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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-05-01 · 9 (1.5.1931) · p. Seite 131

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
9 (1.5.1931)
Article
Jüdische Kultur und Geschichte im neuesten jüdischen Schrifttum [Rezension]
Date
1931-05-01
Page
Seite 131 (sequence 1)
Language
German
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)lx. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 131 Jüöifcbe Kultur und beschichte im neuesten jüdischen Schrifttum ,Die Singermanns" — „Der ewige Jude am Ziel" — Die Juden in der Anekdote — Jüdische Geschichte als spannender Roman (Joachim Prinz) — Ludwig Strauß als Erzähler Von ManfredSturmann Die in dieser Betrachtung angeführten neuen Bücher haben etwas Gemeinsames: sie alle sind Beiträge zur jüdischen Kultur- und Sittengeschichte, ragen also über die labile Bedeutung des Unterhaltenden hinaus. Sie beschäftigen sich mit der Situation des jüdischen Volkes in unserer oder in früherer Zeit und seien darum der Aufmerksamkeit jüdischer Leser empfohlen. Wieder liegt uns ein jüdischer Familienroman vor: „Die Singermanns" vonMyron Brinig, einem Amerikaner (Adolf Sponholz, Hannover). Wir erfahren die Geschichte von Moses und Rebekka Singermann, die mit ihren Kindern von Rumänien nach Amerika auswandern und dort nach jahrelanger harter Arbeit zu mittlerem Wohlstand gelangen. Die Familie asiimiliert sich in der neuen Welt. Sieben Kinder wachsen in dem Laden Vater Singermanns auf, sechs Söhne und eine Tochter. Wunderlich verschieden sind diese Kinder: träumerisch und lebensklug, weichherzig und egoistisch, anpassungsfähig und streitsüchtig. Der Roman läßt uns in das Mosaik jüdischen Kleinbürgerlebens blicken: es geht nicht immer erfreulich zu, es gibt Streit, Mißerfolge — auch Schande. Cs gibt aber auch gleichzeitig zähes Zusammenhalten, heiße Arbeit und Autorität; denn triefet, riesige vollbärtige Moses Singcrmann steht wie ein guter Gott über seiner seltsamen Familie. Sein Wort hat Geltung, seine Mahnung führt die Auseinanderstrebenden wieder zusammen, seine Hand stiftet Frieden und Versöhnung. Der Verfasser zeichnet — nüchtern und anschaulich — das Leben in einer wachsenden amerikanischen Kleinstadt. Sehr lehrreich zu erfahren, wie die Juden sich der neuen Umgebung anzupassen wissen, wie sie geachtet werden, wie sie sich hinäufarbeiten. Wie alle neueren amerikanischen Romane, so ist auch dieser mehr mit dem Hirn als mit dem Herzen geschrieben, chronikartig, nicht sehr in die Tiefe der jüdischen Seele hinableuchtend, aber doch aufschlußreich und anregend — denn was wissen wir im Grunde Genaues über die Fortenwicklung jener Juden, die vom Osten der alten Welt aufbrachen, um in der Neuen Glück und Duldung zu finden! Hier erhalten wir einen guten Einblick in die Psychologie der Eingewanderten, wenn auch das Wissen des Verfassers um jüdische Dinge nicht immer ausreichend ist. (So behauptet er etwa, daß die Brith Mila zehn Tage nach der Geburt des Knaben vorgenommen wird!) Albert Londres, der berühmte französische Journalist, der die Stätten des Elend dieser Erde besuchte und seine anklagenden Berichte unserer Kulturwelt ins Gesicht schrie, hat ein Buch geschrieben, das er „DerewigeJudeamZiel" nennt (Phaidon-Verlag, Wien). Der optimistische Titel des Buches steht im Widerspruch zu seinem Inhalt; denn daß der ewige Jude nicht am Ziel ist, das sieht Londres auf seinen Fahrten nach dem Osten. In den Karpathen, in Rumänien, in Polen, in der Tschechoslowakei — überall sieht er das Gleiche: arme, frierende, hungernde Juden, in elenden Hütten und zerrissenen Kleidern. Aus kranken, stumpfen Gesichtern aber leuchten ihm große hoffende Augen entgegen: der Glaube an Erlösung, die Hoffnung auf Palästina, das heilige Land. Und der große Reporter Albert Londres schreibt seine Berichte für das ungerechte Mitteleuropa: Seht, das ist das jüdische Volk, das Volk der angeblich Neichen und Mächtigen, so sieht es aus, wenn ihr den Mut habt, es aus der Nähe zu betrachten: ein hoffnungslos hinsterbendes Proletariat, von einem Tag sich in den anderen schleppend, bis es verreckt. Der letzte Arbeiter von Paris oder London ist ein König neben jenen Juden, die buchstäblich wie sterbende Tiere im Elend der Winterwüste in den Karpathen verenden. Dies den Judenfeinden zuzurufen, ist der Sinn des Buches. Cs ist also mehr für Nichtjuden als für uns bestimmt. Manches geht uns gegen das Gefühl: dieses Zurschaustellen des Elends schmeckt ein wenig nach Sensation, und Londres' hämmernde Sätze erinnern zuweilen peinlich an Zeitungsgetrommel. Wir. werden den Gedanken nicht ganz los — aber vielleicht ist es nur natürlich —, daß die Reportage Londres im Grunde doch unbeteiligt erfolgt, und daß ein gewisser Zynismus uns hindert, zu diesem Buche aus ganzem Herzen Ja zu sagen. Aus einer anderen Einstellung heraus ist das neue Buch von C h a j i m B loch : „D as jüdische Volk in seiner Anekdote" (Verlag für Kulturpolitik, Berlin) entstanden. Die Liebe zum Judentum diktierte dem Verfasser die Sätze seiner prächtigen Einführung, in der er versucht, die Herkunft der jüdischen Anekdote aufzuspüren, und zu außerordentlich interessanten Ergebnissen kommt. Schon im ersten Buch Mose finden wir in der Schilderung der Schlange „Verhöhnung und Spottsucht". Bibel und Talmud sind durchsetzt von Anekdoten, wobei Bloch genau unterschieden wissen will zwischen Spott und Scherz. Denn während der Spott von allen Weisen als sündhaft und unwürdig abgelehnt wird, ist der Scherz zu dulden und zu pflegen. Nicht also Grobheit ist das Charakteristikum der jüdischen Anekdote, sondern die feine Spitze, die im Grunde wohlmeinende Zurechtweisung, ein lächelndes Fingerdrehen, ein „Wörtchen" nach Freud. D a s ist der jüdische Witz und nicht jene grobe, versteckt oder offen antisemitische Anekdote, das „Lozale", welches nur zu gern als „typisch jüdisch" unter die Leute gebracht wird, und dessen „Jüdisches" zumeist darin besteht, daß man an sich unjüdische Menschen mit jüdischen Namen belegt, oder deren schlechte Gewohnheiten oder Eigenschaften als jüdische bezeichnet. Nachdrücklich wendet sich Bloch gegen diese Witze, von Heinrich Heine mit Recht „Flöhe des Gehirns" benannt. Von den wirklich jüdischen Witzen und Anekdoten gibt die vorliegende Sammlung reiche Proben. Sie mögen, wenn sie auch nicht alle gleichwertig sind, bei der Lektüre für sich selber sprechen. Hingewiesen sei nur darauf, daß es den jüdischen Schalk genau so gegeben hat, wie den Schalk anderer Völker. Chajim Bloch erinnert an einen jüdischen Münchhausen, den Seefahrer Rabba bar-bar Chana (etwa 200 nach Christus) und an einen jüdischen Till Culenspiegel, an Hersch Ostropoler, der im achtzehnten Jahrhundert gelebt hat. Dem Bedürfnis Rechnung tragend, dem gebildeten Laien, und besonders dem jugendlichen, die jüdische Geschichte näher zu bringen, ist das neue Werk von JoachimPrinz : „Jüdische Geschichte" (Verlag für Kulturpolitik, Berlin) entstanden. Die Absicht, Geschichte in volkstümlicher, allgemein faßlicher Form zu geben, spricht der Verfasser ausdrücklich in seinem Vorwort aus, und so können an dieses Werk keine wissenschaftlichen Maßstäbe angelegt werden; wir wollen es literarisch und nach seiner praktischen Verwendungsmöglichkeit bewerten. Aus Vorlesungen, gehalten in der Schule der Jugend, Berlin, entstand dieses ungemein lebendige, packende Buch. Alle jene, die ein Vorurteil haben gegen die Trockenheit wissenschaftlicher Darstellung in Geschichtsbüchern, werden bei der Lektüre dieses Werkes überrascht sein von dem Feuer der Sprache, der Anschaulichkeit der Gestalten und der Klarheit, mit welcher die Probleme jüdischer Historik erörtert werden. In drei großen Bogen, Antike — das Traditionsjudentum seit Csra — Ghettodämmerung, wölbt sich das imposante Gebäude jüdischer Vergangenheit. Mit Mose beginnend führt die Darstellung über die Richter, die Könige, zu den Zeiten des Verfalls, der Teilung des Reiches. Der Prophetie widmet der Verfasser ein schönes dichterisches Kapitel. Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, Makkabäeraufstand, Hellenismus, Zerstörung Jerusalems, Diaspora: das ist in großen Zügen das Gerippe, auf dem diese neuartige Gestaltung jüdischen Geschichtsstoffes ruht. Das Mittelalter, die Emanzipation und die geistigen Strömungen unserer Zeit runden die geschichtliche Darstellung von Prinz wirkungsvoll ab. Jeder jüdische Leser ist also imstande, sich an Hand dieses Werkes den Gang der jüdischen Geschichte zu rekonstruieren. Er wird gefesselt sein von dieser Lektüre; denn das Buch, welches besonders schön ausgestattet und mit gutem Bildmaterial versehen ist, liest sich, obwohl es im besten Sinne lehrreich ist, wie ein spannender Roman. Es sei erlaubt, zum Schluffe noch auf ein kleines Buch eines jüngeren jüdischen Dichters hinzuweisen, das zwar nicht zu den Neuerscheinungen gehört, dessen Bedeutung uns jedoch zwingt, die Aufmerksamkeit der Leser dieses Blattes auch jetzt noch darauf hinzuweisen. Ich meine Ludwig Strauß' Erzählung: „D e r R e i t e r" (Rütten & Loening, Frankfurt). Da der Verfasser vor einigen Wochen erst in München einen anregenden Vortrag gehalten hat, wird es sicher jene, die diesem Vortrag beiwohnten, interessieren, Ludwig Strauß auch als Erzähler kennen zu lernen. Naftali Hakohen, Sohn eines Anhängers Sabbatai Zwi's, wird als Kind von Kosaken geraubt, flüchtet, zum Jüngling gereift, auf einem Pferd zurück in das heimatliche Dorf. Die Eltern sind erschlagen worden, aber Naftali findet Aufnahme im Hause eines Oheims. Der Jüngling hat nur eine Sehnsucht: Lernen. Mit einem geradezu magischen Fleiß gelingt es ihm, nach wenigen Jahren sich die jüdische Lehre und das rabbinische Wissen anzueignen, seine Weisheit dringt über die Grenzen der Länder, er wird ein großer Rabbi. Es lebt aber in jener Zeit ein Größerer als Naftali, der Maggid Abraham, der Kranke zu heilen, Wun-

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