Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 16 (15.8.1931)
- Article
- Die Juden in Sowjetrussland
- Date
- 1931-08-15
- Page
- Seite 248 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 Die luden in Sowjetrutzland Bür g e. r. 9]lc n a ch c nt u.n b Genosse Kalinin schildern . . . . . . in b.ct 1 , ....... . ........ Aus.d.em Englischen.» Der Aufsatz ist die Übersetzung eines gekürzten rusiischenReiseberichts von Leo M.Glaßman aus dem B'nai B'rith Magazine, Cincinatti (Ohio): „S o v i e t - R u s s i a ' s I e w s". . .1. Cs war vor dem Grandhotel an der Ploschad Rcvolutzii in Moskau. Ich beobachtete die Vorbereitung zur Spartakiade, dem Gegenstück der Olympischen Spiele, die zur gleichen Zeit in Holland stattfanden. Von Europa und Asten waren diese Wettkämpferdie von der kommunistischen Idee ganz und gar erfüllt waren, gekommen, um mit den Rüsten an einem Sportfest teilzunehmen, das die „kapitalistischen" Olympischen Spiele« überbieten sollte. ' Kräftige Jungens und Mädels, strotzend von Jugend und Gesundheit, hielten stolz'das rote-Banner der Revolution in die Luft. Sie marschierten in Zehnerreihcn unter den Klängen-der Internationale und unter dem Hurra der Zuschauer vorbei. Am Ende der Ploschad schwenkten sic scharf durch das Iberische Tor und auf den Roten Platz. Dann marschierten sie gegenüber den Mauern des Kreml auf; der Kreml — das Symbol der russischen Seele, von Iwan dem Schrecklichen bis auf Stalin. : „Entschuldigen Sie, Bürger, sind Sie Deutscher?" Diese Frage brachte mich von meinen historischen Bettachtungen zur Erde ^urücf. Sie wurde von einem älteren kleinen Juden an mich-gerichtet, der sich mir mit einem furchtsamen Blick näherte. Er schien mir intelligent und aufgeweckt. Da ich mein Aussehen nicht für ausgesprochen teutonisch hielt und ich mich auch selbst für keinen „grazhdanin" (Bürger) ansah, war ich einigermaßen überrascht. Ich hatte mich noch nicht an die neue Sprache in Sowjettußland gewöhnt, die das Wort „Bürger" von der französischen Revolution zu ihrem eigenen proletarischen Gebrauch übernommen hatte. „Nein, ich bin kein Deutscher." „Vielleicht aus Amerika?" fragte der kleine Mann mit einem hoffnungsvollen Funkeln im Auge. „Ja, Amerikaner." ■ „Vielleicht Jude?" Er schob sich ganz an mich heran. „Natürlich ein Jude; scholom aleichem." ,-Aleichem scholom", erwiderte er, während er sich verstohlen umsah. Der Umzug der revolutionären Jugend, die Klänge der Internationale, die stolz flatternden roten Fahnen ttaten in mein Unterbewußtsein zurück. Ich hatte eine längst verloren geglaubte Verbindung wieder gefunden. Wie der Blitz hatte mein Unterbewußtsein eine Spanne von 25 Jahren übersprungen — vergessene Jahre— und mich in die Heimat zurückversetzt. Von diesem Augenblick an war mir Rußland nicht mehr länger fremd. Die Spartakiade verlor ihre überragende Bedeutung. Erinnerungen an die Kindheit in einer kleinen Stadt der Ukraine stiegen auf. Dunkle Geister aus längst vergangenen düsteren Nächten erstanden wieder aus ihrer Vergesienheit. Verfolgungen, erschreckte Augen, die Geräusche eines nahenden Pogroms schwirrten mir in der Erinnerung. Nächte der Furcht kamen mir wieder ins Gedächtnis; vollkommen angekleidet brütete man und wartete daraus, daß das Schlimmste sich jeden Augenblick ereignen würde. Dann kam die Flucht und das Entkommen ins neue Gelobte Land. Der kleine Jude da vor mir war die Verkörperung des Gestern; Symbol einer nicht entwurzelten Vergangenheit, die sich selbst ironisierend in die Gegenwart reichte. Aber auch er, der kleine rustische Jude, war ein Problem. Welches war sein Platz in der sowjetistischen Utopie? Aucher war vom Joche des Zarismus befreit worden, wurde in Freiheit gesetzt; er war nicht länger mehr ein Paria unter der Knute eines mittelalterlichen Regimes; er war ein Gleicher unter seinen Geschlechtsgenosten, denn ein neues Leben und eine neue Freiheit war über Rußlands 150 Millionen Kinder gekommen; war nicht alles gleich, ob Jude oder Edelmann? Ob hoch- oder niedergeboren? Aber warum sein verschrecktes „Aleichem scholom"? Warum der ängstliche Blick in den Augen? Wo war der Schlüstel zum neuen Rußland — im streitbaren Schritt und Tritt der kommunistischen Spartiaker oder in den erschreckten Augen dieses Juden? War es in Rußland noch finster und schleppte sich Ahasver noch einher? Ich dachte wieder an meine Sendung. Ich war hier, um zu fragen, zu untersuchen, Tatsachen aufzuzeichnen. Das hier war meine erste jüdische Begegnung in. Moskau; diese günstige Gelegenheit durfte nicht die Vorzüge und Nachteile des Lebens der Juden l.S.S.R. ■ >n Dr. Fritz M. Zciller übersehen werden. Aber mein neuer Bekannter, der sich selbst als „grazhdanin Menachem" vorstellte, kain inir zuvor und ich hielt, dies für ebenso gut wie ihn zu interviewen. „Sie kommen aus Amerika? Von so weit? Es muß dort gut sein?" „Für manche ist es dort gut, für andere wieder nicht." „Aber die Leute in Ihrem Land müsten sich nicht um Brot und. Butter plagen?" „Manche Leute sind in. Amerika recht arm," wich ich aus. . „Aber dort kann, es nicht so schlimm sein. Ich habe einen Sohn in New Dork; er schreibt mir, daß . er, boruch haschem, sehr gut. fortkommt. Jeden Monat sendet er mir Geld. Wenn das nicht , wäre, wäre ich schon längst vor Hunger gestorben." Dann erzählte er mir seine Geschichte. Er hatte sein ganzes Leben in Fastow verbracht, einer kleinen Stadt nahe Kiew, in der Ukraine. Er hatte ein Geschäft und verdiente reichlich den Unterhalt für' seine Familie. Seine Familie bestand aus seiner Frau und drei Kindern, gesegnet sei ihr Andenken. Ursprünglich waren es fünf Kinder, aber zwei von ihnen/ein Sohn und eine Tochter, waren nach Amerika ausgewandert. Diese beiden waren noch am Leben. Während des Einfalls der Denikinhorden hatte in Fastow ein schreckliches Pogrom stattgefunden. Es war in einer Freitagnacht. Die Juden waren in der Synagoge versammelt. Plötzlich erschienen von allen Seiten Soldaten; drängten alles gegen die Wand, und die Gewehre begännen Feuer zu speien. Dann wurde es schwarz vor Menachems Augen und er erinnerte sich an nichts mehr. Als er wieder zum Bewußtsein kam, lag er unter einem Häufen Toter; er war ohnmächtig gewesen und augenscheinlich hatten ihn die Soldaten für tot gehalten und hierher geworfen. Fäst verlor er den Verstand und lief stundenlang mit Flimmern vor den Augen herum. Sein Heim war zerstört, geplündert, verlaßen. Cr rief nach Frau und Kindern, aber niemand war da. Erst später fand er ihre Körperin einem Haufen von 500 anderen toten Frauen und Kindern. Sic waren wie Schlachtvieh in eine Scheuer getrieben und dann verbrannt worden. Er versuchte Selbstmord zu begehen. Denn'was bedeutete das Leben für ihn jetzt noch; aber jemand schnitt ihn vom Strick; so blieb er am Leben. Aber der Gedanke an ein weiteres Verbleiben in Fastow war unerträglich; so entschloß er sich, nach Moskau zu gehen. Cr hatte von den Segnungen des Sowjetregimes gehört, das Pogrome äbgeschafft und den Juden dem Edelmanne gleichgestellt hatte. Nach vielen leidens- und beschwerdereichen Wochen machte er sich nach der Hauptstadt auf. Die ARA (American Relief Administration) setzte ihn in den Stand,, sich Leib und Seele zusämmenzuklauben. Da und dort arbeitete er etwas und es gelang ihm, von Zeit zu Zeit einige Rubel zu verdienen. Als die Verhältniste sich mehr beruhigt hatten, beteiligte er sich an einer Werkstätte, wo Strümpfe gestrickt wurden. Das Geld, das er für'seinen Teil einlegen mußte, wär ihm von New Pork gesandt worden. Aber nach einem Jahr brach die Werkstätte zusammen. Einige Zeit später beteiligte er sich an einer anderen Werkstatt, diese ereilte dasselbe Geschick. Das war vor einigen Monaten und jetzt war er müßig, während er von den Dollars lebte, die ihm sein Sohn von Amerika sandte. „Aber wieso brachen die Werkstätten zusammen?" fragte ich ihn. Mit plötzlichem Mißtrauen sah er mich an: „Sie sind kein Kommunist?" fragte er. Als ich ihm erneut versicherte, daß ich kein Kommunist wäre, erklärte er mir folgendes: „Also gut, sehen Sie, beim erstenmal gab es nicht genug Rohmaterial, wir waren gezwungen, zwei bis drei Wochen im Arbeitsgang auszusetzen. Wir hätten von Deutschland etwas Rohmaterial importiert bekommen können, aber das ist verboten. Alles muß von der Negierung gekauft werden; aber da die Negierung kein Geld hat, so importiert sie nur ganz wenig und wenn es etwas gibt, so hat bei der Verteilung keiner genug. Aber das wäre noch nicht das Schlimmste; vielleicht hätten wir uns auf irgend eine Weise dürchgerifsen. Die Not liegt in diesen „Finänzinspektoren" begründet." „Wer ist denn däs?" „Sie sehen alle Geschäfte und Werkstätten durch, und belegen sie mit einer Taxe/ Das brachte uns um. Sie schätzten uns so beträchtlich' ein, so daß, wenn wir bezahlt hatten, kein Geld zum Leben mehr da war." „Könnten Sie sich nicht' an die Behörden wenden?" ’ Mein Bekannter lächelte mich Ungläubig an. „Ich sehe, daß man in Amerika sehr wenig von den hiesigen