Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 10 (15.5.1931)
- Article
- Moderner Synagogenbau
- Date
- 1931-05-15
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 149 feierlichen Teppichen — den Naumteil der geheiligten Handlung umfassen. Die Gesamtraumfarbe ist hier als graugrüner Grundton fortgeführt. In feiner Farbenskalla von Elfenbein, Grau, Not und Schwarz hat der Künstler, Prof. Lois Gruber, München, die Symbole unserer jüdischen Feste in den WandpuH geschnitten (die Wirkung ist eine lebendigere und dauerhaftere als bei Al-Fresko-Malerei). Die Darstellung ist Ergebnis liebevolle Vertiefung in den Stoff und ursprünglich-künstlerischen Schaffens; sie ergibt die von mir erwünschte feierliche Steigerung des Raumeindruckes gegen Osten — ohne Lautheit und ohne Prunk. Ich möchte hier besonders Dank sagen dem hochverehrten Herrn Rabbiner Dr. Baerwald,, dem Freund alter und neuer Gestaltung, dessen gütige Beratung — neben der Mitarbeit des Plauener Predigers — dem Schaffenden besonders wertvoll war. Im übrigen sind die getönten Putzflachen der Wände nur an wenigen Stellen der Galeriebrüstung und der oberen Westwand durch hebräischen Schriftschmuck unterbrochen. Boden und Unterwände der Estrade sind mit Iura-Marmor bedeckt; Meffinggelander und Rahmen des heiligen Schreins geben in ihrer Strenge und mit ihrem metallischen Glanz Feierlichkeit; tieffarbig schimmert im Brennpunkt das Grün des Feiertagvorhangs auf dem Aroun- Hakodesch, Feierstimmung vermitteln auch die beiden im Raum schwebenden Reihen schlichter Lichtkugeln. Die Bestrahlung der Ostseite ist verdeckt; aber es leuchtet das Ewige Licht, und es flackern die schlanken, weißen Kerzen des hohen achtarmigen Lichtträgers auf der Estrade. Auf der erhöhten Kanzel stehend, fühlt der Prediger seine Gemeinde in nächste Nähe herangerückt und Anteil nehmend am Wort. Das dunkle Kicferngestühl gibt eine warme und kräftige Basis des Raumes. Der Gesamtausdruck ist, wie ich glaube, der einer weihevollen Ruhe und Würde — nicht mehr des sonst gewohnten Prunkraumes, sondern des feierlichen Ortes der Versammlung, der inneren Sammlung, der andächtigen Erhebung zum Höchsten, der Gemeinsamkeit in Gott. Cs ist meine Überzeugung, daß das hier Gestaltete als ein Ausdruck des jüdischen Kultraumes erkannt werden muß; ich sehe Bestätigung in dem Urteil wesentlicher Kunsthistoriker, die sich mit moderner Baukunst einerseits, mit jüdischem Kultbau andererseits speziell und ernsthaft beschäf- Es ist für den Nichtfachmann insbesondere zum Erfassen der äußeren Erscheinung dieses Baues Einfühlung notwendig, auch ein — im vorigen Aufsatz gefordertes — überbordwerfen von alten Anschauungen, die ich Erinnerungswerte nannte. Cr wird vielleicht ausrufen: Dies ist ein „Zweckbau unserer Zeit"!'— Dann werde ich dies unverweilt bejahen, — aber ich werde hinzufügen: ein Zweckbau, doch mit idealem und höchstem Zwecke! Naturnotwendig wird der Orthodoxe, der in streng konservativem Sinne auch die alten Regeln des Glaubens hütet, leichter dazu geneigt sein, sich an alte und älteste Ausdrucksformen zu halten, Neuerungen abzulehnen. Die künstlerische Form ist im ewigen Wechsel. Wie sehr ist die Kirche schöpferisch, ja Führerin gewesen in der Entwicklung der Zeitstile! Man denke an die Gotik, eine unerhörte gestalterische Leistung, welche der ganzen Welt zum Begriff ward —, und die nur der Kirche zu danken ist. — Religiös sein und lebendig im Leben stehen kann nicht Gegensatz sein. Herr Rabbiner Dr. Goldmann, Leipzig, hat seiner alle ergreifenden Rede bei der Einweihung des Kulttaumes zu Plauen den Gedanken zugrundegelegt: Religion verlangt zeitgemäße Gestaltung, weil sie selbst Leben ist! — ..ZeMyreg« Anläßlich des neuen Bandes der Buber-Rosenzweigschen Bibelübersetzung: Das Buch Iirmejahu (Berlin, Verlag Lambert Schneider 1931) In seinem schönen Aufsatz „§um Problem des jüdischen Witzes" hat Ernst Simon in dieser Zeitung (1928, Nr. 20 vom 15. Oktober, S. 114) sehr anschaulich folgendes ausgeführt: Als der Prophet Jeremia, noch jung an Jahren, seine erste Offenbarung empfängt, fragt ihn Gott: „Was siehst du, Jeremia?", und er antwortet: „Makel schaked am roe". „Einen Mandelstab sehe ich." Darauf Gott: „Hetawwta lir'ot, ki s ch o k e d ani al dewari laassoto." „Da hast du Recht gesehen, denn ich wache über mein Wort, es zu tun. Diese Vision ist in der eben gegebenen üblichen deutschen Übersetzung vollkommen unverständlich: was hat der Mandelzweig damit zu tun, daß Gott über sein Wort wachen wird? Erst Buber und Rosenzweig werden, wenn ihr llbersetzungswerk bis zu den großen Propheten gelangt sein wird, dem deutschen Leser auch diese Stelle ganz verdeutschen können. Hier liegt nämlich ein Wortspiel zugrunde, das von der Wurzelgleichheit der (in unserer hebräischen Umschrift) unterstrichenen beiden Wörter „Schak e d" und „s ch o k e d" ausgeht Das erste heißt Mandel oder besser „Früh auf", weil nämlich der Mandelbaum als erster Blüten trägt, und das zweite heißt „früh auf seiend", wachend. Demnach bat Wsiion und Gespräch dem Propheten etwa so geklungen: „Was siehst du, Jeremia? — „Einen Frühaufstab sehe ich." — „Recht hast du gesehen, denn ich bin früh auf über mein Wort, es zu tun." Und dies hat nun seine sehr tiefe Bedeutung: es zeigt die ganz einzigartige Verbindung des Juden nsit dem Wort, die ihn einerseits, bei der Offenbarung am Sinai, dazu befähigt, „die Stimmen zu sehen" und die ihm anderseits die prophetische Mission in eine Audition verwandelt, das Gesehene in ein Gehörtes, den konkreten Mandelstab in seine Vokabel. In diesen: Punkte, der das Volk des Ohres und Gehorchens von dem des Auges und der Nachahmung, der Israelvon Hellas unterscheidet, liegt die geheimnisvolle Wurzel des jüdischen Wortwitzes." Soweit Ernst Simon! Der neue Band von Buber-Nosenzweig, der jene Stelle verdeutlichen soll, „Das Buch Iirmejahu", ist soeben erschienen. Das Wortspiel über den Mandelbaum ist darin so übersetzt: Was siehst du, Iirmejahu? Ich sprach: Eine Rute vom Zeitigreg, der Mandel, sehe ich. ER sprach zu mir: Gut hast du gesehn, ja, zeitig rege ich mich über rneinc Rede, sie zu tun. Buber hat in einer seiner schönsten Abhandlungen „über die Wortwahl in einer Verdeutschung der Schrift" seine Art der Übersetzung so begründet: „Zur Verkündigung des Propheten gehören nicht bloß seine Symbole und seine Gleichnisse, sondern auch der Grundstrom althebräischer Sinnlichkeit noch in den geistigsten Begriffen, die straffe Spannung der althebräischen Satz-Architektur, die althebräische Art, nah beieinander stehende, aber auch von einander entfernte Wörter durch Wurzelverwandtschaft oder Gleichklang auf einander zu beziehen, der gewaltige, auch über aller Metrik hinaustreibende Gang althebräischen Rhythmus." Buber will nichts Geringeres als die Bibel aus der heillosen Trivalisierung, der sic verfallen ist, erlösen. Die Schrift habe sich im Laufe der Zeit in ein Palimpseft verwandelt. ,Die ursprünglichen Schriftzüge, Sinn und Wort von erstmals, sind von einer geläufigen Begrifflichkeit teils theologischer, teils literarischer Herkunft überzogen, und was der heutige Mensch gewöhnlich liest, wenn er,Das Buch^ auffchlägt, ist jenem lauschenden Sprechen, das sich hier eingetragen hat, so unähnlich, daß wir allen Grund hätten, solcher Scheinaufnahme die achselzuckende Ablehnung vorzuziehen, die ,mit diesem Zeug nichts mehr anzufangen nKif.'. Die hebräischen Laute selber (nicht nur die Übersetzungen) haben für einen Leser, der kein Hörer mehr ist, ihre Unmittelbarkeit eingebüßt, ste sind von der stimmlosen theologisch-literarischen Beredsamkeit durchsetzt und werden durch sie genötigt, statt des Geistes, der in ihnen Stimme gewann, ein Kompromiß der Geistigkeiten zweier Jahrtausende auszusagen; die hebräische Bibel selber wird als Übersetzung gelesen, als schlechte Übersetzung, als Übersetzung in die verschliffene Begriffssprache, ins angeblich Bekannte, in Wahrheit eben nur Geläufige." Buber will das ursprüngliche lebendige Wort, als ob es eben gesprochen sei, Nachformen, seinen eigentümlichen, gewichtigen, beziehungsreichen Gehalt mit allen Mitteln seiner seltenn Sprachkunst hell und gereinigt zurückgeben. „Wobei unter Nachformen nicht das geistwidrige Unterfangen, eine Vorgefundene Form in andersartigem Material zu wiederholen, zu verstehen ist, sondern das Streben, ihr in der andersgesetzlichen Sprache, in die übertragen wird, eine Entsprechung, Entsprechungen zu schaffen." Nur so verstehen wir das Bestreben Bubers, jedem verbrauchten Wort, jeder abgeschliffenen, erschlafften und trivialen Wendung im gemessenen Abstand aus dem Weg zu gehen. Darum hat er Vokabel fiir Vokabel, jede Stelle der Schrift und jede Stellung im Saß wie auf der Zunge zergehen lassen, fast gewaltsam alles ungeläufig gemacht, um es dem falschen Bescheidwissen zu entreißen, aber immer