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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-03-01 · 5 (1.3.1931) · p. Seite 68

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
5 (1.3.1931)
Article
Schwierigkeiten geordneter Zeitrechnung
Date
1931-03-01
Page
Seite 68 (sequence 1)
Language
German
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68 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Ni. 5 Schwierigkeiten geordneter Zeitrechnung Zur Kalenderreform Von Professor Dr. Erich Przybyllok Ord. Professor der Astronomie und Direktor der Sternwarte an der Universität Königsberg Der jüdische Kalender, seine Grundlagen und seine Bedeutung für den jüdischen Kult und das jüdische Gemeinschaftsleben rückt durch die Kalenderreform, mit der der Völkerbund befaßt ist, wieder in den Vordergrund allgemeiner Aufmerksamkeit. Auf die drohenden Gefahren für das religiöse Leben der Juden für den Fall der Einführung eines Blankc-tages ist in der Nummer vom 19. Dezember 1930 der Gemeindezeitung aufmerksam gemacht. Die Kalenderwissenschaft und vor allem die Grundzüge und die Entstehung des jüdischen Kalenders gehören zu den nicht ganz leichten Fragen im weiten Feld jüdischer Lehre und Volkskunde. Das beste und einfachste Unterrichtsmittel ist feit neuester Zeit die schöne Arbeit von Professor Dr. Erich Przybyllok, dem Königsberger Astronomen: „Unser Kalender in Vergangenheit und Zukunft" (Heft 22 der Sammlung „Morgenland", Leipzig, I. C. Hinrichs 1930, Preis 3 RM.). Auf nicht ganz 100 Seiten wird hier ein sehr reicher Stoff in knappster Form ausgezeichnet dargestellt. Der jüdische Kalender wird von Przybyllok vor allem sehr instruktiv in Zusammenhang gebracht mit den Zeitberechnungen der jüdischen Umwelt im alten Orient und in der Antike. Dem Übergang zum Kalender der christlichen Völker, der gregorianischen Kalenderreform, dem christlichen Festkalender (unbewegliche und bewegliche Feste), der Kalenderreform in der Sowjetunion, der Berechnung des Osterfeste-s, vor allem aber der neueren Kalenderreform nach dem neuesten Stand von End 1930 sind gedrungene und aufschlußreiche Abschnitte gewidmet. Herr Studienrat Adolf Schaalmann in München wird an drei Abenden im März d. I. innerhalb der Lehrkurse der Münchener Kultusgemeinde Kalender und Kalenderreform ausführlich behandeln; auf feinen letzten Auftatz über den gleichen Gegenstand in den „Logen-Mitteilungen" (Dezembere 1930, Seite 228 ff.) sei hier mit Nachdruck hingewiesen. Der „Jüdische Kalender" wurde in der Gemeindezeitung bereits im ^hre 1923 (Seite 154 ff.) von Herrn Dr. Joseph Prys ausführlich und sehr klar behandelt. Der Zeitpunkt für die Einberufung der Konferenz zur Reform des gregorianischen Kalenders ist auf den Oktober 1931 festgelegt worden. Nach einem Bericht des Vekehrsausschufses des Völkerbundes werden die Vorarbeiten, die von den verschiedenen Nationalausschüssen über die Kalenderreform unternommen werden, im März 1931 beendet sein. Bei der künftigen Kalenderreform, das laßt sich heute schon übersehen, wird es sich aber nicht mehr, wie man früher annehmen konnte, um die vollständige Neuaufstellung, sondern lediglich um die Vereinfachung des gregorianischen Kalenders und um die Festlegung der beweglichen Kirchenfeste, wie Ostern usw. handeln. Die Konferenz wird dabei nur die Aufgabe haben, die Meinungen, die von den Regierungen, den Wirtschaftsgruppen und den interessierten Kreisen geäußert werden, zu ordnen und auf ihre Eignung hin zu prüfen. Da die endgültige Reform des gregorianischen Kalenders in letzter Linie aber von den Religionsgemeinschaften abhängt, werden diese aufgefordert werden, zu dieser Konferenz Beobachter zu entsenden. Das wissenschaftliche Hauptwerk über den jüdischen Malender stammt von dem eben verstorbenen großen jüdischen Gelehrten Professor Dr. Adolf Schwarz, Wien („Der jüdische Kalender historisch und astronomisch untersucht", Preisgekrönte Arbeit 1872). Die kleine Arbeit von Dr. Max Simon „Grundzüge des jüdischen Kalenders und leichtfaßliche Anleitung zu seiner Berechnung" (Berlin 1891) dient praktischen Zwecken und erfüllt diese Aufgabe in besonders klarer und zuverlässiger Weise. Mit Erlaubnis von Professor Dr. Przybyllok drucken wir aus seinem oben genannten Buch die beiden einleitenden ganz elementar gehaltenen Seiten ab; aber aus ihnen geht schon mit aller Deutlichkeit hervor, daß es hier um mathematisch-astronomische Fragen geht, die von Grund auf studiert werden müssen, damit ein Urteil und ein Überblick möglich ist. L. F. Die Erde, auf der wir leben, ist einer der vielen Planeten der Sonne. Als Planet führt die Erde zwei Bewegungen aus — sie läuft in einer komplizierten, annähernd elliptischen Bahn um die Sonne, und sie dreht sich um eine gegen ihre Bahn geneigte Achse, und zwar von Westen nach Osten. Als Folge der Achsendrehung der Erde sehen wir die Sonne und alle Gestirne im Osten aufgehen und im Westen untergehen; als Folge der Bahnbewegung der Erde um die Sonne sehen wir die letztere sich gegenüber den praktisch unendlich weit entfernten Fixsternen nach Osten hin bewegen. Es verschwinden daher im Laufe der Zeit Sternbilder, die wir am Nachthimmel sehen, allmählich in der Abenddämmerung und andere Sternbilder tauchen am Morgenhimmel auf. Die Wurzel des empirischen Zeitbegriffs liegt in dem auf der Achsendrehung der Erde beruhenden regelmäßigen Wechsel zwischen Hell und Dunkel, zwischen Tag und Nacht, beide werden vom Sprachgebrauch zu einer Einheit zusammengefaßt und schlechthin als „Tag" (Volltag) bezeichnet. Die einfachste Zeitrechnung bestände darin, die Tage zu zählen, eine Zeitrechnung, die in der Astronomie üblich ist und ein wertvolles Rechenhilfsmittel darstellt, die jedoch für die Allgemeinheit unbrauchbar ist, weil der Mensch nicht imstande ist, mit größeren Zahlen Vorstellungen zu verbinden; er ist daher genötigt, eine gewiste Anzahl von Tagen zu einer Einheit zusammenzufasten. Als solche Einheit bietet sich, von der Natur gegeben, das Sonnenjahr dar, die Dauer eines Umlaufes der Erde um die Sonne, das sich uns einerseits im Wechsel der Jahreszeiten offenbart, anderseits in der schon erwähnten Erscheinung des Verschwindens der Sternbilder am Abendhimmel, ihres Wiederauftauchens am Morgenhimmel. Man nennt das erste Sichtbarwerden eines Sterns in der Morgendämmerung seinen Frühaufgang oder beliakischen Aufgang, und da der Frühaufgang irgend eines Sterns nach einem Umlaufe der Erde um die Sonne naturgemäß wiederkehren muß, so bieten die Beobachtungen der heliakischen Aufgänge der Gestirne ein einfaches Mittel, die Länge des Sonnenjahres (in Tagen ausgedrückt) zu bestimmen, obwohl bemerkt werden muß, daß dieses heliakifch bestimmte „Geftirnsjahr" nicht genau gleich dem Sonnenjahr ist. Aber auch das Sonnenjahr, besten Länge wir heute zu 365 Tagen, 5 Stunden, 8 Minuten und 46,0 Sekunden annehmen, ist für die menschliche Vorstellungskraft eine noch viel zu große Einheit, der Mensch hat kürzere Fristen zur Beherrschung des Ablaufes der Zeit benötigt, die Woche und den Monat. Auch diese Fristen fand er, von der Natur gegeben, vor, denn sie knüpfen, wie wir noch sehen werden, an den Umlauf des Mondes um die Erde, und dieser Umlauf kann an den wechselnden Lichtgeftalten des Mondes, an seinen Phasen, verfolgt werden. Nachdem der Mond einige Tage unsichtbar war, erscheint am Abendhimmel bald nach Sonnenuntergang die schmale Mondsichel; dieses erste Auftauchen des Mondes nach dem Neumond (der Konjunktion von Sonne und Mond) wird Neulicht genannt. Die früheste Sichtbarkeit des Neulichtes hängt vornehmlich von der Dauer der Dämmerung, das heißt also von der geographischen Breite ab, daher man in südlicheren Ländern das Neulicht im allgemeinen eher wird wahrnehmen können, als in nördlichen; in ersteren kann man im Durchschnitt die Zeitdauer von Neu-

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