Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 7 (1.4.1931)
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- Inhalt
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 97 (sequence 1)
- Language
- German
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Väterliche Kachrichtenblatt üer Israelitischen Kultusgemeinüen in München, Augsburg/ Hamberg unü ües Verbanües Vagerischer Israelitischer Gemeinüen Israelitische Gemeinöezeitung Kachrichtenblatt üer Israelitischen KultuSgemeinüen in München, Augsburg/ Bamberg Erscheint am r. unü if. jcöett Monats. — Verlag: L. heller, München, Piinganserstraße 64/ Kernruf 75664 unü 75664t Postscheck München 5?87/ Schristleitung: Or. Luüwig Keuchtwanger, München, Grillparzerstraße Z6 Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.8« für üaS Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Jette 40 Reichspfenatg Kamliienonzeigen, Stellengesuche unü ähnliche Angebote 15 Reichüpfeanig Vll. Jahrgang München, t. April iz>zi Kr. 7 Inhalt: Das Hohelied im Gottesdienst unserer Synagogen — Goethes Urteil über das Hohelied — Das Minderheitenrecht und die Juden — Charakterisierung der jüdischen Minderheit — Soziologie der Juden — Mazzen — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Vereine — Bücherschau — Lehrerzeitung — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über Jahresrechnung 1930 — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg: Rechnungsablage für das Jahr 1930 — Personalia vas kohetied im Gottesblenft unserer Spnagogen . Anläßlich des Pesachfestes Von Joseph Carlebach Bekanntlich wird Schir Haschirim am Pesachfest als eine der fünf Megillaus verlesen. Die Anspielungen und Verknüpfungen, die das Lied mit dem Fest verbinden, sind mannigfach. Frühlingsstimmung und Frühlingshoffen durchweht das Ganze. Es bringt genau wie das Fest der Ährenreife immer wieder den Gedanken zum Bewußtsein, daß derselbe Gott, der der Natur Erneuerung schenkt, auch den Menschen, auch unserem Volke einen Lenz der Auferstehung gewähren wird. Durch den Vers: „Der. Stufe an Pharaos Wagen vergleiche ich dich, Geliebte" ist gleichzeitig ein Hinweis auf die Erlösung aus Ägypten gegeben, wie für den Tieferblickenden der ganze Inhalt von den vier „Verbannungen" Israels redet (Machsor Vitri, S. 304). So heißt es auch im Sohar: „Das Hohelied ist eine Zusammenfassung - der ganzen Thora; es spricht über das Geheimnis der Väter, über die Verbannung Israels unter die Völker und ihre endliche Befreiung" (vergl. Ozar dinim u'minhagim von Eisenstein, S. 414). Die Art, wie es im Gottesdienst gelesen wird, ist allerdings wenig der Würde des Buches gemäß. Der Einzelne spricht es leise vor sich hin, statt daß es öffentlich vorgetragen und dadurch mit gebührendem Nachdruck zum Verständnis gebracht wird. Noch der Traktat Sofrim (Kap. 14, Halacha 3) stellt alle Megillaus mit der Estherrolle in gleiche Linie und ordnet an, daß man vor ihrer Verlesung den Segensspruch spricht: al willra meZiüab. So verlangt es auch der Gaon Rabbi Elija aus Wilna in seinen Noten zum Orach Chajim, 490. Ganz offenbar ist der öffentliche Vortrag nur deshalb außer Brauch gesetzt worden, weil man nicht mehr die Rollen vorschriftsmäßig auf Pergament geschrieben besaß. In palästinensischen und östlichen Gemeinden aber habe ich noch die Vorlesung in Übung getroffen. Das Rezitativ (der Trop), in dem es gesungen wird, in weichem Moll dem Inhalt entsprechend gehalten, ist hier in Notenschrift wiedergegeben? Im allgemeinen fließt das Lied in den einfachen weichen, am häufigsten vorkommenden Neginausdahin. Nur an wenigen Stellen ist der ruhige Ablauf durch die selteneren Tonzeichen durchbrochen und immer in außerordentlich bezeichnender Weise. Wenn in Kap. 1 Vers 4 die Braut den Geliebten zum erstenmal „mein König" nennt, jubelt diese Stelle in Kadmo weaslo das Wort „hamelech" hinaus. 1 Vgl. Carleb ach, Das Hohelied, S. 40 f.; die Notenschrift muß hier aus technischen Gründen wegfallen. - Neginaus-Akzente; vgl. jetzt das wichtige Buch: Arthur Spanier, Die massoretischen Akzente. Berlin 1927 (Veröffentlich, der Akad. f. d.Wiss. des Judentums; Sprachwisi.Sektion, 1. Bd.) Red. In Vers 7 wird die bange Bitte: „Sage mir doch, wo der Geliebte lagert"in Rewia hingedehnt; in Kap. 3, Vers 1 und 2 der Aufschreck aus nächtlichem Traum durch Sokef godaul gekennzeichnet, durch den gleichen Akzent in Kap. 8, Vers 6 die Feuersgluten der unglücklichen Liebe zweimal in ihrer Herbheit herausgeschmettert. Oder wenn die freudige Überraschung über die Schönheit der jungen Gattin in Kap. 4, Vers 1 gemalt werden soll, jauchzt das „Hinoch" (— „siehe dal") in Aslo geresch zum Himmel; die Beschwörung der Töchter Jerusalems deutet den Sturm der Seele durch Kadmo weaslo sowie durch Dargo tewir an, wie endlich die Feierlichkeit des Hochzeitstages in Kap. 5, Vers 1 sich in Sarko segaul malt. Überall verrät die Masora ihr feines Verständnis, man möchte beinahe sagen, ihre künstlerische Erfassung des Bibelwortes. Die Chassidim singen das Hohelied allwöchentlich vor Beginn des Sabbat. Es soll die Sabbatbraut mit den Brautgesängen Schir Haschirims begrüßt werden, oder wie das Sefer Minhogei Jefchurun, Absatz 29, sagt: „Der Sabbat sei der Liebesstifter — sit venia verbo der Amor — zwischen Gott und Israel," daher mit den Klängen des Liedes unsere Verbundenheit mit Gott wachsen soll. Einstmals drohte die Gefahr, daß man das Hohelied durch Gebrauch im profanen Leben seines geweihten Charakters verlustig machen könnte. Warnend sagte der Talmud (Sanhedrin 101 a.): „So jemand einen Vers des Hohenliedes spricht, als wäre es ein schlichter Sang, bringt Unglück in die Welt, dann gürtet sich die Tora mit einem Trauergewand, tritt vor Gott und spricht: Herr der Welt, Deine Kinder behandeln mich wie ein Harfenlied, mit welchem Spötter sich vergnügen." Das war ja auch der Grund, weshalb das Buch lange umstritten war, bis man seine Einverleibung in die heiligen Schriften aussprach. Heute droht innerhalb der deutschen Judenheit eher die entgegengesetzte Gefahr, daß das Hohelied mehr und' mehr vergessen wird, wo es doch als Bildner unserer Seele eine besonders große Bedeutung hat. Da sollte man den Versuch nicht scheuen, seine Verlesung im Gotteshause würdiger und eindrucksvoller zu gestalten. Nur so wird es sich wieder in Ohr und Herz der Beter einsingen und ihnen zu einem Lebensbesitz werden. Es wird manchem dann als eine beglückende Erkenntnis zum Bewußtsein kommen, was Rabbi Akiba in jenen herrlichen Worten über das Hohelied ausgesprochen hat, daß „die ganze Welt nicht den Tag, da das Hohelied gegeben ward, auszuwiegen vermag, denn alle Schriften sind heilig, Schir Haschirim aber das Allerheiligste"!