Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 13 (1.7.1931)
- Article
- Das Buch Zunz
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 201 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeilung 201 „Das vuck Zunz" „Künftigen ehrlichen Leuten gewidmet" Von Dr. Fritz Bamberg er Vorbemerkung der Redaktion: In dem schönen Handschriftcnzimmer der Münchener Staatsbibliothek steht in der Handbibliothek das unentbehrlichc Nachschlagewerk des verewigten Münchener Rabbiners Dr. Joseph Perles „Beiträge zur Geschichte der hebräischen und aramäischen Studien". Dem Werk aus dem Jahr ' 1884 ist ein Widmungsblatt zum 90. Geburtstag des Altmeisters der Wissenschaft vom Judentum, Leopold Zunz, vorangestellt. Zunz hat diese eigentümliche moderne, heute ganz mit Unrecht angezweifelte Wissenschaft begründet. In diesem Jahr werden es 100 Jahre, seitdem das klastische Grundwert von Zunz „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" entstanden ist; auf diesem Werk stnd alle späteren Darstellungen des jüdischen Gottesdienstes aufgebaut. Bei der diesjährigen Pfingsttagung der „Soncino-Gesellschaft" in Frankfurt wurden die Teilnehmer durch einen vorzüglichen Druck der O f f i c i n a Serpentis als Festgabe erfreut, die besonderes Aufsehen erregte. Die Gabe enthielt eine Probe aus dem in Berlin als Manuskript aufbewahrten Tagebuch von Zunz, das ein wichtiges, bisher nicht veröffentlichtes jüdisches Zeitdokument des 19. Jahrhunderts ist. Wir drucken hier mit Erlaubnis des Verfassers die Einleitung des Herausgebers, Dr. Fritz Bamberger, ab. Bambcrger ist hier als Festredner bei der Mendelssohn-Hundertjahrfeier in München 1929 in guter Erinnerung. Die große Mendelssohn-Ausgabe der Akademie zählt ihn zu ihren bedeutendsten Mitarbeitern. Leopold Zunz ist als der Begründer der Wistenschaft des Judentums bekannt. Cr hat mehr getan als nur die Grundsteine dazu gelegt. Er hat in einem langen bis an den Rand mit Arbeit ausgefüllten Leben die neue Wistenschaft hoch und weit gebaut, und ihre historischen Disziplinen haben noch heute damit zu tun, den Reichtum, den er erschlossen, zu verwalten und zu nützen. Über diesen Leopold Zunz hat uns Franz Rosenzweig ein grimmiges Verdikt überliefert, das Hermann Cohen ausgesprochen hat: „Er hätte ein großer Historiker sein können und war doch nur ein — Antiquar." „Die Antithese ist ungerecht über alles Maß, und doch trifft die Charakteristik den Menschen Zunz und seine wissenschaftliche Leistung. Der Satz hat die Art so vieler Urteile, die Cohen oft und besonders in privatem Gespräch ausgesprochen hat: daß er überscharf das erste Interesse aus dem Ganzen einer Persönlichkeit und eines Werks hcrausschneidet und nach dessen bedingungsloser Prüfung — Billigung oder Verwerfung — nicht mehr dazu kommt, den Weg im einzelnen, die ausgleichenden Nebeninteressen, die mildernden Stimmungen, ja das Resultat mit einzurechnen. Wenn Cohen in dieser Weise urteilte, sah er die erste Konzeption und die Konsequenz, die sie hätte haben müssen, ob es sich nun um Zunz und Bcrnays oder unr Spinoza handelt. Wirklich war das „Antiquarische" Zunzens große Liebe, Vergangenbeit ein ungeheures Meer, in das er sich hineinwirft. Dessen Unübersehbarkeit ist verlockend, seine Tiefe anziehendes Geheimnis, cs ausmcssen zu wollen ein Wagnis allen Einsatz wert. Aber dieses Ziel — und vieles andere — hat Cohen bei seiner Ablehnung von vornherein schon nicht mehr sehen können: den Ordnungswillen, der ihn hätte berühren müssen, das Interesse für Gliederung und System, die Lust auch an der Konstruktion. . Cs gibt kaum eine bessere Gelegenheit, alle diese Tendenzen aufzuzeigcn, die Gestaltungskräfte, die in Zunz' Schriften wirksam sind, sichtbar zu machen, als das „Buch Zunz". In diesen privaten und durch nichts gehemmten Aufzeichnungen sind alle Elemente der Zunzschen Geistigkeit bei einander und offengclegt, und die biographischen Details, die sie geben, verschaffen hinzukommend die Möglichkeit, die Zunzsche Art aus Herkommen, Erziehung und Bildung zu verstehen. Die Aufschlüsse, die wir erhalten, aber beschränken sich nicht darauf, uns das gelehrte Wesen des Wissenschaftlers verständlich zu machen. Das „Buch Zunz" gibt mehr, es ist das überaus reizvolle Dokument eines Juden, der in der besten Zeit deutscher Kultur groß geworden, in ihrer interessantesten und bewegtesten sich mit ihr auseinandersetzt. Der zu der Generation gehört, der als erster der Weg in die deutsche Bildung ohne Widerstände offen steht. Mit Heinrich Deine und Eduard Gans gcureinsam hat Zunz das Judentum von daher klären und aufbauen wollen. Gans hat das Judentum verlassen, Heine Zeit seines Lebens zwischen Liebe und Ressentiment geschwankt, Zunz ist Jude geblieben. Die Kräfte, die es verhindert haben, daß er auch nur einen Augenblick unsicher werden konnte, stnd in diesem „Buch Zunz" spürbar. Es ist kein Tagebuch, das die Ereignisse begleitet. Es sind eher Mernoiren eigentlich nur eine ausführliche Disposition dazu. Und da scheint das Buch Cohen zunächst ganz recht zu geben: so zu sammeln, das erinnert an die Art eines Antiquars. Aus einer peinlich genau arbeitenden Erinnerung und auch aus Aufzeichnungen ist zusammcngetragen, was sich in mehr als 70 Jahren begeben hat. In dieser Fülle der Ereignisse gilt allem die gleiche, dem Fremden oft unverständliche Liebe des Sammlers. Die zierliche kunstvoll geschnörkelte Schrift schreibt mit gleicher Sorgfalt über das erste Spielzeug und das erste selbstversaßte Buch, über lebende Menschen und tote Dinge, über Haupt- und Staatsaktionen und die kleinen Zufälle des Haushalts. Aber was sich so darstellt, ist nicht blinder antiquarischer Trieb. Cs ist die „Andacht zum Unbedeutenden", die Jakob Grimm vom Forscher als schönste Tugend forderte und die hier in der überzeugendsten und frömmsten Weise verwirklicht ist, wenn das Vorübergehende und Geringfügige Platz und Sinn bekommt wie das epochale Geschehnis. Denn so wenig Grimm und die Historische Schule überhaupt, zu deren bedeutendsten Vertretern Zunz an der jungen Berliner Universität gehört hatte, im Kleinen an sich das Wertvolle sahen, so wenig läßt es unser Buch bei den Mitteilungen genügen. In einem bald leichten, bald bizarren Spiel beginnt die Bearbeitung der Geschehnisse. Die Daten des eigenen Lebens werden mit anderen entsprechenden aus der Geschichte zusammengestellt und mit solchen aus seiner Zeit „synchronisiert". Ein fast mystisches Band wird so durch die Ereignisse gezogen. Die Daten und Zahlen werden in leicht ausdrückbare übersichtliche mathematische Verhältnise umgerechnet. Liegt in diesem skurrilen Aufbau ein tieferer Sinn? Cs ist nie ausdrücklich gesagt, wieviel in diesen Analogien und Parallelen zwischen dem eigenen Leben und dem der Geschichte-tiefere Bedeutung haben soll. Ein urromantisches Clement lebt in dieser krausen Art, das eigene Leben mit den Ereignissen der Welt und der Geschichte zusamnrcnzusehen. Bis in die letzten Jahre seines Lebens — er starb 92jährig 1886 — hat Zunz alles, was ihm einfiel oder zukam, auf diese Art in sein Buch hincinkomponiert. Aber von Anfang an sind auch die anderen Kräfte rege; methodische, nüchterne, vernünftigere Kräfte, die eher fähig sind, den sich in Einzelheiten verlierenden Stoff zusammenzuhalten. Sie erscheinen in dem Buch Zunz in einem Übermaß, das die Stärke dieser Veranlagung deutlich macht. Um sie zu charakterisieren, liegt es nahe, noch einmal an die Tätigkeit des Sammlers zu denken. Der. Sammler katalogisiert sein Gut. Auch Zunz macht „Kataloge". Wir können leider nur einen kleinen Teil des Buches Zunz veröffentlichen und gerade diese Kataloge, die er an den Schluß gesetzt hat, um die Geschehnisse und Ergebnisse seines Lebens zusammcnzusasscn, sind darin nicht enthalten. Was ist Leopold Zunz Aus dem 5. Band des Jüdischen Lexikons (Jüdischer Verlag Berlin.) — Nachdruck verboten