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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-08-01 · 15 (1.8.1931) · p. Seite 232

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
15 (1.8.1931)
Article
Bildung und Sport
Date
1931-08-01
Page
Seite 232 (sequence 3)
Language
German
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232 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 man es eben nicht, um Recht zu kennen, sondern um das Ich aus der Vereinzelung zur Gemeinschaft hinzuführen. So wird man in den metaphysischen Zusammenhang der Menschen hineingestellt, und diese Hineinstellung ist Ziel der Bildung, ist Bildung. Bildung, „Lernen" ist gedacht als Überwindung des Triebes. Man „lernt", um nicht im 2agen nach Erwerb zu versinken, damit nicht das Wirtschaftliche zuur Inhalt und einzig wichtigen werde, damit die Seele nicht davon aufgefressen werde, sondern andere, nicht zeitverbundene Inhalte erfahre. Bildung, „Lernen" ist Sieg über die Vergänglichkeit. In den Büchern jüdischen Lernens treten die Geschlechter in ihrer. Aufeinanderfolge vor uns hin, und über die gleiche Frage sprechen die Menschen aus den verschiedensten Jahrhunderten; es steht aus, als säßen sie alle vor uns in einer großen Korona, als umfaßt sie alledie eine und gleiche Arena. Sie sprechen zu einander über die Jahrhunderte hinweg, als wären alle in alle Zeiten hincingcstellt, als seien alle Glieder der Gemeinschaft in einer Lcbenssiunde vereint; und wir sprechen zu ihnen, sie zu uns über die Jahrhunderte hinweg. Die Zeiten sind überwunden, der Tod ist überwunden. Hier kann man wirklich sprechen: „Tod, wo ist dein Stachel?" So setzt „Lernen" in den metaphysischen Zusammenhang der Geschlechter hinein, ohne praktischen Zweck schlingt es um Ahn und Enkel ein Band, macht sic zu Kindern einer und derselben Gegenwart, das ist seine Funktion. Von hier aus inag eine Anregung zu uns .kommen in die Krise unserer Bildung. Sie wird immer, auch über diese im Ganzen krisenhafte Zeit hinaus, krisenhaft bleiben, sobald sie und insoweit sie Zwecke verfolgt, die unmittelbar im Praktischen bleiben. Cs gibt überall nur eine wahrhafte Bildung: die, die den Menschen über sein Ich erhebt, die ihn aus seinem Trieb hinrausreißt, aus dem Heute heraushcbt, das, indem man seiner bewußt wird, schon ein Gestern ist, und die Gemeinschaft begründet. Indem wir diese, aus dem Jüdischen kommende Zielsetzung in das Bildungsproblem der Gegenwart hineintragen, erfüllen wir eine Pflicht, eine große Aufgabe, nämlich die, aus dem Besten des Cigenenr mitbeizutragen zur Gestaltung der Welt, zur Auflösung des Chaos der Gegenwart, zur Ordnung des Chaotischen. Das heißt im besten Sinne jüdisch handeln, als Jude seinem Lande und der Menschheit dienen. „Seift und lat" Heinrich Mann, Geist und Tat. Franzosen 1780—1930. Berlin (Kiepenheuer 1931). Diese in knappster, gedrungener Sprache geschriebenen Essays über Viktor Hugo, Stendhal, Flaubert, Zola, Anatole France und andere gehören zur besten deutschen Prosa, die wir besitzen. Der glühende Glaube Heinrich Manns an den Sieg des Geistes über Roheit und Niedrigkeit, sein Glaube an das mögliche Glück der Völker, an die Menschheitsaufgabe des Dichters und Schriftstellers, dieser Glaube nimmt uns für das außergewöhnliche Buch ein. Überwältigend, wie und was Mann etwa über Zola schreibt; aus dem Abschnitt über „La Debäcle" seien hier die Stellen über „Die französische Armee und Kaiser Napoleon III. bei Sedan im Jahr 1870" als Stil- und Gesinnugsprobe wiedergegeben. ... Und während ein Gesetz und ein geheimer Wille.sie immer enger zusammentreibt in dem Kesiel, worin Sedan liegt, geht ihr Marsch nicht nur durch ein gekrampft harrendes Land, er geht durch das Reich, das Reich der Machthaber, Verdiener, Genießer, das so lange geprunkt und gelärmt hat, und über das jetzt endgültig gerichtet wird. Der Marsch des bewaffneten Volkes führt in es selbst hinein; es geht in sich, sein Innerstes soll nun herausgewendet werden in den Kreisen, die es erschüttern werden. Aus allen Winkeln kommen Menschen herbei, bekannt und ähnlich wie eine Familie, Bauern aus La Terre, Großbürger aus L’Argent, Frauen aus La Curee. Sie leben alle noch einmal auf, sie, deren Wesen und Zusammenwirken das „Reich" war, und begleiten seinen Abtanz mit ihren letzten Bewegungen ... Indes sie aber um ihren Kalvarienberg ringen, besteigt dort hinten ein anderer den seinen. Cs ist der Kaiser. Er war schon immer, geheim und hinter Schleiern, der zusammengefaßte Sinn seines Reiches, wie es glänzte, wie es sich zersetzte; und auf Höhepunkten, selten und kurz, erschien er. Hier nun erscheint er oft. Hier geht das Reich unter, da ruft es seinen Meister, es wird ihm erst recht ähnlich und verwandt, nun es untergeht. Cr besteigt seinen Leidensberg. In Durchblicken ist er zu sehen, wie er, jedesmal ein Stück höher, ganz allein dahinwankt, um endlich den Gipfel des Leidens zu erreichen. Cr wird mitgeführt von der Armee wie ein unnütz kostbares Gepäckstück, er und seine silbernen Küchengeräte. Er ist noch immer der Verschwörer von einst, der Träumer, dem die Kraft ausgeht im Augenblick des Handelns. Cr ist krank; em Kiesel im Fleisch eines Mannes, und Reiche stürzen ein. Cr soll als Held sterben, damu das Reich vielleicht nicht stürze. Die Armee wird in das Verderben geschickt, zur Rettung einer Dynastie; und auch ihn treibt man hinein. Cr weiß es, er hört hinter sich, von Paris her, eine Stimme: „Vorwärts, ohne dich umzusehen, unter dem Regen, im Schmutz, der Vernichtung entgegen, und spiele die letzte Karte aus für das Reich! Vorwärts und auf den gehäuften Leichen deines Volkes stirb als Held, denn bewundern muß die Welt und ergriffen sein, soll sie den deinen verzeihn!" Cr hört die Stimme und gehorcht, er hat diese fatalistische Größe. Geschminkt sitzt er zu Pfevd, reitet hinaus in das Feuer der Schlacht, und hält. Er hält und wartet, trüb und gleichgültig. Die Kugel kommt nicht, der Kaiser kehrt um, ergeben in sein Schicksal. Wie ein Gespenst sehen die Truppen ihn vorbeireiten. Gegenüber, auf einem Hügel in der Ferne, wohnt der König Wilhelm der Schlacht bei, aller Gefahr entrückt und wie auf dem Thronseffcl einer Galaloge. Für ihn arbeiten Menschen und Dinge; Napoleon handelt einsam, er will sterben. Cr ist ein Mensch und steht für sich; wenn er ausgekämpft hat, tritt Schweigen ein. Der andere rechnet mit Generationen, er glaubt sich wohlaufgehoben im Plan der Jahrhunderte. Der Kaiser kennt nur noch dies Schlachtfeld. Dem Gang des allgemeinen Unheils folgt auch seins; Wegmale sind sein inneres Leiden, die unterdrückten Schmerzen, die Schminke auf seiner Leichenbläffe, und seine Tapferkeit trotz allem, unnütz wie die Tapferkeit seines Heeres. Die volle Auflösung ist da, die Verzweiflung und Übergabe. Da hat auch er sich aufgegeben, verhehlt nichts mehr und schreit. Er schreit vor Schmerzen, — aber ihrer der größte ist, daß weiter die Kanonen donnern, daß immer noch zwecklos Menschen sterben. Der König Wilhelm sieht reuelos zu, bis er müde wird; denn dies heißt Sieg. Napoleon fährt hin zum König, er hat ihm seine Person angebotcn, in dem einzigen Gedanken, seinen Truppen bessere Bedingungen zu verschaffen; und nach der Unterredung weint er. Er nimmt in das Elend und in die Gefangenschaft sein armes Herz mit, das niemals ganz einem Imperator gehörte, und das heute im Leiden wohl mehr als jemals das Herz des Träumers ist, des Menschenbeglückers und Sohnes der Revolution. Er war nicht fest und fühllos genug für das vollkommen unmenschliche Militärreich, zu dem er verpflichtet war. Vielleicht war auch das Reich nicht sich selbst gewachsen, nicht seinem eigenen Ideal? Zu viele Keime von Menschlichkeit durchbohrten, aufsprießend, seinen Panzer. Es war recht, daß es stürzte; aber in La vebaele, zwanzig Jahre nach den Ereignissen, herrscht nur Schicksal, und kaum noch Haß. Was ist denn gestorben? Reiche, die Schranken aufrichtcn vor dem Glück ihrer Völker, Reiche, die die unter Panzern das Gewissen ersticken, verderbte und gewalttätige Reiche, sie mögen hinsinken, sie geben den besten Dünger für die Saat einer verjüngten Menschheit. Jean und Maurice bleiben, als der Kaiser entschwindet... Nach dieser Probe lese man bei Heinrich Mann über den Hauptmann Dreyfuß und über die Rolle Zolas nach. Aus der nie abebbenden Flut neuer Bücher sollte „Geist und Tat" gerettet werden: ein Werk, das man mit Spannung lieft und in großer Verehrung vor Heinrich Mann oft wieder vornimmt. GROSSE AUSWAHL VON BESTEM KUNSTGEWERBE Augsburg if| TMCT-ffFWFRRF-HÄI WalterKrau* Fuggerstr.l4a TT JuiwUJU JL Fernsprecher 525 ANERKANNTE QUALITÄT UND BILLIGSTE PREISE

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