Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 13 (1.7.1931)
- Article
- Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft der jüdischen Jugend in Deutschland
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 206 (sequence 1)
- Language
- German
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206 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 vie gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft der jüdischen lugend in Deutschland Von Dr. Werner C a h n m a n n I. Am Mittwoch, den IO. Juni 1931, sprach im ersten Vortrags- und Aussprache-Abend des dcutschjüdischen Arbeitskreises München Fräulein Dr. Julie Meyer (Nürnberg) über das Thema „Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft der jüdischen Jugend in Deutschland". Cs ist ein erfreuliches Zeichen, daß der Lessing-Saal überfüllt war und eine Reihe von jungen Leuten außen an den Fenstern stehen mußte, um den Ausführungen der Refercntin zu folgen. Nach kurzen Cinlcitungsworten von mir selbst führte Fräulein Dr. Meyer aus, daß die kommende Proletarisierung der deutschen Judenhcit durchaus nicht als ein Unglück angesehen werden müste. Für die seelische Lage der jüdischen Jugend in dieser veränderten Situation sei es entscheidend, daß sie durch engere Berührung mit proletarischen Schichten des Volkes mehr als die vorige Generation in ihren bürgerlichen Berufen in der Lage sei „Wir" zu sagen und ein neues Solidaritätsgefühl mit der Gesamtheit des Volkes, nachdem sie so lebhaft verlange, zu empfinden. Es sei allerdings notwendig, daß ein solches Solidaritätsgefühl auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft wach werde und ein gegenseitiges Sichbesserdünken der verschiedenen Berufe und Schichten im deutschen Judentum überbrücke. Die Berufsaussichten konkreter Art beurteilte die Rednerin so, daß es nicht zweckmäßig erscheine, wenn alle jüdischen jungen Leute kaufmännische Angestellte würden oder alle jungen Mädchen sich hinter die Schreibmaschine setzten. Es müste bedacht werden, daß in einer industriellen Zwischenschicht zwischen eigentlichem Proletariat und akademischen Berufen bei gründlicher fachlicher Ausbildung größere Aussicht, zu befriedigender Berufsausübung zu gelangen, bestehe. Dies gelte für Männerwie für Frauenberufe. Dabei müßten allerdings ebenso wie im kaufmännischen Angestelltenverhältnis Ambitionen fallen gelassen werden, die den unberechtigten Glauben nähren, als könne jeder Lehrling nach kurzer Zeit Büro-Chef, jede Stenotypistin Direktions-Sekretärin werden. Auf jeden Fall müßten die Ansprüche an den Standard des Lebens und an die Stellung im Betrieb auf ein einfaches und bescheidenes Maß zurückgeführt werden, weil wirklich kein Anlaß besteht, weshalb die deutschen Juden in Zukunft in ihrem Durchschnitt Anspruch auf ein besseres Leben haben sollten als das deutsche Volk überhaupt. Die Aussichten des landwirtschaftlichen Berufs hielt die Referentin für äußerst gering. Die Landwirtschaft sei in Europa eine allgemein nicht rentable Erwerbsart und Zuschußunternehmungen wie Neujaglow bewiesen gegen diese allgemeine These nichts. Dagegen werden die Aussichten der akademischen Berufe im allgemeinen zu düster dargestellt. Wer auch hier muß betont werden, daß günstige Chancen des Fortkommens nur für solche jungen Leute bestehen, die sich zu akademischem Studium und entsprechender Berufsausbildung auch wirklich eignen. Die' Referentin schloß nach einer kleinen Abschweifung über die Verhälmisse in Sowjet-Rußland mit der Aufforderung, jene innere Sicherheit des Lebens zu gewinnen, der äußere Umstände, Umwälzungen, Bürgerkrieg und selbst soziale Katastrophen nichts anhaben könnten. In der Diskussion sprachen eine Reihe von Jugendlichen aus den verschiedensten Lagern. Besonders interessant und den Kern der Sache treffend waren die Ausführungen von Fräulein Rosenfeld, Herrn Andre Weil, einem Mitglied des Reichsbanners, Herrn Dr. Emrich und Herrn Heinrich Lamm. Die Stimmung der Versammlung war allerdings stellenweise recht wenig würdig. Ich habe ein ähnliches unangebrachtes Gelächter und ähnliche unlogische und nur der Gaudi halber abgegebene Zwischenrufe in der Versammlung gehört, die vor einigen Monaten Herr Dr. Holländer vor den hakenkreuzlerischen Studenten der hiesigen Universität gehalten hat. Gerade weil ich den ernsthaften Willen, der so vielfach in unserer jüdischen Jugend steckt, hoch achte, kann ich es nicht unterlassen, auch an dieser Stelle zu sagen, daß in dein Weltmomeni, den wir durchleben, ein sehr viel größerer Ernst und eine sehr viel höhere geistige Disziplin notwendig ist als an diesem Abend von einem Teil der jungen Besucher gezeigt wurde. Wenn das nicht erreicht werden kann, wird das deutsche Judentum durch die Stürme der Zeit nur mit sehr schweren Wunden hindurchkommen. Zu den Ausführungen des erfreulich lebendigen Referats möchte ich nachträglich sagen, daß ich praktisch völlig mit ihnen einig gehe, nicht Cüiti Ludwig (FRÜHER TEICHLEIN) - LUDWIGSTRÄSSE 4 Das vornehme Familien-Cafe Eigene Konditorei auch abends Der" ""1 das Lokal_ jedes Einheimischen und Fremden NEUER PÄCHTER 5 HANS FÜRST Regenmäntel Ulster und Paletots Eigene Herstellung. Nur hochwertige Qualitäten Vollkommen in Schnitt und Verarbeitung Hauptpreislage* 138.- 148.- 165.- SAKKO-ANZÜGE ab RM. 260.— In unserer bekannt exquisiten Ausführung LOTZ & LEUSMANN München Perusastraße DIE NEUE SCHWINGHEBEL- ADLER Standard ist ein Erzeugnis hochwertiger Qualität! Ihre Vorzüge sind: Ruhiger Gang, bequeme Handhabung Höchste Sch reibg esch wi ndig keit Starke Durchschlagskraft, lange Lebersdauer Lieferbar in allen Extra-Ausführungen Außerdem die bekannten Stoßstangen-Modelle Fordern Sie Prospekt und Vorführung Adlerwerke, vorm. Heinrich Kleyer Filiale München, Augustensfralfe 40 - TS 4754