Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 13 (1.7.1931)
- Article
- Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft der jüdischen Jugend in Deutschland
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 207 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 207 so sehr aber in ihrer Bewertung. .Fräulein Dr. Meyer bringt einen gewissen proletarischen Idealismus auf, der sie die kommende Entwicklung lebhaft begrüßen läßt. Ich möchte mich ein wenig nüchterner ausdrücken und nur sagen, daß diese Entwicklung anscheinend eine unabänderliche Tatsache ist. Ein Ideal ist sie nicht. Wirkliche Kultur, auch jüdische Kultur wird, solange die Erde steht, nur möglich sein, wenn eine breite Schicht von Menschen in halb oder ganz selbständige Berufe einrücken kann. Wo also vorhandene selbständige Positionen im Geschäftsleben mit Vorteil von Juden gehalten oder neue errungen werden können, ist dies begrüßenswert. Es gibt auch hier immer wieder neue, unternehmenden Köpfen sich bietende Möglichkeiten, in vergangenen Jahren etwa im Funk- und Radiohandel, gegenwärtig im Kettenladen- und Einheitspreisgeschäft und in Zukunft vielleicht auch in einigen Zweigen der landwirtschaftlichen Veredlungsindustrie wie Molkerei, Gärmerei oder Geflügelzucht. Dazu kommt die Überlegung, daß nur eine genügend große Anzahl jüdischer Unternehmungen unserer Arbeitnehmerschaft die Möglichkeit ausreichender Beschäftigung bieten kann. Wenn es keine jüdischen Fabrikanten, Konfektionäre und Warenhäuser gäbe, würden viele Verkäufer und Werkmeister, Stenotypistinnen und Modistinnen auf der Straße liegen. Dabei ist freilich - für die andere Seite anzumerken, daß auf diesem Gebiet eine große soziale Verpflichtung der Unternehmerschaft besteht, die keineswegs voll ausgeschöpft ist. Aber auch bei meiner Art die Dinge zu sehen, stimme ich mit Fräulein Dr. Meyer in der Crkennmis der Notwendigkeit der Proletarisierung überein. Ich gehe nur noch einen Schritt weiter und sage, daß erst, wenn der „proletarische" Zustand erreicht ist, die Möglichkeit zu einem neuen Aufstieg gegeben sein wird. Ein fachlich gut ausgebildeter Techniker oder Betriebshandwerker wird, wenn sich die Verhältnisse in Europa einmal wieder stabilisiert haben werden, bei Fleiß und Zähigkeit auch die Chance haben, eine eigene Neparaturwerkstätte oder einen eigenen kleinen Gewerbebetrieb aufzumachen. Auf jeden Fall, ob selbständig oder nicht selbständig, wird es heißen, überttiebene Ansprüche an das Leben zurückzuschrauben, die die Behauptung der Juden im Daseinskampf in Angestelltenberufen sowohl wie im selbständigen kaufmännischen Unternehmertum, auch durch die mangelnde Gewilltheit in kleinere oder mittlere Orte zu ziehen, wo sie ihr Auskommen finden könnten, beeinträchtigen. Wie so oft in der jüdischen Geschichte wird auch hier viel davon abhängen, ob die jüdischen Frauen und Mädchen begreifen, daß sie selbst mit Hand anlegen und ihren Männern helfen müssen. Ein Unglück im jüdischen Sinn ist in einer solchen Entwicklung dann nicht zu erblicken, wenn der Wille zur jüdischen Gemeinschaft bleibt. Die stärkere berufs- und klassenmäßige Schichtung, die die Iudenheit in Zukunft zweifellos aufweisen wird, wird nur dann zu einer Zerreißung des jüdischen Gemeindelebens führen, wenn jede einzelne Gruppe sich besser und wichtiger dünkt als die andere und die wahre Demokratie menschlicher und jüdischer Gemeinschaft vergißt. II. Neuerdings haben sich zwei führende Köpfe des deutschen Judentums ebenfalls zu der Frage der jüdischen Wirtschaftslage und Berufsumschichtung geäußert: der bekannte sozialistische Wirtschaftstheoretiker Fritz Naphtali in einem Referat zur Eröffnung der von der Jüdischen Gemeinde Berlin veranstalteten Lehrgänge für jüdisch-soziale Ausbildung und Fortbildung und der Direktor des Central-Vereins, Dr. Ludwig Holländer, anläßlich der Besprechung des bekannten Buches von Marcus über „Die wirtschaftliche Krise der deutschen Juden" in der letzten Nummer der „Central-Vereins-Zeitung". Beide sind darin einig, daß sie vor einer Überschätzung der Tendenzen, die zu der sogenannten „Proletarisierung" führen können, warnen. Tatsächlich hat dieser Begriff heutzutage vielfach etwas Schillerndes angenommen. Ein verarmter Kaufmann, der sein Geschäft aufgeben muß und Vertreter wird oder Versicherungen abschließt, ist noch lange kein Proletarier. In solchen Fällen würde man zweckmäßiger anstatt von „Proletarisierung" von „Pauperisierung" sprechen. Gerade in der starken Erschütterung selbständiger Existenzen im Handel und in den akademischen Berufen liegt aber nach Naphtali das Schwergewicht der jüdischen Notlage, dabei ist es interessant zu beobachten, daß der Sozialist Chancen eigener Wirtschaftsführung in modernen Entwicklungsformen des Einzelhandels (Warenhäuser, Spezialgeschäfte, Kettenläden) und in neuen Industrien (Film, Radio) sieht, während der aus der bürgerlichen Theorie stammende Ernst Marcus einen Niedergang des jüdischen Anteils am selbständigen Unternehmertum wichtiger Branchen und das Heraufkommen einer mehr bürokratischen oder genossenschaftlichen Wirtschaftsgesinnung und Wirtschaftsgestaltung feststellt. Holländer meint dagegen, daß man aus der gegenwärtigen Notlage, selbst wenn sie noch einige Jahre andauern wird, keine allzu pessimistischen Folgerungen für die Zukunft ziehen soll, weil der Selbsterhaltungswille der Menschen im Kampf ums Dasein dadurch in verhängnisvoller Weise geschwächt werde. Aber wie es damit auch stehen mag: allein die Erkennmis von Tatsachen kann uns zeigen, was wir Mn sollen. Und in dieser Erkennmis stimmen maßgebende Beurteiler überein. Aus bayerischen Gemeinden Die Singwoche in Krumbach (Bayer. Schwaben) vom 2. bis 9. September 1931 In anderen Gegenden Deutschlands ist die Abhaltung von sogenannten Singwochen schon zu einer ständigen Einrichtung geworden. Hier in Süddeutschland und vor allem in den jüdischen Kreisen kennt man dagegen kaum den Namen, geschweige denn das Wesen einer solchen Singwoche. Daher mag es berechtigt sein, zunächst hievon eine Darstellung zu versuchen: Ein Kreis von Menschen — sowohl junge wie auch erwachsene —, die Freude am ungekünstelten, natürlichen Singen und an der Erarbeitung alter und neuer Lieder haben, verbringt eine Freizeit von etwa einer Woche möglichst abseits vom allgemeinen Trubel in einer schönen Gegend zur körperlichen und seelischen Erholung: das nennt man dann eine Singwoche. Etwas theoretischer Unterricht, Singen, Instrumentalmusik, Gymnastik, viel Aufenthalt in der freien Natur, sogenannte Volkstänze und Vorträge mit Aussprachen sind einem festen Tagesplan cingegliedert, in dem auch für Ausspannung gesorgt ist. Hiebei kommt cs aber vor allem darauf an, daß die Teilnehmer ein großes Maß von Selbst-Disziplin und die Fähigkeit, sich einem vom Geiste der Gemeinschaft getragenen Kreis harmonisch einzufügen, mitbringen. Das Gelingen einer solchen Singwoche liegt also großenteils an den Teilnehmern selbst. Alles sogenannte „Gesellschaftliche", wie z. B. moderne Tänze, elegante Gesellschaftskleidung usw. hat hier keinen Raum; denn diese Freizeiten sind auf Natürlichkeit und Einfachheit abgestellt, ganz im Sinne der Jugendbewegung, aus deren Geist heraus sie seit 1923 entstanden sind, wo Walther Hensel die erste Singwoche hielt. Allerdings besagt eine Beschreibung recht wenig. Man sollte meinen, daß es kaum möglich sein kann, diese ganze Zeit von einer Woche nur in dieser Weise zu verbringen. Daß dies aber sehr wohl möglich ist, das beweist die immer größer werdende Zahl solcher Singwochen, die mit immer größerer Beteiligung heute schon in sehr vielen Gegenden abgehalten werden. Mancher wird nun denken: hier möchte ich ja auch ganz gerne mittun, aber ich habe keine besondere Singstimme. Darauf kommt es nun gar nicht in erster Linie an; wer Freude zum Singen hat, auch wenn die Stimme selbst zunächst nur schwach ist, der wird sich besser für das Ganze eines solchen Chores eignen wie die glänzende Stimme, die stets alle anderen übertönen möchte. Solche Singwochen wollen aber nicht nur eine musikalische Angelegenheit sein: in einer Zeit der Mechanisierung auf allen Gebieten wollen sie zugleich eine Selbstbesinnung wecken, daß wir nicht nur dem Menschlichen, sondern auch dem Göttlichen wieder unseren Sinn erschließen. Das Religiöse im allgemeinen Sinn, ohne daß eine bestimmte Festlegung erfolgen soll und ohne daß eine bestimmte Richtung besonders betont wird, soll die tragende Idee sein. Da wird es nun begreiflich erscheinen, wenn nun auch einmal für jüdische Kreise der Versuch einer solchen Singwoche gewagt wird, und zwar ist es durch das weitgehende Entgegenkommen der Münchener Vorstandschaft wie der Hausverwaltung der Ferienkolonie in Krumbach (Bayer. Schwaben) gelungen, in der Zeit vom 2. bis 9. September 19 3 1 im dortigen Heim eine Singwoche zu halten. Unterkunft und gemeinsame Verpflegung ist in den Räumen der Krumbacher Ferienkolonie geboten. Die schöne Umgebung mit ihren hübschen Laub- und Nadelwäldern, ein Schwimmbad und ein gesundes Klima verbürgen auch eine körperliche Erholung. (Der Verschönerungsverein in Krumbach (Bayer. Schwaben) versendet auch gerne gratis einen illustrierten Prospekt über Stadt und Umgebung.) Um nun vielen die Teilnahme zu ermöglichen (Höchst-Teilnehmerzahl etwa 50 Personen), ist die Teilnehmergebühr möglichst niedrig festgesetzt worden; sie beträgt für die ganze Zeit 30 RM. Darin ist inbegriffen