Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 22 (15.11.1930)
- Article
- Ein Reisebericht zur religionspolitischen Lage im Orient
- Date
- 1930-11-15
- Page
- Seite 311 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 345 Hier wird vor allem ein hohes Lied auf den Idealismus der würden diese arbeitenden Menschen vielleicht gewinnen, aber das palästinensischen „Pioniere" gesungen, trotz ihren Illusionen, Aufbauwerk „würde damit die Größe seiner Idee verlieren, die Träumen und auch trotz den Anmaßungen ihrer Jugend. „Man seine Schönheit und Stärke ausmacht: die Erneuerung einer muß nach dem Unmöglichen trachten, um das Mögliche zu erfreien Menschengemeinschaft auf freiem Boden." L. F. reichen", sagt Vandervelde. Bei größerer Realpolitik, meint er, Zum hebräischen Scbriftjyftem Eine gemeinverständliche Einführung in die Vortragsreihe von Rabbiner Dr. Ernst Ehrentreu über „Entstehung und Entwicklung der hebräischen Schriftzeichen" innerhalb der Lehrkurse der Münchener Kultusgemeinde Vorbemerkung Für einen Leserkreis, der sich aus ganz verschieden abgestusten Kennern des Hebräischen zusammensetzt, sei hier der Versuch gemacht in zwei kurzen Beiträgen aus der Fülle der Fragen das abgelegenere Gebiet des Vokalsystems und der sog. „Massora" gemeinverständlich zu behandeln. In dem ersten Beitrag wird mit besonderer Erlaubnis des Verfassers ein Aufsatz von Professor Ludwig Köhler, dem evangelischen Ordinarius für Altes Testament an der Universität Zürich, über die neuesten Forschungen zu den hebräischen Vokalisationssystemen wieder abgedruckt. Hier wird einem mit dem Hebräischen unvertrauten Publikum (nach einem leitenden Aufsatz der „Neuen Züricher Zeitung" aus der Merneuesten Zeit) das Problem in einer selten anziehenden, ganz elementaren und gleichzeitig geistreichen Weise nahegebracht. In dem zweiten Beitrag folgt ein kurzer Bericht über das in wissenschaftlichen Kreisen hoch angesehene Buch von Rabbiner Dr. Ernst Ehrentreu: Untersuchungen über die Massora, ihre geschichtliche Entwicklung und ihren Geist (Beiträge zur semitischen Philologie und Linguistik, herausgegeben von G. Vergsträßer, Heft 6; Hannover 1925). I. Waforelen des Westens Von Ludwig Köhler ord. Prof, des Alten Testaments an der Universität Zürich Wie man weist, stammt unser Alphabet aus dem Lateinischen. Es trägt auch alle Merkmale der Entlehnung. So sprechen wir die Wörter „von", „für" und „Philipp" mit demselben ersten Laut, wir schreiben sie aber mit drei verschiedenen Anfangsbuchstaben, und es gibt zwar Gründe und Regeln dafür, aber wider die Vernunft ist das Dreierlei doch. Hätte die deutsche Sprache ihr eigenes Alphabet, d. h. Schriftzeichen, die eigens für ihre Laute geschaffen worden wären, so wäre alles viel einfacher. Daß es im Französischen mit den Akzenten oder gar im Tschechischen noch verwickelter ist, bildet nur einen schwachen Trost. Aber es ist, wie es ist, und man wird es kaum noch ändern wollen. Wäre die Stenographie (ganz gleich welches System) die Schrift aller Menschen geworden, wie man vor dreißig Jahren hoffen hörte, dann wäre dem Übel gesteuert worden, aber die Schreibmaschine hat all diese Erwartungen zerschlagen. Vielleicht kommt die Hilfe, wenn man überhaupt nicht mehr schreibt, sondern seine Briefe in die Schallplatte spricht und die dann zur Post trägt. Dann hat man später statt eines Bücherbrettes ein Schallplattenlager. Wer weiß? i ■ ■ ■ < Wie dem sei, unsere gesamten europäischen Schriften gehen auf das sogenannte phönikische Alphabet zurück, und es mag noch in den Schulbüchern stehen, daß die Phöniker das Alphabet erfunden HMen. Dieser Satz ist, wie heute erst wenige erkannt haben, aus den triftigsten Gründen falsch, denn die Laute des Phönikischen werden durch diese Schrift nur unvollkommen wiedergegeben. Bald sind der Schriftzeichen zu wenige, bald sind ihrer zu viele. Eine so unangemessene Schrift erfindet kein Volk. Auch die Phöniker haben ihre Schrift, genau wie die Griechen, die Römer und dann alle europäischen Sprachen, entlehnt. Aber das stimmt, daß die Semiten die ersten sind, von denen wir noch sehen, daß sie sich einer Buchstabenschrift bedienen, während die früheren Schreibarten Bilder und Silbenzeichen brauchen und damit stets nur für wenige Gelehrte brauchbar und zugänglich waren. Auch die semitischen Buchstabenschriften freilich sind nicht für die breite Masse, sondern nur für eigens Geschulte. Denn sie schreiben von Haus aus nur die Konsonanten. Wer aber soll wissen, wenn irgendwo BBL steht, ob das nun Babel, oder Bibel, oder Bebel, oder Bübel heißt. Es gibt Fälle, wo man es aus dem Zusammenhang heraus mit Sicherheit sagen kann; aber diese Fälle sind selten. So ergibt sich denn das Seltsame, daß die ältesten Buchstabenschriften nicht zur Mitteilung von neuen Inhalten, die man noch nicht kannte, sondern zur Festhaltung von bekannten Wortlauten dienten. Sie schreiben zunächst nur Formulare, und wer den Stil dieser Formulare kannte, der las sie geläufig. Er las sie so, wie wir ein Theaterbillett, eine Fahrkarte, eine Quittung lesen, wo wir auch nie den ganzen Wortlaut, Buchstabe um Buchstabe ins Auge fassen (oder tut das jemand?), sondern nach Beachtung einiger entscheidender Worte oder Zahlen sofort genau wissen, was gemeint ist. Auch die längeren Texte, die so niedergeschrieben sind, sagen wir das Alte Testament und der Koran, sind nicht schriftlich festgelegt, damit sie als etwas Neues vernommen würden, sondern wurden ausgezeichnet, als ihr Wortlaut längst ganz genau bekannt war. Sie sind nicht Aufzeichnungen neuer Inhalte, sondern Stützen für das Gedächtnis bekannter Wortlaute. Nur so erklärt es sich, daß man sie in einer Schrift schreiben konnte, die nur die Konsonanten festhält. Man kann es bei feinem Ohr für Sülmerkmale auch noch heraushören, daß es sich hier um gesprochene, nicht um geschriebene Wortlaute handelt. Mit der Zeit ging man dann freilich dazu über, auch neue Wortlaute, die noch niemand kannte und die von den üblichen Formen abwichen, gleich schriftlich und in diesen semitischen Konsonantenschriften festzulegen. Da zeigte sich auch gleich die Not der Mißoerständlichkeit dieser Schrift. Sie muß sich sehr deutlich gezeigt haben, denn ein Teil der syrisch sprechenden und schreibenden Menschheit griff, um aus dieser Not herauszukommen, zu einem Mittel, wie es drastischer und stilloser gar nicht gedacht werden kann. Sie schreiben über und unter ihre syrischen Konsonanten einfach griechische Vokale. Es sieht scheußlich aus, aber es ist deutlich. Andere Schriften gehen einen etwas feineren Weg. Syrisch heißt käteb „schreibend" und ketab „schreibt". Dies konnte man auf einfache Weise so unterscheiden, daß man in beiden Fällen die Konsonanten LTV schrieb und einen Punkt bald darüber, bald darunter schreibt. Ähnlich ist noch heute das Verfahren der arabisch Schreibenden, die a durch einen schrägen Sprich über den Konsonanten einer Silbe andeuten, i durch denselben Strich unter der Silbe, u durch ein w über oder unter der Silbe. Dabei kommt heraus, daß das Arabische nur diese drei Vokale habe, was natürlich zu keiner Zeit der Wirklichkeit entsprach. Nur ist es zur Not theoretisch möglich, alle Vokale des Arabischen auf diese drei angeblichen Urvokale zurückzuführen. Wandte man einmal ein solches Verfahren der Vokalandeutung durch Punkte und Striche an, so ließ es sich nach Belieben und Gründlichkeit ins Ungemessene verfeinern. Diesen Weg ist das Hebräische gegangen. Zum Beispiel kann man mit dem hebräischen System die drei ganz verschiedenen L-Laute des deutschen Wortes „Erleben" mit aller Schärfe Wiedergeben. Das Hebräische ist in der Andeutung dieser Vokale sogar weitergegangen, als zur Sicherung der Aussprache nötig war. Wenn z. B. ein Zürcher das deutsche Wort „ich" mit einem echtzürcherischen Ott ausspricht, so wird, er mag wollen oder nicht, nach dem I ein kurzes A hörbar werden.