Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 5 (1.3.1931)
- Article
- Schwierigkeiten geordneter Zeitrechnung
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 69 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 69 mond bis Neulicht zu 1^2 Tagen ansetzen. Vom Neulicht an vergrößert sich tagtäglich der Abstand des Mondes von der Sonne am Himmel um ein beträchtliches Stück (der Mond wandert täglich etwa 13 Vs Grad nach Osten) und die Breite der Sichel nimmt entsprechend zu, bis etwa am fünften oder sechsten Tage nach Neulicht das Erste Viertel stattfindet, eine Hälfte der Mondscheibe ist erleuchtet, der Mond geht zur Zeit des ersten Viertels gegen 18 Uhr durch den Meridian, steht also auf der nördlichen Halbkugel der Erde im Süden. In den nun folgenden sieben Tagen nimmt die Breite der erleuchteten Scheibe immer weiter zu, der Mond wandert am Himmel weiter nach Osten, geht daher immer später durch den Meridian, bis sich die Scheibe voll erleuchtet zeigt; der Mond steht dann der Sonne gegenüber (Opposition) und geht um Mitternacht durch den Meridian. Von da an nimmt der Mond sieben Tage ab bis zum letzten Viertel, wieder ist die Scheibe halb erleuchtet, aber nunmehr die östliche Hälfte; er geht in dieser Phase gegen 6 Uhr morgens durch den Meridian. In den nun folgenden Tagen wird die Mondsichel immer schmaler, sie rückt am Morgenhimmel Tag für Tag der Sonne näher, bis sie schließlich in den Sonnenstrahlen verschwindet. Verfolgt man den Mond über mehrere Umläufe hin und notiert die Tage des Eintrittes einer bestimmten Phase, z. B. des Vollmondes, so findet man, daß zwischen je zwei Vollmonden 291/o Tage verfließen, genauer 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten und 2,9 Sekunden, man nennt dieses Zeitintervall den synodischen Mondmonat oder kurz auch den Mondmonat schlechthin. Es läßt sich daher weder Mondmonat noch Sonnenjahr durch die primitiven Zeitelemente des Volltages und der Woche in ganzen Zahlen auSdrücken; ebenso ist das Sonnenjahr nicht ganzzahlig mit dem Mondmonat zu verbinden. Hierin liegen die Schwierigkeiten begründet, die sich der Entwicklung eines geordneten Zeitrechnungswesens entgegengeftellt haben. €mil vernhard-cohn Bon Juli In diesen Tagen feierte einer der merkwürdigsten Zeitgenossen im deutschen Judentum seinen 50. Geburtstag: Emil Cohn, der Rabbiner und zugleich deutscher Dramatiker ist. Emil Cohn ist am 18. Februar 1881 in Steglitz bei Berlin geboren, als Sohn eines freigeistigen Arztes. Wohl auf dem Wege der nicht seltenen Opposition gegen die häusliche Tradition hat er den Weg zu einem leidenschaftlichen jüdischen Bekenntnis gefunden und ist Rabbiner geworden. Und zwar war er zugleich so entschiedener Bekenner des damals noch jugendlichen Zionismus, daß schon seine erste Anstellung in der Berliner Gemeinde im Jahre 1907 zu einem Konflikt führte, der damals viel besprochen wurde und ihn zur Aufgabe seiner Stellung zwang. Er war dann in Kiel, Essen und lange Jahre in Bonn am Rhein Rabbiner und ist jetzt im Dienste einer besonders jüdisch-national eingestellten Gemeinde im Grunewald bei Berlin. In dieser Zeit hat er seinen entschiedenen und besonderen Anteil an der jüdischen Sache durch Vorträge und literarische Produktion vielfach bekundet. Am wichtigsten ist wohl seine Schrift „Judentum, ein Aufruf an die Zeit", die 1923 bei Georg Müller in München erschien. Es ist ein zeitkritischer Versuch gegen das rationale Denken der Epoche, die mystische Einheit von Form und Gehalt, vor allem im religiösen Leben wieder fühlbar und mächtig über die Geister zu machen. Ferner hat Emil Bernhard- Cohn bei Georg Müller einen Band „Legenden" herausgegeben, der Themen aus der hagadaischen und aus der chassistischen Tradition frei ausgestaltet, und bei Erich Reiß eine Übertragung der Gedichte des Juda Halevy. us B ab Damit sind wir schon bei der dichterischen Äußerung dieses besonderen Talentes angekommen. Und tatsächlich besitzt der so überzeugte Jude Emil Cohn eine nicht weniger starke Leidenschaft für das deutsche Theater, auf dem er seit mehr als zwanzig Jahren unter dem Namen Emil Bernhard Dichtungen zur Aufführung bringt. Zuerst wurde 1909 in einer Veranstaltung der Berliner Volksbühne in den „Kammerspielen" eine dramatische Dichtung über ein biblisches Motiv von ihm gespielt: „Der Brief des Uria". Später wurde eine „Anna Boleyn" mit einem Preis ausgezeichnet und auch von mehr als 20 Bühnen gespielt, und ein „Mirabeau" in Bochum zur Uraufführung gebracht. Eine noch entschiedenere persönliche Kraft als in den historischen Dramen zeigt aber Bernhard zweifellos in der „Jagd Gottes" (gespielt in Frankfurt a. M. und Essen). Hier ist die Handlung in der jüdischen Gemeinde eines Karpathendorfes angesiedelt, und das religiöse Erlebnis, das einen Betrüger, der mit ihm nur zu spielen meint, von innen heraus überwältigt, ist das mit großer Wucht durchgeführte Thema. In den letzten Jahren hat Emil Bernhard-Cohn noch eine ganze Reihe weiterer Dramen verfaßt, die teils schon gespielt sind, teils noch unmittelbar vor der Aufführung stehen. Man wird im ganzen urteilen dürfen, daß er ein Autor von ungewöhnlichem Reichtum der Erfindung, keineswegs alltäglicher Geschicklichkeit in der Szenenführung ist, und dabei doch niemals ohne innerliche Beziehung zu sehr ernsten Problemen der Zeit und des zeitlichen Menschentums arbeitet. So verdienen seine Dramen zweifellos stärkere Beachtung, als sie bisher gefunden haben und man wird dem rüstig weilerstrebenden Manne das Nachkommen des Erfolgs für die zweite Lebenshälfte besonders wünschen dürfen! keinrick Cduard lacob Rationalist und Klassizist Von Lutz Weltmann Die Stellung Heinrich Eduard Jacobs zu seinen Zeitgenossen gemahnt merkwürdig an die Lessings zu den 'Stürmern und Drängern — obgleich sie ganz verschieden geartete Temperamente sind und nur die eine Eigenschaft gemein haben: mehr Denker denn Dichter zu sein. Sturm und Drang, Romantik, Expressionismus — das sind verschiedene Namen für gleiche barocke Zeitalter, die gegen die klassischen Daseinsformen revoltieren, die ihnen vorangingen, und doch nur Ackerfurchen sind für eine neue Klassizität, Bewegungen zu den festen Haltepunkten. Angesichts der Entwicklung, die das Schaffen Heinrich Eduard Jacobs genommen hat, läßt sich heute schon behaupten, daß dieser Autor mit seinen Hauptwerken — wie in der eingangs angedeuteten Konstellation Lessing — in die neue Klassizität hineinreicht, die unsere revolutionäre Generation eiirmal ablösen wird. Bezeichnend ist, daß Jacob von Anfang an bemüht war, den chaotischen Gehalten seiner Zeit klassische Gestaltung zu geben: Unser Konflikt zwischen Blut und Geist — er wird in seinem epischen Erstling „Der Zwanzigjährige" zum „symphonischen" Roman, das Verhältnis des Individuums zum Staat, zur Wirtschaft, zur Technik — es wird zu platonischen Dialogen; denn nicht nur die „Physiker von Syrakus", auch seine Zufallsdramen „Beaumarchais und Sonnenfels" und „Der Tulpenfrevel" sind platonische Dialoge: die Höhepunkte ihrer geistigen Handlung sind die philosophischen Auseinandersetzungen zwischen den Titelhelden des ersten Stücks und zwischen William und Hasselquist.