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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-08-01 · 15 (1.8.1931) · p. Seite 231

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
15 (1.8.1931)
Article
Bildung und Sport
Date
1931-08-01
Page
Seite 231 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 231 menschcn und als körperlich starker und gesunder, werkverbundener Arbeiter mit einer beneidenswerten psychischen Arbeitskraft, die er in seinen: afrikanischen Urwaldspital glänzend bewährt hat. Seine Kunstkcnncrschaft, sein Eindringen in Bachs Genie, sein tiefes Wissen um die schwierigsten historischen, philosophischen und theologischen Fragen weiß er in Einklang zu bringen mit immerzu tätiger Menschenliebe und angestrengtester Überwindung schwerer körperlicher Strapazen. Nur die Autorität einer solchen, nicht leicht zu überschätzenden Persönlichkeit ist heute vielleicht in der Lage, auch unseren jüdischen Schmeling-Verchrern und Sportliebhabern, Kraftwagenfahrern, Boxern, Fußballspielern und Tennis- und Golfmcistern ein mehr als privates Wort über die wachsende Ungeistigkeit und den lächerlich ausgearteten Sport, mit den: gerade ein Teil der jüdischen Jugend sein bestes Erbteil ztl verraten inr Begriff ist, zu sagen. In seiner „Begegnung mit Albert Schweitzer" hat uns neulich Erich Valentin folgendes Bekenntnis des großen Menschenfreundes und Gelehrten, des auch an physischer Kraft uns überlegenen Afrikaforschers, überliefert: Als katastrophale Gefahr empfinde ich das Überh a n d n c h m e n der' sportlichen Einseitigkeit, der gegenüber vergeistige Mensch einen kaum durchführbaren K am pf um die Existenzberechtigung a u s z u f e ch t e n hat; gerade diese Befürchtung gilt der Entwicklung der jungen Generation. Der konventionell gewordene Sport der M'a s s e n erscheint mir als die größte nationale Niederlage unseres Volkes, des Kontinents überhaupt, weil ich in der Ü b e r n a h m e f r e nr d a r t i g e r Spiel- und Sportarten die ernsteste Gefahr der Verwischung volkstüinl i ch e r Eigenheit sehe. Genügt u n s Deutschen nicht das weit vielseitigere Turnen und Wandern. Man wird Schweitzer in der Tat kaum den Vorwurf befangener Einseitigkeit und Weltfrerndheit machen. Ungcistige Juden, das wäre nicht so schlimm, hat es irn Wechsel der natürlichen Begabungen imnrer gegeben. Das Bösartige ist die Nichtachtung, das Übersehen geistiger, gelehrter Betätigung. Ihre Übertreibung hat sich längst ins Gegenteil gewandelt. Klagen helfen hier nichts, entfernen uns nur noch mehr von der Jugend. Aber das Beispiel und das Wort eines Mannes wie Albert Schweitzers könnten doch vielleicht auch zu den jungen und alten Sportenthusiastcn dringen. Gewiß, die geistigen Schätze der Jahrhunderte sind größtenteils zum lästigen Bildungsstoff erstarrt, also zu etwas zum Lernen in der Schule und zürn Vergessen nach der Schule; von den tausendmal kompromittierten Argurnenten über den Wert der Bildung läßt sich heute die Jugend nicht mehr irnponieren. Aber die Geistesfeindlichkeit hat ihre Grenzen und ist sehr, sehr gefährlich. Denken gilt nichts, Tun alles. Wir stehen heute dicht vor der Verabsolutierung der rohen Kraft und sportlichen Geschicklichkeit mit ihren katastrophalen Folgen für Vcrnunftgründe, Tradition, Gerechtigkeitsargumente, feinere Unterscheidungen, kurz für alles das, was Existenzbedingung einer sich von der Umwelt abhebcndcn selbstbewußten Minderheitsgruppe ist. Echte Bildung ist das Gegenteil von Lebcnshemmung und bleibt, Sport- und Rekordleistungen weit hinter sich lassend, die denkbar stärkste Förderung inr.Kampf unr neue Lebensformen, der uns erwartet. F. 2. Zum Bildungsproblem Von Rabbiner D r. D i e n e nr a n n (O s f e n b a ch) Nicht von den Problemen und Schwierigkeiten des jüdischen Unterrichts soll in dcrn Folgenden die Rede sein, sondern von der Anregung, die von der überlieferten Form jüdischer Bildung ausgeht und mithelfen kann, die Bildungskrise der Gegenwart zu überwinden. Diese Bild u n g s krise ist eine Teilerscheinung der Kultur krise, in der wir uns befinden. Diese Kulturkrise ist dadurch bestimrnt, daß die festen Werte, die anerkannten und mit allgcnreincr Gültigkeit begabten sittlichen Noruren in unserem Bewußtsein ins Wanken geraten sind, daß infolgedessen das Leben in seinen Formen regellos geworden ist, der subjektiven Willkür des Einzelnen ausgeliefcrt, daß Zweck und Sinn des Geschehens und des So-Geschehens und So-Tuns uns fraglich geworden sind. Hat nran für die gcsanrte Lebensführung keine feste Norm und Form, so muß auch die Erziehung, die Vernrittlung von Wissen ünd Kenntnissen, die zu einer bestimmten Lebensform hinführen soll und will, schwankend, unsicher in ihrem Ziele werden. Wird so die Bildungsfrage in ihrer Grundlegung schon krisenhaft, so wird diese Krisenhaftigkeit noch verschärft dadurch, daß man sich über das Ziel der Bildung nicht mehr im Klaren ist. Soll sie inr wesentlichen Wissen, Kenntnisse vermitteln oder soll sie in der Hauptsache Charakter, Persönlichkeit formen? Wenn sie Kenntnisse vermitteln soll, welche? Was zu wissen, was zu können ist wichtig? Diese Frage wird vor allem aus der Nützlichkeit her beantwortet, aus der Überlegung, was nran mit bestimmten Kenntnissen anfangen könne, und in welchem Grade sie tauglich machen, im Berufe, irn Lebenskampf, im wirtschaftlichen Wettbewerb zu fördern. Je mehr diese Nützlichkeitsfrage in den Vordergrund gestellt wird, desto mehr werden angesichts der Verschiedenartigkeit der Berufe und ihrer Voraussetzungen die Bildungsformen differenziert, daraus ergibt sich fortschreitend eine Lockerung der Einheit der Bildung und Bildungsform, desto weniger wirklich gebildete Menschen erwachsen, desto mehr werden die Menschen Fach- und Berufsmenschen, und mit der Krise des Berufes vermehrt sich die Krisenhaftigkeit der inneren seelischen Haltung, Wirkung und Ursache fließen ineinander, Sinn und Ziel der Bildung wird fraglicher, sie zu bestimmen wird man immer ratloser. Hier nun kann in dieser Krisen st i m m u n g eine Beobachtung uns nützlich werden, die sich uns bei der Analyse jüdischer Bildung und Bildungsform aufdrängt. In ihrer Benennung schon kommt zum Ausdruck, daß sie grundsätzlich nicht als ein Fertiges, Abgeschlossenes gelten will, daß sie also auch keine fertigen, ein für allemal geprägten Menschen Herausstellen will. Alle Bildung wird im jüdischen Kulturkreis mit dem Wort „Lernen" benannt; der Gebildete heißt nicht ein Weiser, ein Kenntnisreicher, sondern t a 1 m i d chochom, „ein weiser Schüler, ein kluger Lernender". Daraus schon kann man ersehen, daß im Rahmen dieser Auffassung nicht das Wissen, nicht ein bestimmtes Maß von Kenntnissen als Ziel der Bildung gilt. Wenn es sich nur um das Wissen handeln würde, daß man also in diesem Zusammenhang wissen sollte, was geboten und was verboten ist, was erwünscht und was verwehrt ist, wie man sich zu Gott und zum Menschen stellen soll, so könnte in einem Bande, noch nicht einmal sehr umfangreichen, alles praktisch Notwendige vereint sein. Indem man sich nicht mit dem zum religiösen Leben notwendigen praktischen Wissensstoff begnügt, indem man diesen Stoff ins Weiteste ausdehnt und ihn in ständigem Fluß erhält, wird die Bildung aus dem Zweckhasten herausgehoben und wird ganz betont nicht zweckhaft. Bildung, heißt das, darf nicht so erfaßt werden, daß sie auf ein bestimmtes praktisches Ziel abgestellt ist. Sie hat eine ganz andere Aufgabe, sie hat die Aufgabe — und damit dringen wir in den Kern der jüdischen Auffassung vom Sinn der Bildung ein —, den Menschen aus seinem Ich herauszureißen. Unser Ich ist nicht reizvoll. Jeder ist geschüttelt von Begierden, jeder zittert um sein Sein, um Gesundheit und Besitz. Was geschieht, beurteilen wir nicht nach seiner Bedeutung an sich, sondern in seiner Beziehung auf uns. Das macht krank. Wir sind geschüttelt von Begierde, und je mehr wir nachgeben, um so weniger werden wir satt, und immer neuer Hunger packt uns; und schämen wir hinein in uns, ins Unbewußte und Unterbewußte, gewahren wir eine dunkle Welt von Trieben, von Wünschen, die hart ans Verbrechen streifen, von Begehrungen, die an kein Hemmnis gebunden sind, von Gedanken, die maßlos schweifen. Ein Gedanke jagt den anderen, hin und her werden wir gerüttelt, und die Fratze der Vergangenheit tritt grinsend vor uns hin. Hier nun setzt die Aufgabe des Lernens ein, uns über dieses Ich emporzureißen, herauszurcißcn. Darum konnte,. kann man nicht auslernen, saß man tagaus, tagein und vergaß seine Umgebung. Man lernt im Trauerhaus und sagt sich selbst dabei, daß, was man erlebt, nicht nur Einzelschicksal ist, sondern der brausende Strom des Geschehens durch alle Zeiten hindurch. Darum lernt man, wenn man ein neues Haus bezieht, damit man weiß, man darf sich nicht in diesen Besitz einspinnen, als sei er eine Burg, hinter deren Mauern nran sicher wohnt. Das Ich steht im Heute, und Lernen ist Flucht aus dem Heute, Überwindung des Heut. Darum lernt man in jüdischen „Lernen" von den Dingen, die das Heute gar nicht angehen. Der Tempel liegt in Trümmern, kein Opfer kann gebracht werden. Und trotzdem lernt man von den Opfern und den Priestern, als stünde das alles vor uns, und von den Maßen, in denen der Tempel zu erbauen ist, als müßte er morgen aufgcbaut werden. Und indem nran dies und hundert andere Dinge nicht zweckhaftcr Art lernt, ist man herausgerissen aus dem Heute, in das das Ich verkrampft ist, aus dem Heute mit seinen wechselnden Geschehnissen und seinen wechselnden Gedanken und Zielsetzungen. Bildung, „Lernen" ist Weg zur Gemeinschaft. Man „lernt" von den Pflichten des Menschen zum Menschen, von allen Angelegenheiten der Beziehungen der Menschen zu einander. Äußerlich kann das sein: Lehre des Rechts. Aber da dieses Recht als Recht nicht gehandhabt wird, lernt

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