Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 15 (1.8.1931)
- Article
- Der Eingang des Christentums in das deutsche Wesen [Rezension]
- Date
- 1931-08-01
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
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234 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 Luther verspüren. Das Eigentümliche was Luther getan hat ist doch das: „Einer der gewaltigsten und willcnsmächtigsten Deutschen, die je das geistige oder handelnde Leben ihres Volkes gelenkt haben, tilgt mit unermüdlichem haßvollen Eifer möglichst alle Spuren germanischer Einwirkung aus dem Glauben, den er gegen Nom reinigen will." So außerordentliche Anregung man durch die Bände auf jeder Seite erfährt, so reich das Bilderwcrk dazu ist, einer wissenschaftlichen Kritik hält die Darstellung Schaafhausens nicht stand. Diese Kulturgeschichte will eine Gcisicsgeschichte des Mittelalters sein, die alle Volkskräfte und Bewegungen von den sozialwirtschaftlichcn und politischen bis zu den nationalen und religiösen umfaßt. Der Verfasser will über die bisherige Geschichtschreibung, die sich in der Beschreibung der Verflechtung der europädischcn Staaten mit der Kirche erschöpft, hinausgchen und betont demgegenüber mehr die Eigenwerte des deutschen Mittelalters. Von Friedrich dem Hohenstaufenkaiscr, bis zu Luther führt uns der Verfasser, imincr lebendig, leider nie fundiert genug, sondern meist nachtwandlerisch über die eigentlichen Probleme hinweg. Trotz der wissenschaftlichen Mängel und obwohl vielleicht die Fachwelt das Werk der historischen Belletristik zuzählen wird, fesseln die beiden Bände bis zur letzten Seite. Sic sind für ein großes nicht gelehrtes Publikunr bestimmt. Einen bewußt jüdischen Leser läßt dieses Werk nicht los, denn es weckt in ihm die lebhaftesten Gedanken über das, was nicht darin steht. Die Kenntnis von der Verflochtenheit einer so schicksalreichen Gruppe wie der der Juden mit der deutschen Heimat, die Verwurzelung des jüdischen Geschickes mit der deutschen Kulturgeschichte schafft die Disposition zu einem besonderen Verständnis für die von den: Verfasser versuchte Beschreibung, wie germanischer und christlicher Geist einander begegnen und sich vermählen. Denn der christliche Geist- — damit kommen wir zu unserm Ausgangspunkt zurück — ist ohne den jüdischen Geist nicht zu begreifen. F. „Griff in den Orient" Leo Matthias, Griff in den Orient (Leipzig, Bibliographisches Institut 1931) Diese Ncisebcschreibung durch Vordcrasien wirkt wie das freie aus der Erinnerung heraus lebhaft und gleichzeitig besonnen gesprochene Wort; also ganz plastisch-sinnlich greifbar und doch vollkommen durchkomponicrt und durchgeistigt. Text und Bilder sind eine Einheit, von beiden ist alles Konventionelle, schon Dagewcscne absolut ferngehaltcn. Die Fremdheit der Landschaft wird dem Leser durch eine Art sprachlicher List, gepaart mit leuchtender Phantasie vertraut. Präzision und Phantasie vereinen sich zur höchsten Zuverlässigkeit der Reportage. Unglaubhaftes, ganz und gar Anderes wird von unseren Augen zur ganz klaren, durchsichtigen Wirklichkeit. Die folgende Sprachprobc über die Behandlung des Politischen mag in den Geist dieses außergewöhnlichen Buches cinführen: „Ein Gebiet (Palästina, Irak, Syrien, Arabien) wurde nun (seit dem Weltkrieg) von anderen Herren besetzt, die in sieben Jahren mit Flugzeugen und Geschützen das fertigbrachten, was die Türkei in vierhundert 'Jahren nicht hatte zustandebringcn können. BayerischeV ereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins Sicherheit und hohen Zins gewährleisten unsere Gold-Pfandbriefe und Bank-Sparbücher Die nach dem 2. Januar 1931 fälligen Zinsscheine sind kapitalertragsfteuerfrei Es herrschten nach dem Weltkrieg unumschränkt Frankreich und England. Die beiden Mächte hatten den gesamten Orient untereinander geteilt. Cs waren zwar nur „Mandate", die sich diese Nationen gegeben hatten, d. h. eine politische Abart jener Rechte, die ein Vormund besitzt, und man hatte sogar vorsichtigerweise die Mehrzahl der orientalischen Völker als „Mündel I. Klasse" bezeichnet, im Gegensatz zu den afrikanischen, die in die II. und III. Klasse kamen — aber das Vormundschaftsgcricht für alle Streitigkeiten zwischen Vormund und Mündel war und ist der Völkerbund, und dort durfte sich das Mündel noch nicht einmal durch einen ständigen Rechtsanwalt vertreten lassen. Cs durfte nur selbst erscheinen, in Gestalt einer Abordnung, mit einer gedruckten Beschwerde in der Hand, und das Volk erhielt dann auf diese Beschwerde hin die Antwort: der Völkerbund habe das Schreiben Sy. I7Z X. 4. zur Kenntnis genommen. Die Zustände, die in den ersten Jahren nach Übernahme der Mandate in jedem einzelnen der bevormundeten Länder herrschten, waren beispiellos. Um alle diese Völker während des Krieges zu gewinnen, hatte man unzählige Versprechungen gemacht, aber niemand dachte daran, auch nur eine einzige zu halten. Es war die Gründung eines großarabischcn Reiches versprochen worden, das von den Grenzen der Türkei bis zum Indischen Ozean und bis zum Roten Meer reichen sollte — cs waren sogar 1915 bereits Verträge mit diesem Reich geschlossen worden; Großbritannien hatte sich verpflichtet, alles zu tun „zur Aufrcchterhaltung und zum Schutze dieses Reiches gegen jedwede, in irgendeiner Form erfolgende Einmischung in seinem Inneren und zur Unversehrtheit seiner Land- und Seegrenzen gegen jeglichen Angriff, von welcher Art immer er sein könnte —" — Zu spät wurde erkannt, daß man betrogen worden war. Daß Frankreich und England längst andere geheime Abmachungen getroffen hatten und daß beide Mächte mit der Absicht umgingen, arabische Einzclstaaten zu gründen. Als diese Absicht schließlich zugegeben werden mußte, kamen beide Mächte in eine gewisse Verlegenheit, versprachen aber: daß jeder dieser Staaten jene vollkommene Unabhängigkeit erhalten solle, die für das großarabische Reich zugesagt worden sei. Man hielt jedoch auch dieses Versprechen nicht — und da inan es nicht gehalten hatte, nrachte man neue, die man aber auch nicht hielt. Als nichts mehr half, da alle Versprechen, die cs gab, bereits gebrochen waren, ließ man, was gebrochen war, auf sich beruhen — und arbeitete von nun ab nur noch nrit dem Säbel." Die Beschreibung von Land und Leuten, die historischen Exkurse, die bei Matthias immer brennende aktuellste Gegenwart illustrieren, das politische Raisonnemcnt wird in diesem außerordentlichen Buch begleitet von einer philosophisch geschulten unbestechlichen Einsicht in das Zentrum der begegnenden Zustände, der Menschen und der Landschaft, von cinein illusionsloscn Wissen um die wahre Gestalt des Orients, um die Süchte, die Trägheit, die Hoffnungen und Aussichten seiner Menschen. Wir erinnern uns, daß der Verfasser vor acht Jahren den Kampf Friedrich Heinrich Jaobis gegen Kant, Spinoza, Mendelssohn — eines der schwierigsten geistesgeschichtlichcn Kapitel aus der Zeit der Aufklärung — prachtvoll dargestellt hat. Leo Matthias' „Griff in den Orient" ist in der Tat das Rcisetagebuch eines Philosophen, das frenrdc Länder und Menschen mit einem Zaubergriff initten unter uns verseht, so daß wir in ihnen und mit ihnen leben. . F.