Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 24 (15.12.1930)
- Article
- Entstehung, Wesen und geschichtliche Bedeutung des Makkabäerstaats
- Date
- 1930-12-15
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 375 Nr. 24 heit geschaffen hat, mit den Aufgaben, die damals als unsere Aufgaben geschaffen oder wenigstens unwissentlich vorbereitet worden sind: das Eingehen in den (nicht Untergehen im) allgemeinen Kulturbereich, die Europäisierung des Judentums. Als Ausblick auf die Kulturkrise der Gegenwart vom Standort jener Epoche ist folgendes sichtbar: Formen und Inhalte des Geschehens können wechseln, aber seine Träger sich erhalten durch „Treue zu sich selbst". Die Zerstörung des MakkabäerstaatS und seines Tempels traf nur ihre Zeit, seine Begründung weckt aber noch heute wirksame Lebenskräfte. Die heutige Krise verlangt gleiche Entscheidung wie damals: Lösung und Entscheidung durch das Wiedererwachen eines schöpferischen Judentums; schöpferisch in der natürlichen Einheit der gesamten jüdischen Entwicklung und in der geschichtlichen gewordenen Einheit der jüdischen und der europäischen Welt. Vas Lhanukakest im Spiegel der rabbinischen Literatur Von Bezirksrabbiner Dr. Harry Levy (Regensburg) Auch die Mizwoth haben ihr „Masol" sagt ein jüdisches Sprichwort. Unser Chanukafeft jedenfalls steht heute unter einem glücklichen Gestirn. Dies Fest der jüdischen Renaissance hat selbst eine Renaissance erlebt, diese rabbinische Institution wird heute in einer Form kultiviert, die man mancher bedeutsamen biblischen Vorschrift nur wünschen könnte. Das bescheidene Licht der Menora erhellt noch so manches jüdische Haus, in dem jüdisches Leben fast erloschen ist; ja die Form, in der das Lichtzünden geübt wird, stellt uns alle — nach talmudifcher Terminologie — auf die Stufe der „Frömmsten aller Frommen" (Mehadrin fchel mehadrin). Das gibt zu denken, denn in geistigen und religiösen Dingen soll man auch auf Accentverschiebungen achtsam sein. Sicherlich spielen wesensfremde Motive bei dieser Neuwertung eine Rolle, und bei den zahllosen Festreden von Kanzel, Katheder und Tribüne wird sicher mehr als einmal dem Sinn der Feier Gewalt angetan. Darum erscheint eine Betrachtung über den Ursprung, den Charakter und die Entwicklung unseres Festes Heineswegs überflüssig, so allgemein bekannt auch die grundlegenden Tatsachen, so durchsichtig auch dem ersten Blick der Zusammenhang zwischen dem „Lichtfeft", dem „Tempelweihfeft" und der Erinnerung an die makkabäischen Befreiungskämpfe erscheinen mag. Diese Zeilen wollen an Hand der Quellen der rabbinischhalachischen Literatur sich der Aufgabe unterziehen, einige Zusammenhänge zwischen den Bräuchen, der Symbolik und der Geschichte unseres Festes aufzuhellen, soweit die Kenntnis davon nicht als Allgemeingut angesehen werden kann. Die älteste talmudische Quelle, die daö Chanukafeft erwähnt, ist die Megillath Thaanith, eine Schrift, in der.die zahlreichen historischen und nationalen jüdischen Gedenktage während der Zeit des zweiten Reiches aufgezählt werden; die Misnah erwähnt unser Fest gar nicht, während sie dem Purimfefte eine ganze Masechta von vier Kapiteln widmet. Eine überaus auffällige Tatsache, die nur verständlich gemacht werden kann, wenn wir — der alten Tradition folgend — die Grundkonzeption der Misnah in ganz frühe Zeiten fetzen, wo wohl schon das Purimfeft in allen Einzelheiten seiner Übungen festgelegt war, nicht jedoch das Chanuka. All diese nationalen Gedenktage der Megilath Thaanith wurden nach der Zerstörung des Tempels als gegenstandslos aufgehobe». mit Ausnahme unseres Festes. Diese Ausnahmestellung des Ch^irka braucht an und für sich nicht Wunder zu nehmen, denh unte». allen geschichtlichen Ereignissen unter den Kämpfen und Siegen jüdischen Reiches waren die hasmonäischen für die ganzen sechs Jahrhunderte feines Bestehens die kritischsten, die entscheidendsten, die glorreichsten. Die religiöse und theologische Bedeutung gewinnt aber unser Fest aus der Tatsache, daß hier nicht üur ein Sieg der Waffen, sondern ein Sieg deö Geistes, ein Sieg der jüdischen Idee ganz sichtbarlich in Erscheinung trat. Es handelt sich ja bei diesen Kämpfen nicht zuerst um die Erreichung politisch-nationaler Ziele — die staatliche Selbständigkeit fiel den Makkabäern eigentlich als Nebenwirkung in den Schoß —, sondern um die Abwehr der ersten, ganz schweren und für den Fortbestand des Judentums gefährlichsten Glaubensverfolgung, um die entscheidende Auseinandersetzung mit einer dem Judentum feindlichen, aber hochstehenden, zivilisatorisch verfeinerten, in ihrer schon leicht dekadenten Erscheinungsform nur noch verlockenderen Kulturmacht, um die Überwindung einer der heftigsten inneren Krisen des Judentums, um den Sieg über den Hellenismus. Man darf nie vergessen, das Gemeinwesen, das Iosua und Serubabel aufrichteten, dem Eöra und Nehemia Gestalt, Lebensform, geistige Struktur und damit Daseinsmöglichkeit und Entwicklungsfäkigkeit verliehen, dessen einzigartige theokratische Verfassung die Männer der großen Synode ausgestalteten, glich eher einer autonomen Religionsgemeinschaft auf eigenem Territorium, als den Begriffen, die wir mit einem nationalen Staat verbinden. Es war ein Gttesftaat in ganz prägnantem Sinne — ohne politische Aspirationen. Die Forderung nach Verweltlichung und Politisierung dieses Staatswesens war ein Programmpunkt der Hellenisten, die von den Chassidäern bekämpft wurden. Jedenfalls spielen national-politische Ziele bei dem Kampf der Chassidäer nur eine untergeordnete Rolle. Der makkabäische Kampf war ein Religionskrieg kat erochen, und der sieghaften Kraft des jüdischen Geistes gilt die Feier des Chanuka, die man über den Zusammenbruch des Reiches hinaus erhalten hat, denn wenn das Judentum auch manche schweren Glaubenskämpfe und Krisen durchlebt und überwunden hat, keine Zeit war so kritisch, so dramatisch, so heroisch, in ihrem Verlauf so folgenreich, so eindrucksvoll überzeugend, ja überwältigend durch den Sieg des Judentums, wie die der Hasmonäer. Daß dies der Sinn des Chanukafeftes war, dafür spricht die Tatsache, daß gerade das Lichtwunder bei der Tempelweihe von unseren Weisen 'festgehalten und zum tragenden, ja alleinigen Symbol des Festes erhoben wurde. Dafür spricht, daß der Talmud (an der einzigen Stelle, da von dem Fest die Rede ist: Gemora SchabboS 21 f.) auf die Frage: Was ist Chanuka? nichts von den Kämpfen und Siegen erzählt, sondern einzig von dem Wunder des Leuchters, dafür spricht die später halachisch-kodifizierte Anordnung des Talmud: diese Tage sollen „Tage des Dankes und Preises" sein, aber nicht (wie Purim) „Tage des Gaftmahls". Eine Chanukamahlzeit als Se'udath mizzwoh gibt es nicht (siehe Orach Chajim § 670, Abs. 2). Die Kommentatoren zur Stelle bezeichnen als Grund hierfür, daß nur der Sieg der Idee