Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 16 (15.8.1931)
- Article
- Die Juden in Sowjetrussland
- Date
- 1931-08-15
- Page
- Seite 249 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Verhältnissen weiß. Wenn wir wagen-würden, uns über did Finanz-- inspektoren zu beklagen, würden wir ins Gefängnis fliegen." Ich erinnerte ihn an die schreckliche wirtschaftliche Notlage der jüdischen Bevölkerung zur „zaristischen weißen" Zeit. Schließlich würden die wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande, auch normaler werden, sobald sich das Sowjetsystem fest gegründet hätte. Und ist es nicht der Mühe wert, eme schwere Zeit durchmachen zu müssen, wenn man fühlt, daß man gleich viel ist wie jedes andere menschliche Wesen im Lande und den Schuß der Regierung gegen Pogrome und Beschimpfungen hinter sich fühlt? „Ja, wir haben gleiches Recht und haben den Schuh des Staates gegen Pogrome. Dafür sind wir auch dankbar. Aber was waren die gelegentlichen zaristischen -Pogrome im' Vergleich zu dem ständigen schrecklichen Pogrom, das über unser Volk jetzt hereingebrochen ist? Alle Kanäle, um. ein Gewerbe zu erlernen, sind für uns verstopft. Hunderttausende von Juden sterben entweder langsam dahin, oder leben von dem Gelbe, das ihnen ihre Angehörigen aus Amerika senden. Glauben . Sie, dieser Zustand ist darin begründet, daß die betreffenden Juden faul.sind? Sie wollen arbeiten,, aber es wird ihnen nicht erlaubt, weil sie keine „reinen Proletarier" sind. Aber das ist noch nicht alles. Wir werden geistig verfolgt. Jüdische Gebetsübungen werden nicht mehr gehalten; das Lehren von Hebräisch ist verboten. Sind Sie von diesen Dingen unterrichtet, grazhdanin? Wißen Sie, wie die Seele des jüdischen Volkes in Rußland blutet? Die meisten Fremden sehen hier nichts; sie sehen nur an die Oberfläche. .Sie sehen nur die schönen Paraden, wie die Spartakiade, aber sie sehen nicht den Todesmarsch des Judentums...." Ich war überrascht über den Ausbruch-des alten Mannes. „Sicher," sagte ich zu ihm, „würden Sie den Zaren nicht der Sowjetregierung vorziehen?". . . „Und warum nicht? Der Zar war böse gegen die Juden, aber die Bolschewiken sind schlimmer; sie sind wie die spanischen Inquisitoren, die-die Absicht hatten, das Judentum auszurotten. Unter dem Zaren hofften wir.immer auf eine bessere Zeit, wir wußten, daß bessere Tage vielleicht einmal kommen würden.. Jetzt haben wir nicht einmal die Hoffnung mehr." Diese'Antwort war mehr als erstaunlich. Ich hatte fast instinktmäßig eine andere Entgegnung erwartet. Ich hatte die innere Überzeugung, daß kein Jude in Rußland die Herrschaft des Zaren der Sowjetregicrung vorziehen würde. War cs möglich, daß die Lage so beklagenswert, wie er sie mir schilderte, war; oder war er durch die traurigen Erfahrungen, die er seit der Revolution gemacht hatte, voreingenommen? Wir waren. von der Ploschad Revolutzii in die große Tcatralnana Ploschad hineingelommen,.. wo das, eindrucksvolle Bolschoy Theater steht. Meinem Bekannten wurde es zusehends unbehaglicher. Cr hielt an. Ich danke Ihnen für Ihre Unterhaltung. Ich muß Sie jetzt verlassen. In unserem Land ist es nicht gut für Sowjetbürger, mit Fremden viel zu-plaudern. Die Gepeu hat scharfe Augenr..." . Mit einem hastigen „Good-bye" ging er. II. ' Einige Tage später interviewte ich „Tovarisch" (Genosse) Kalinin, den Präsidenten der U.S.S.R. Das Thema unserer Unterhaltung war: Die Lage der Juden in Söwjctrußland. . Ich schritt durch die furchterregenden, malerischen Tore des Kreinl, wo die martialische rote Wache sorgfältig meinen Paß untersuchte. Mein Weg wand sich durch eine Reihe von Straßen, die die ursprüngliche Stadt Iwans des Schrecklichen cinschließen und bald befand ich auch im Büro des Sowjetpräsidenten. Er.erschien mir. liebenswürdig und glatt, aber keine überragende Persönlichkeit. Auf einmal begann er ziemlich schnell, aber mit klarer, fester Stimmezu reden: „Zwischen 1919 bis 1921 fanden in der Ukraine und in Weißrußland 2500 Pogrome in 900 Städten, Städtchen und Dörfern statt. Über 200 000 Juden wurden getötet und hintcrließen etwa 500 000 Waisen; wenigstens 700 000 blieben von allem entblößt zurück. Dann kamen die Hungerjahre 1921/1922' und in ihrem Kielwasser Seuchen, Krankheit und Tod. Als es der Sowjetregierung endlich glückte, die Mörderbanden der Denikin, Pctljura und Gregyrjew, sowie anderer auszumerzen, fand sic sich außer zahlreichen, anderen .Aufgaben dem Problem gcgenübergestellt, Mittel zu ersinnen, durch die die zugrunde gerichtete jüdische Bevölkerung auf eine gesunde Basis gestellt werden könnte. Die Sowjettegierunss begnügte sich nicht damit, völlige politische und rechtliche Gleichstellung mit dem übrigen Teil der Bevölkerung zu gewähren. Sie schreckte bei ihren Taten für die Juden auch nicht vor Gewaltmaßregeln zurück. Niemals hat eine kapitalistische Regierung so gehandelt, um dem Antisemitismus zu Leibe zu gehen.' Die Sowjet- Regierung setzte sich selbst das Ziel, das wirtschaftliche Leben der jüdischen Massen zu-normalisieren und'sie in den sozialistischen Wiederaufbauplan zu ziehen. Schon 1918 siedelten sich viele Juden, die die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage in den Städten erkannten, auf dem Lande in der Ukraine an und - riefen Werkstätten und Gemeinden ins Leben. Diese ersten Versuche waren nicht erfolgreich; überdies wurden sie durch die Hungerperiode von 192!—1922 unterbrochen, die nicht, nur die Liquidation der neugegründeten landwirtschaftlichen Genossenschaften erzwang, sondern auch viele der alten jüdischen Kolonien, die schon unter der Herrschaft des Zaren bestanden hatten, in größte Not brachten. Jedoch das Projekt der Ansiedlung von Juden auf dem Lande wurde ein Teil des Programmes der jüdischen Kommunisten, deren Mühen um 1924 Erfolg zeitigten. Am 29. August desselben Jahres beschloß das Zentralexekutivkomitee der Sowjetregierung im Präsidium der nationalen Minderheiten ein Spezialkomitee für die Ansiedlung der Juden auf dem Lande zu schaffen, oder, wie es kurzweg genannt wurde, Komzet. Dieses Komitee tagte unter dem Vorsitz von Peter Smidovitsch, Vizepräsident der Sowjetunion. Dies beweist zur Genüge, wie ernsthaft die Sowjctregierung an die Lösung der jüdischen Frage herangeht. Der kommunistische Staat schuf nicht nur ein besonderes Organ für die jüdische Kolonisation, er gab ihnen auch Freiland. Cr nahm auch die Zusammenarbeit mit ausländischen jüdischen Organisationen, welche beinr Kolonisationswerk freiwillig helfen wollten, an; ganz einfach, weil die eigenen Mittel nur beschränkt waren und die schwere Aufgabe einen sozialistischen Staat zu errichten die eigenen Kräfte überstieg. Ist die Vollendung noch fern?' Während der ersten elf Jahreihres Bestehens verteilte die Sowjetregierung über 400 000 Desjatinen Land für jüdische Kolonisation in Weißrußland, der Ukraine und auf der Krün, ferner ungefähr 5 500 000 Hektar in Biro-Bidjan. Insgesamt wurden auf dem Lande etwa 150 000 Juden angesiedelt. In Kalinindorf (Distrikt Cherson, Ukraine), wo. die Juden die Majorität der Bevölkerung bilden,. haben wir ein unabhängiges jüdisches Gebiet begründet. Die Regierung dieses Gebietes wird von Juden gebildet; die Unterrichtssprache, in den Schulen ist Jiddisch, ebenso in allen Regeirungskanzleicn und vor Gericht. Andere unabhängige jüdische Gebiete sind geplant. Wir haben den Plan, in Biro-Bidjan .innerhalb der nächsten fünf Jahre eine unabhängige jüdische Republik mit einer jüdischen Bevölkerung von mindestens 500 000 Seelen zu schaffen. Kalinin hielt einen Augenblick innc und ich benützte die Gelegenheit, zu fragen, was die Sowjetregierung in den Städtchen'und Städten für die Juden zu tun beabsichtige. Nachdenklich., streifte der Sowjetpräsident die Asche von seiner Zigarette. Und während die Durchschnittkommunisten aus Prinzip oder aus Sparsamkeitsrücksichten weder rauchen noch trinken, frönen die Häupter der Regierung wie Stalin, Kalinin und Rykow unangefochten diesen Lastern. „In Übereinstimmung mit unserem Programm betreffs Industrialisierung der Städte", fuhr Kalinin fort, „haben wir angestrebt, die jüdische Bevölkerung zu proletarisicren. Im Laufe der letzten zwei Jahre ist die Anzahl der jüdischen Arbeiter und Angestellten um wesentlich mehr als 100 000 angewachscn; ihre Gesamtzahl beträgt jetzt' über 400 000 Mitglieder der „Profsoyuzi" (Gewerkschaften). Das Zunahmeverhältnis ist für jüdische Arbeiter auf industriellem Gebiet wesentlich beträchtlicher als bei geistigen und Büroarbeitern. Jüdische Arbeit ist nicht länger, wie es unter der zaristischen Herrschaft war, auf Schuhe- und Kleidcrmachen beschränkt. Nehmen Sic dieses Beispiel: - Vor dem Kriege war der Durchschnitt der Juden in der russischen metallverarbeitenden Industrie 5%, jetzt beläuft er sich auf 15% der Gesamtarbeiterschaft dieser Industrien. Vor der Revolution waren Schuhe- und Kleidermachen saft.aus- . schließlich jüdische Gewerbe; jetzt bilden die jüdischen Schneider und Schuster weniger als 20% der in der Gesamtzahl der Gewerkschaften erfaßten Juden. Überdies versuchen wir die Juden, die bis jetzt - kein Handwerk ausüben, zu schaffenden Arbeitern zu machen.. Zu diesem Zwecke waren in zahlreichen großen Städten Erziehungsschulen unter dem Schutze' von Komzet und Devsekzia eröffnet worden. Außerordentliche Aufwendungen für dieses Werk wurden von den Sowjetstellen gemacht. Gerade für die Landsiedlungen werden in. unserem Budget weiterhin reichliche Bereitstellungen gemacht, werden, sobald, die uns zur Verfügung stehenden Mittel beträchtlicher werden...." . . . . III. ... . Als ich. aus dem Kreinl auf den Roten Platz schritt und den Lärm und das Geschrei der Höker und Hausierer am Iberischen Tor vernahm, fühlte ich mich seelisch und geistig verwirrt. In einem ganz kurzen Zwischenraum hatte ich zwei gänzlich verschiedene Geschichten gehört; die eine voll von Verzweiflung, .Brutalität und Ungerechtigkeit; die andere voll Hoffnung, Wiederaufbau und Wiedererstehen. - _ Wer hatte nun recht—-Grazhdanin Menachem oder Tovarisch Kalinin?