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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-11-15 · 22 (15.11.1930) · p. Seite 310

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
22 (15.11.1930)
Article
Ein Reisebericht zur religionspolitischen Lage im Orient
Date
1930-11-15
Page
Seite 310 (sequence 2)
Language
German
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344 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 den katholischen Patres, später auf die christlichen Universitäten Europas, besonders nach Paris schickten? Die Folgen werden jetzt schon in der dritten Generation sichtbar. Muslime sind alle ausnahmslos geblieben. In Paris lernten sie das europäische Leben kennen, aßen wohl auch Schweinefleisch, lebten wie Europäer. In Ägypten treten sie dann in die führenden Ämter des Staates ein und fügen sich dem Rahmen der Landessitte und des alten Glaubens wieder ein. Und der Nicht-Christ zitiert gegen den Missionar das Evangelium und bittet ihn höflich, den Balken, der ihm aus dem eigenen Auge wächst, zu beachten, bevor er andere von ihrem Splitter bekehre. — Der christliche Geistliche kommt nach Palästina, nach Jerusalem. Unbefangen sehen, den verdeckenden Nebel nordischer Ideologien unerbittlich wegschieben, alle aus der Heimat mitgebrachten Anschauungen unermüdlich und standhaft abstreifen, daö gelobt er sich, das ist fein fester Wille. Er ist mit den feinsten geisteswissenschaftlichen Unterscheidungsinstrumenten der modernen dialektischen protestantischen Theologie ausgerüstet, er ruft ein feierliches Anathema gegen die abendländischen Mikroben der Reflexion und der „Geistigkeit". Aber er wird dem heiligen Land, dem zionistischen Problem nicht gerecht. In dem Kapitel „Das Fleisch hat das Kreuz verschlungen" geht es noch zunächst weniger um Einsichten und Gerechtigkeiten als um Ergriffenheit und Ausrufe über die heiligen Stätten. „Es ist nur noch Chaos und Erinnerung da." Aber in einem viel späteren Kapitel will der Verfasser den Zionismus der Balfourdeklaration und die jüdisch-arabische Frage erklären. Und hier ist zum erstenmal seine Weitsicht getrübt und sein sonst so tiefes, in heißem Ringen gewonnenes Verständnis verliert die Sicherheit. „Der arabische Nationalismus verschmilzt in Palästina Muselmanen und Christen gegen den Westen, für den diesmal der Jude in den Kampf geschickt ist." „Hinter der jüdischen Siedelung steht der Westen." „Im jüdischen Heim ist der Westen körperlich, finanziell und ideell in Palästina anwesend." „Mt dem Juden kamen die westlichen Kapitalien, die westlichen Maschinen, die westlichen Arbeitsmethoden und Staatstheorien. Wenn der Araber den Juden sieht, so gedenkt er des englischen Wortbruchs. Wenn er das jüdische Geld und die jüdische Arbeitskraft täglich in ,fein' Land hineinströmen spürt an dem ununterbrochenen Wandel aller seiner Lebensverhältnisse, so spürt er darin die Invasion des Westens. Wenn man durch das Emek Jezreel fährt, das sich vom Jordan bis nach Haifa erstreckt, so bekommt man einen Eindruck von der Inbesitznahme der fruchtbarsten Ebene Palästinas durch die zionistische Großsiedlung. Und das Bild Haifas ist in der Erinnerung ganz und gar geprägt durch die marschierenden Kolonnen junger Zionisten. Wie Bataillone eines Heeres bewegten sie sich durch die Haupsstraßen der Stadt von und zu der gemeinsamen Arbeitsstätte. Immer marschierten in den Gliedern die jungen Jüdinnen mit. Die Haltung von gestrafftestem Selbstgefühl. Aller Mienen von einem nervösen Ernst zusammengeraffter Energie. Der leise Versuch, eine Kolonne zu photographieren, erweckte sogleich eine geschlossene Front zorniger Angesichter. Alle waren blitzsauber gekleidet. In den weißen Hemdenblusen trugen viele das rote Sowjetbändchen. So hatte ich die jüdische Jugend in Deutschland nie gesehen. Da ist in jedem Juden noch so etwas Gedrücktheit vom Ghetto. Hier aber waren sie auf dem Urgrund ihrer Rasse. Hier marschierten sie mit dem Kohortenschritt der Eroberer. Was da drüben nur an einem Dochte glomm, hier brach es zur Flamme aus, entfacht vom stürmischen Hauch eines ungekannten Ozons." Man vermißt trotz dieser halben Anerkennung ein tieferes Wissen um den Nerv und um die Motive der zionistischen Pionierbewegung, besonders für die ganz einzigartige Lage der zionistischen Arbeiterbewegung, die gezwungen ist auf mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen: gegen die nationalistische Politik der Revisionisten, dann gegen den „geistigen Zionismus" deutscher Intellektueller in den eigenen Reihen; wozu dann noch drittens die eigentliche Auseinandersetzung an der „arabischeu Front" kommt, also mit den Schwierigkeiten, die eine passive Bauern- und Pächtermasse mit einer ganz anderen sozialen Struktur als die jüdischen Arbeiter bietet. An der gegenwärtigen Krise im jüdischen Aufbauwerk in Palästina, aus allen Zeitungen in den Einzelheiten bekannt, nimmt heute jeder Jude in Europa ohne Unterschied der Richtung mit größtem Ernst teil. Die Beschränkung der Einwanderung und im Bodenankauf, dann die den Arabern in Aussicht gestellten konstitutionellen Rechte find weder für die Idee des jüdischen Zentrums noch für die praktische Aufgabe lebensgefährlich. Der protestantische deutsche Missionar, dessen Reisebericht wir vor uns haben, hat keine Ahnung von dem deutschen und europäischen Juden, der für ihn nur der Inbegriff der gottlosen westlichen Zivilisation und des Mammons ist. Von dem Aus und Ab der Tagespolitik und von den zufälligen weltpolitischen Konstellationen ist weder die Idee eines jüdischen Mittelpunkts in Palästina noch Wille und Spannkraft ihrer Verwirklichung abhängig. Wie Religion und Schicksalsgemeinschaft, so ist auch das Palästina- Aufbauwerk das zusammenhaltende Element des Weltjudentums, des jüdischen Seins geworden, fast ganz losgelöst von den innerzioniftifchen und allgemein-jüdischen Parteiungen. Das zeigt sich nach außen in dem überparteilichen Aufbauwerk, der sog. IewishAgency. Wenn jetzt in der allerneuesten englischen Palästinapolitik eine deutliche Tendenz zur Einschränkung der jüdischen Siedelung zum Ausdruck kommt, so wird dadurch weder der große Gedanke noch der tatkräftige Wille, ihn unbeirrt durchzuführen, getroffen. Man braucht heute auch den Außenstehenden nicht mehr an die von allen Kulturftaaten anerkannte Tatsache erinnern, daß bei der jüdischen Gemeinschaft innerhalb der modernen Staatenbildungen ein lebenswichtiger Bezirk der Gesamtexistenz über den Bereich des Staates hinausragt und daß damit nichts gegen die staatsbürgerliche Zuverlässigkeit dieser arteigenen Gruppe gesagt ist. Der religionspolitische Reisebericht von Paul Schütz „Zwischen Nil und Kaukasus", der den besonderen Anlaß dieses Aufsatzes bildet, weckt lebhaft die Erinnerung an die beiden jüngsten umfangreichen Reiseberichte des katholischen Priesters und Gelehrten Leo Haefeli „Ein Jahr im heiligen L a n d" (1924 bei Räber in Luzern) und „S y r i e n und sein Libanon" (1926 ebenda). Beide Reiseerinnerungen sind überreich an Anschauungsftoff und mit der größten Wärme für das heilige Land vorgetragen, natürlich vom christlichen Standpunkt aus. Leider ist das sehr ausgedehnte jüdische Schrifttum über Palästina an den Büchern von Haefeli ganz vorübergegangen. Man kann nirgends eine so eindrucksvolle Schilderung etwa des Nebi-Musa-Feftes, nirgends ein so tief dringendes Mitfühlen mit dem Geist der alten jüdischen Stätten Palästinas, wie z. B. des Rachel-Grabes finden. „Das Mutterherz Rachels, der LieblingSgattin Jakobs, ist dem Geschicke des Volkes Israel stets nahe. Es freut sich mit seiner Freude und trauert und klagt mit seinem Leide. Wo ist ein Volk, das ein so tiefes Bewußtsein seiner gemeinsamen Abstammung und seiner Zusammengehörigkeit hatte wie das israelitische?" Ein solches Verständnis findet man vielleicht nur wieder in dem neuen unparteiischen Bericht des belgischen Ministers und europäischen Staatsmannes Emil Vandervelde über das schaffende Palästina'. 1 Emil Vandervelde, Schaffendes Palästina — Der jüdische Aufbau heute und morgen. (Carl Reißner, Verlag in Dresden 1930.)

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