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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-12-15 · 24 (15.12.1930) · p. Seite 374

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
24 (15.12.1930)
Article
Entstehung, Wesen und geschichtliche Bedeutung des Makkabäerstaats
Date
1930-12-15
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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374 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2*. und als in Jerusalem bald der noch immer mit Ägypten sympatisierenden Priefteraristokratie eine mit Syrien verbundene Partei rivalisierend gegenübertrat. Der Kampf ging um hellenische Lebensformen und um das Hoheprieftertum. Jason erkauft dieses und errichtet nahe dem Tempel eine Sporthalle. Die hellenisierende Bewegung greift um sich. Priester versäumen um Sportübungen den Kult; Menelaos sticht durch höheren Preis Jason aus. König Antiochos Epiphanes siegt in Ägypten. Auf Gerüchte von seiner Ermordung hin wird Jason erschlagen, Menelaos verjagt, der alte legitime Hohepriester Onias regt sich wieder. Antiochos besucht bei der Rückkehr von Ägypten Jerusalem, setzt MenelaoS wieder ein, bestraft aber nicht das Volk in seinem Kult, sondern hält sich am Tempelschatz schadlos, ohne doch schon den Kult selbst anzutasten. Bei seinem zweiten Zuge nach Ägypten fällt Rom ihm in den Arm. Er kehrt wieder über Jerusalem zurück, und diesmal erfolgt ohne äußeren Anlaß der Angriff auf den Tempel und seinen Gott. Dies ist das entscheidende Moment: eine Maßnahme, die in ihrem Motiv nicht religiös, sondern politisch sein sollte, mußte als Angriff auf den Gott und fein Volk empfunden werden. Das ist die kausale Verflechtung der Politik der syrischen Großmacht gegen das in Abhängigkeit geratene Ägypten mit der Wiedererweckung des jüdischen Volkes, mit dem machtvollen Hervorbrechen seiner seit ZOO Jahren schlummernden moralischen und politischen Energien. Hier sind wir bei dem erregenden Moment des Dramas angelangt. Ein Querschnitt durch die politische und kulturelle Situation jener Zeit zeigt das näher. Judäa, das Grenzland zwischen Syrien und Ägypten, war das Elsaß der Makkabäerzeit; die damaligen Kulturkonflikte sind mit den unseren ähnlich: Der Tempelgott des ethischen Spiritualismus sollte Zeus weichen im Interesse der Einheit der nun die ganze Mittelmeerwelt und Vorderasien beherrschenden hellenischen Kultur, das Volk sollte aus der Enge einer Tempelgemeinde herausgeführt und von dem Druck der Priefteraristokratie befreit, das Gemeinwesen durch Umwandlung in eine „Polis" (Selbstverwaltungskörper) auch rechtspolitisch dem großen hellenistischen Ganzen angeglichen und eingeordnet werden. Der Hellenismus bedeutete den Kulturfort-- schritt, aber wie Recht und Unrecht in geschichtlichen Konflikten gewöhnlich unlösbar miteinander verbunden sind, so wurde das Recht des Hellenismus zum Unrecht am Daseinsrecht des Judentums. Der äußere Kampf geht mit dem Siege des Gottes vom Zion und seines Tempellichts zu Ende. Dieser Sieg ist — so kann man das unmittelbare Ergebnis jener Periode zusammenfassen — in seiner geschichtlichen Wirkung und in seiner symbolischen Tatsächlichkeit nicht nur ein an seine Zeit gebundener, sondern ein ewiger geblieben. .Was den Nur-Frommen aber Ende war, war den Makkabäern nur Anfang in dem doppelten Sinn, das Errungene durch Volk und Staat sichern, d. h. das Volk als politischen Körper erst schaffen zu müssen und — was erst allmählich heraustrat — dem Kampf nach außen den inneren Kampf zur Seite gehen zu lassen: dieser schwierigere Kampf, der bis heute nicht beendet ist und nie enden kann, fand sein Feld im Innern des Juden, der, in der hellenistischen Zeit zum erstenmal von der Wesenheit einer ihm von Haus aus fremden Welt ergriffen, um den Ausgleich der Spannungen zwischen seinem Eigensein und der innerlichen Zugehörigkeit zu dem Allgemeinsein ringt. Für die Unbedingtheit und Tiefe dieser Spannung kann nichts bezeichnender sein als dies, daß der erste und größte Makkabäer wenige Jahre nach dem Siege nicht nur den Waffen der Syrier, sondern ebensosehr dieser Spannung erlegen ist. Die Nur-Frommen standen nichl mehr neben ihm, als er im Kampfe fiel. Unter seinen Nachfolgern wuchs mit Kampf und Sieg nach außen diese innere Spannung und Differenz: ihr Staat war von Anfang an nicht der weltliche Schatten des Tempels, sondern eine halbautonome, zur vollen Autonomie strebende Provinz des syrischen Reiches unter den Tempelherren von Jerusalem als syrischen Würdenträgern. Diesen Staat trug und trieb nicht Prophetenwort und fromme Satzung, sondern die politische Berechnung, die sich in den syrischen Prätendentenkämpfen Spielraum schaffte und die makkabäischen Fürsten ihre „Treue" an den jeweils besser Zahlenden verkaufen ließ. Auf diesem Wege kam es über die Verbindung der von Syrien verliehenen Würden als Hohepriester und Gouverneur zu Fürstentum und Königtum. Bereits der dritte Makkabäer, Simon, begann, eigene Münzen zu prägen (das antike Zeichen der Souveränität) und die Jahre seiner Herrschaft zu zählen. Dazu das Innerlichere: es wird ihm von Volkes Gnaden die hohepriefterliche Würde bestätigt, die er von syrischen Gnaden innehat. So war der Rebell zunächst zum syrischen weltlichen und geistlichen Beamten, dieser dann, begünstigt durch Syriens Zerfall, kraft eigenen und Volkes Recht geistlicher und weltlicher Volksherrscher geworden. Die Wandlung zeigt sich durch vier Generationen am deutlichsten an der Münzprägung: unter Simon und Johannes Hyrkanoö heißt die hebräische Aufschrift „Hoher Priester und Gemeinde der Juden", unter Aristobul nur noch „Hoher Priester" (das Volk ist weggefallen, die Verabsolutierung des Fürstentums hat begonnen), unter Jannaios Alexander „König Alexander", die bis dahin hebräische Aufschrift hat sich in die girechische, das Priesterfürftentum in das Königreich verwandelt. Es ist ganz natürlich, daß das Königtum diesen Weg der Angleichung an die Reiche der Welt genommen hat; aber je mehr es dies tat, je mehr sich gleichzeitig auS Beamten und Offizieren eine entsprechende Volksklasse um den König bildete, um so mehr trat der andere Teil des Volkes, der im König in erster Linie den Hohenpriester sehen wollte, von ihm weg; und als der vordere Orient römisch geworden war und neben Abgesandten der miteinander streitenden jüdischen Prinzen auch Abgesandte der pharisäischen Masse des Volkes vor Pompeius in Damaskus erschienen, baten die einen um die Krone und die anderen — um die römische Herrschaft. Das geschah 130 Jahre, bevor das Volk dann im Schatten des Tempels um den letzten Rest seiner Selbständigkeit verblutete. Was schon unter dem ersten Makkabäer begonnen hatte, war zu Ende gekomemn: der Staat war, lange bevor er tatsächlich zerstört wurde, in dem sich immer breiter und tiefer öffnenden Spalt zwischen Königtum und Hoheprieftertum versunken. — Nicht der Staat allein, sondern in anderer Weise den geistigen Inhalten der Entwicklung nach, lange bevor er tatsächlich zugrunde ging, ebenso der Tempel. Ohne daß man sich dessen bewußt wurde, ist durch die schriftgelehrte Entwicklung der makkabäischen Zeit, altem Prophetenwort folgend, das blutige Opfer geistig überwunden worden, lange bevor es mit dem Tempel sein tatsächliches Ende fand. Und was sich so innerlichst von der makkabäischen Zeit an zu entwickeln begann, ohne zunächst in Gegensatz zu Tempelkult und Tempeleinheit zu treten, konnte in seiner geistigen Fortbildung erst zur Reife kommen, als die Entwicklung losgebunden war von den Formen des Opferdienstes und vom Bestand des Tempels und nun als geistige Macht mit eingehen konnte in den Prozeß, der u n s in unserer Eigen-

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