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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-08-01 · 15 (1.8.1931) · p. Seite 233

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
15 (1.8.1931)
Article
Der Eingang des Christentums in das deutsche Wesen [Rezension]
Date
1931-08-01
Page
Seite 233 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 233 Der Lingang des christentums in das deutsche Wesen W. F. Schaafhausen, Der Eingang des Christentums in das deutsche Wesen: Bd. I. 28 Bildtafeln, 238 Seiten. Bd. II. Der Durchbruch des deutschen Geistes im Mittelalter. 8 Bildtafeln, 211 Seiten. Eugen Diederichs, Jena 1929—31. I. . In den landläufigen Geschichtsdarstellungcn des Bündnisses, das zwischen dem deutschen Volk und dein Christentum geschlossen wurde, kommt das Wort Judentum nicht vor. Das Dogma, die christliche Lehre von der gottlrchen Verwerfung des Judentums wirkt noch nach, nachdem die Geschichtschreibung längst die Fessel der Kirchenlehre abgeworfen hat. Säkularisiert schreitet die Geschichtswistcnschaft frei und unbefangen voran und sucht die Dinge wie sie wirklich sind zu erkennen. Aber wie es eine Politische Theologie gibt, so scheint auch das Problem „Der Eingang des Christentums in das deutsche Wesen" von eine Art historischer Theologie beherrscht zu sein. Flüchtig stellt man fest: Das Christentum ist aus dem Stamm des Judentums entstanden, jüdische Geschichtsbetrachtung und jüdi - s ch e Messiashoffnungcn führten den Stammbaum Jesus' weit aus die jüdische Geschichte zurück, im Evangelium Matthäus bis auf Abraham, bei Lukas durch den Blutstronr des Judentums bis zum ersten Menschen Adam. „Damit war Christus in das große Crziehungswcrk hincingefügt, das Gott in seinem Volke Israel sich vorgenommen hatte." Und auch Paulus, der wurzelechteste glühende Jude, gibt nichts auf von den vergangenen Wegen seines Volkes, die für ihn der Menschheit und Gottes Wege schlechthin sind. Hält sich Glaube und Wirken von Jesus nach den Zeugnissen der Evangelien streng im Rahmen des Judentums, so ist Paulus mit jeder Faser seines Seins, in seinen Denk- und Lehrformen, in seinen Ansprüchen an sich selbst und an die Welt ganz Jude. Die tragenden Hauptgedanken des Evangeliums, der Glaube an Gottes Schöpfung der Welt und das Walten seiner Vorsehung über dem Menschenleben, an sein Gericht als Grund und seine Herrschaft als Ziel aller Geschichte, die Forderung des Gehorsams gegen seine Gebote und der Liebe gegen die uns von ihm als Nächste gegebenen Menschen, insbesondere die Schwachen und Armen, alle diese bekannten christlichen Grund- und Hauptgedanken wiederholen die unverfälschte jüdische Lehre, die Lehre der alten Propheten. Der jüdische Messiasglaubc der Zeit hat alle wesentlichen Elemente auch für die Entwicklung des Christenglaubens geliefert. Das später so genannte Alte Testament war für Jesus und die gesamte Christenheit die schlechthin unbestrittene Urkunde der Offenbarung Gottes, neben der es keine andere Autorität gab. Die jüdische Synagogengcmeinde lieh der christlichen Gemeinde die ältesten Formen ihrer Verfassung und die bleibenden, noch heute sichtbaren Grundformen ihres Gottesdienstes. Das alles ist heute unbestritten, aber man hat die Etikette, die Benennung, die Aufschrift vertauscht. Was jüdisch ist nennt man christlich und mit der Bezeichnung jüdisch meint man von den Kirchenvätern bis zu unserer Zeit alles Lichtabgekehrte, Verworfene, Gnadenlose. An diesem unabänderlichen Vokabular würde auch nichts geändert, wenn alle einzelnen Juden Lichtgestaltcn und Halbgötter wären. II. Vor uns liegt ein zweibändiges eben erschienenes Werk von hohem Rang: „Der Eingang des Christentums in das deutsche Wesen". Der erste Band umfaßt die Zeit von der Antike bis zum Zeitalter der romanischen Dome. Der zweite Band behandelt den „Durchbruch des deutschen Geistes im Mittelalter", also die Zeit von der Gotik bis zur Reformation. Die beschwingte und lebhafte Darstellung wird doppelt belebt durch 36 erlesene Bildertafeln. Der führende deutsche Verlag Eugen Diederichs hat den Bänden ein ausnehmend geschmackvolles Gewand gegeben und der Verfasser F. W. Schaafhausen ist an den beste Geistern deutscher Kulturgeschichte: Lamprecht, Dilthey und Troeltsch geschult. Aber was uns bei der Lektüre dieser Bände nicht loslöst, ist der an der Spitze dieses Aussatzes formulierte und begründete Gedanke: Warum wird hier das jüdische Schicksal, das Judentum so gut wie ignoriert, das Judentum, das bei dem Einzug des Christentums in das deutsche Wesen überall im Hintergrund steht? Die religiöse Vorstellungswelt des Judentums begleitet seit dem Tage, als Ulfilas seinen Goten die Bibel in ihrer Sprache schenkte bis heute die Geschichte der abendländischen Kirche. Das Judentum begleitet die Geistesgeschichte aller Völker, zu denen christliche Miffion außerhalb des jüdischen Volkes je gekommen ist; in der Mitte dieses jüdischen Volkes hat Jesus als Glied seines Volkes gelebt, aus dessen Reihen die ersten und wichtigsten Zeugen des christlichen Glaubens hervorgegangen sind. Im „H e l i a n d" haben wir den ersten großen Versuch vor uns, das Christentum innerlich dem germanischen Volkstum zu astimilieren, also jüdischen Geist, den Geist Jesus' und des Apostel Paulus aus seiner jüdischen Umwelt herauszureißen und in das Deutschtum hineinzustellen, Jesus „als germanischen Recken mit seinen Mannen durch den deutschen Wald, durch das tannenumrauschtc nordische Heimatland zur deutschen Königsburg reiten zu lassen". Verchristlichung des Judentums — Germanisierung des Christentums — Romanisierung der deutschen Kirche, das sind die großen weltgeschichtlichen Umformungsprozesse, deren Gang dem Autor des vorliegenden Werkes fremd geblieben ist, genau so fremd wie vielen „nationalen" Geschichtslehrern, die, ohne xs zu wissen, nur Objekte einer echten Gcschichtslehre sind. Außer der gelegentlichen Erwähnung der Judenverfolgungen im deutschen Mittelalter, des wachsenden Druckes auf die Juden im 15. Jahrhundert, dann natürlich der schon oben berührten konventionellen Feststellung von der Geburt des Christentums aus dem Judentum erfährt man bei Schaafhausen nichts von den Juden mehr und ihrem Geschick. Das kann bei dem heutigen Stand unserer Wissenschaftsorganisation auch gar nicht anders sein, besonders nicht in unserer unmittelbaren Gegenwart, in der die beiden großen herrschenden Weltanschauungsparteien die Kulturpolitik gleichmäßig unter sich aufteilen. Der Verfasser hat nicht bei „Graetz" und nicht bei „Dubnow" nachgeschlagen, und der üblichen Geschichtsschreibung ist die Geschichte des nachbiblisen Judentums oder gar eine universale jüdische Geistesgeschichte ein Buch mit sieben Siegeln. In seinem letzten großen Werk „Die Geschichte der Seele im Werdegang der Menschheit" (M. und H. Marcus, Breslau 1931) hat auch Kurt Breysig, der den Gedanken von den verschiedenen eigengcsctzlichen Kulturkreisen und vom Stufenbau der Weltgeschichte lange vor Spengler durchdacht und glänzend dargestellt hat, dem Eingang des Christentunrs in die germanische Welt zahlreiche geistvolle Bemerkungen gewidmet. Es ist sehr reizvoll, Schaafhausen mit Breysig zu vergleichen. „Die bunte Welt der unschuldigen Vielgötterei der Heiligenverehrung und die sonnendurchleuchtete sinnliche Schönheit des so herrlichen Dienstes der alten Kirche hat um den Gedankenkern des germanischen Christentums einen Mantel von unerhörtem Farbenreichtum gebildet". So Breysig! Hier bleibt im Unklaren, was Kern und was Mantel war. Einmal wird die Verkündigung von Jesus als der einfache Kern bezeichnet, der durch den Cinstrom denkerischen Geistes aus den -Quellen des hellenistisch-römischen Bildungskreises gewandelt worden sei; dann wieder ist nach demselben Autor der Gedankenkern des germanischen Christentums das einfache einfältige Clement gewesen. Ein großer Crkenntniswert kommt solchen Konstruktionen nicht zu. Den drei Kapiteln des ersten Bandes von Schaafhausen über die Germanen fehlt die konkrete Anschauungskraft. Steht er der Kenntnis der jüdischen Dinge, dem eigentlich jüdisch-christlichen Geist durchaus fern, so hat er sich merkwürdigerweise auch nicht genügend in die Fach-. Wissenschaft des germanischen Altertrrms cingelebt. Man möchte dem Verfasser den hohen Grad von Sachgemäßheit wünschen, mit dem zuletzt der ausgezeichnete holländische Gelehrte Jan de Dries (De germaansche Audheid, Haarlem 1930) in 10 kurzen Kapieln das germanische Altertum mustergültig beschrieben hat. Von ihm würde Schaafhausen lernen können, die Mitte zu halten zwischen kritikloser Germanenverherrlichung und zwischen der Anschauung der ungetansten Germanen als kulturloser Wilden. De Vries hat uns, unter der Zustimmung des besten reichsdeutschen Kenners des Stoffes, Gustav Neckel, gelehrt, daß das Schlagwort von der Regenerationskraft, mit der die Germanen auf die abgelebte Antike gewirkt hätten, durch geschichtlichen Tatsachen widerlegt wird, genau so wie das Schlagwort von den Germanen als besonders begabten Staatsbildnern. Zur Erkenntnis des vorchristlichen Germanentums genügen die von Schaafhausen für Kapitel 5 bis 8 vorgeführten Werke nicht. Hier nur eine Bemerkung: Nach dem außerordentlichen Aufschwung der Luther-Forschung der letzten Jahrzehnte läßt in der späteren Darstellung des zweiten Bandes das große Luther-Kapitel nichts von dem eigentlichen Problem über Deutschtum und Christentum bei

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