der Menschheit zuteil werden, als das Verschwinden aller geistigen Berufe, soweit nicht Berufung sie dem Leben entpreßt, soweit nicht Not des Schicksals der Seele sie entzwang." Ein mildernder Umstand ist, daß Lessing sich nicht selbst mit dieser Einschränkung: „soweit nicht..." meint. Denn sein Lebenswerk offenbart, daß er auch über sich selbst keine Illusionen hat, daß er ein zarter mimosenhafter, ganz echter Dichter ist, der sich in seinem Menschen- und Selbfthaß dazu verurteilt hat, geistreiche Bücher zu schreiben, um in einem selbstquälerischen, wollüstigen Gruseln die gott- und geiftverlassenen Kritiken und Mißverständnisse darüber zu lesen. Weitaus das beste Buch von Theodor Lessing ist „Dühringö Haß"; das kurze Vorwort dazu enthält abgekürzt, was später, auch in „Europa und Asien", dutzendmal wiederkehrt; in dem Dühring-Buch steht schon alles, nur viel knapper. In den erschütternden sechs Lebensgeschichten „Jüdischer Selbfthaß", die Leffing jüngst vorlegte, kommt zwar kein Selbftporträt vor, aber dieses Buch handelt in Wahrheit von der eigenen Seele des Schreibers. Uber die 25 Kapitel „Europa und Asien" ist eine Fülle blitzenden besten jüdischen Geistes verstreut. Der Grundakkord (die Erstarrung unserer Kultur in Verstandes- und Bewußtseinsherrschaft, in Geschäftigkeit und lächerlichem Betrieb) ist ermüdend und langweilig; aber die Art, wie es Lessing sagt, läßt uns immer wieder aufhorchen und ist oft gescheiter und tiefer als es uns Spengler, Rathenau, Leopold Ziegler in tausend Variationen bis zum Überdruß gesagt haben. Die Dekadenztheorie, die im „Geist" eine Todeswunde der Menschheit sieht, ist ein merkwürdiger gedanklicher Leerlauf, eine typische Zeitkrankheit. Nach der Widerlegung, die Scheler der einseitigen „Lebensphilosophie" widerfahren ließ, wirkt Lessing vielfach überholt und schal. — — — — Wo immer der Verfasser das jüdische ihm am meisten am Herzen liegende Schicksal deutete (für einzelne jüdische Schicksalsträger hatte er dagegen immer ein feines Organ), da versagte und entgleiste er von jeher. Brennende Wahrheiten über Judentum sind in „Europa und Asien" mit konventionellen Urteilen über „Rabbinismus" und „Talmudismus" sonderbar vermischt und werden so zu Halbwahrheiten, die ärger sind als Unwahrheiten. Die halbwahren Hauptthesen Leffings über jüdisches Schicksal und jüdische Zukunft seien hier zum Schluß zusammengestellt; sie tragen leider ausnahmslos die „literarischen" Spuren, für die der Verfasser im gleichen Werk so viele Worte des Abscheues und der Ablehnung findet, aber sie sind durchweg charakteristische Proben von der Geiftesart dieses Proteus und geben einen Begriff von dem hier angezeigten Werk „Europa und Asien." „In vielen Schriften und Reden habe ich die Überzeugung begründet, daß die Juden, welche zunächst als durchaus heidnisches und somit als naturunmittelbares Volkselement, seit 70 v. CH. in alle Länder und Städte Europas zerstreut wurden, im Laufe von zwei Jahrtausenden bis zur Unkenntlichkeit des Volkscharakters verschlissen, verschleißt und verlascht worden sind." — — „Vom altteftamentalischen Naturglauben blieb nichts übrig als eine starke soziale Sittenlehre. An die Stelle der religiösen Mächte, die nur in der Mystik fortdauern, traten Rabbinismus