Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 21 (1.11.1930)
- Article
- Dorothea Mendelssohn und Rahel Levin
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 300 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 lisch-jüdischer Struktur anzudeuten versuchte ich im Vorworte meines Buches „Rahel und ihre Zeit" (G. Müller, München). Die verhängnisvolle Wirkung von Rahel Levins Vaterhaus — dem Judenhaus ohne Judengott — auf Rahels gesamtes Lebens¬ und Judengefühl kann man freilich, so scheint es mir, noch tiefer ergründen als es hier geschieht. Nicht „die tief rationale Anlage von Rahels Natur, die ihr jede Festlegung auf ein bestimmtes Religionsbekenntnis unmöglich machre", ist hier schließlich ausschlaggebend. Auch nicht, wie schon Ellen Key.richtig empfand, das soziale Ausgeschlossensein: die Freundin des Prinzen Louis Ferdinand, Alexanders von Marwitz und des Kriegsrates Gentz kann diese sicherlich für die Mehrzahl ihrer Stammesgenossen noch bestehende Tatsache nicht als die tötende Qual empfunden haben, die in ihren Äußerungen über ihre jüdische Geburt zutage tritt. Einmal nur nähert sich M. Susman dem eigentlichen Blutesquell, dem diese Pein entsprang: wenn sie von einer Empfindlichkeit spricht die „letzthin weit tiefer noch begründet ist als in Rahels persönlichem Schicksal". Nicht nur daß die Erinnerung an die unheilvolle und getretene Jugend im Hause des gewalttätigen Vaters ihr schließlich unbewußt verschmolz mit ihren jüdischen Eindrücken; in der Leere, in der Seelenlosigkeit dieser Eindrücke selbst, wie sie das assimilierte jüdische Bürgerhaus des beginnenden 19. Jahrhunderts seinen Kindern mitgab — da liegt die nimmer heilende Wunde, die diese leicht verletzliche Seele aus dem Elternhause mit ins Leben hinaus nahm und durch ihr ganzes Leben nicht verwand. Verletzung, schicksalhaft wiederholt, bestimmt das Grundverhältnis ihres Daseins zur Welt; und das Judentum wird ihr zum Symbol dieser Verwundungen. In ihr zuerst und ohne ihr selbst zur Klarheit zu gelangen, lebt das Grundgefühl des entwurzelten Juden in deutscher Umwel, das uns gleichzeitig, durch die Produktivität einer dichterischen Natur geläutert, bei Heinrich Heine entgegentritt. — Zugleich aber auch hat Rahel teil — worauf Susman sehr scharfsichtig hinweist — am uralten jüdischen Welterlebnis, das der schweren Welt seines Ursprungs verhaftet nach großartigem Gesetz mit unermüdlichem Wahrheitsoptimismus sucht. Die Welt dieser jüdischen Seele ist nicht die schwebende Selbstsicherheit einer Caroline Schlegel, sondern — wie bei Dorothea — die schrankenlose Hingabe an ein absolutes und außerweltliches Ideal. „Wurzel wird Wipfel" — in diesem Worte hat Rahel selbst den Grundschmerz ihres Daseins ausgesprochen; wer erkennt nicht hier die Grundbedingnug der jüdischen Tragödie in der Heimatlosigkeit der jüdischen Seele? — Erst ganz a lmählich beginnt auch Rahel in dem Zufall ihrer Geburt ihr Schicksal zu erkennen und zuletzt — anzuerkennen. Stolz aus die Gemeinschaft, deren sie sich erst schämte, Aufstachelung durch die Judenfeindschaft der Nachkriegszeit — auch damals loderte nach beendigtem Weltkriege die Judenfeindschaft eines Rühs und Fries hell auf; endlich am Ende ihres Lebens ihre versöhnten Worte über ihre jüdische Geburt, die Susman vielleicht nicht ganz auswerten konnte. Wenn sie zuletzt so schlicht zu Gott findet wie ein müdes Kind nach Hause, so ist es nicht der „sanfte erbarmende romantisierte Gott", der iihr vorschwebt, sondern der Gott des Friedens wie ihn ihre Väter kannten. Atheisten? — Es gibt keinen Atheisten! sagt das bekannte Wort. — Es gibt auch keine abtrünnigen Juden, so scheint es, wenn man die Seelengeschichte dieser romantischen Jüdinnen betrachtet. Einmal kehren sie alle zurück. Bertha Badt-Strauß. Die luden im bayerischen llnlerricktswesen Die Stellung des jüdischen Volksteils im bayerischen Unterrichtswefen wird durch feine allgemeine soziale Struktur bestimmt. Infolge des Überwiegens kaufmännischer und freier Berufe im bayerischen wie im gesamten deutschen Judentum* erscheint dementsprechend die Frequenz der höheren Schulen wie der Hochschulen bei den Juden BayßrischßV ßrßinsbank Kredit- und Hypothekßnbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins Sicherheit und hohen Zins gewährleisten unsere Gold-Pfandbrißfß Bank-Sparbüchßr verhältnismäßig hoch. Andererseits ist die Frequenz der unteren Lehranstalten verhältnismäßig gering, wozu neben häufigem Übertritt aus der Volksschule in die höhere Schule auch die geringe Nachwuchskraft der Juden beiträgt-. Die im neuen Werk des Bayerischen Statistischen Landesamts „Das Schulwesen in Bayern", Heft 118 der Beiträge zur Statistik Bayerns2 zusammengefaßten Nachweisungen geben darüber näheren Aufschluß. Bei einem Bevölkerungsanteil der Juden von 0,7 Prozent (1925) stellte sich 1926/27 der Anteil der jüdischen Lehrer und Schüler in den Volksschulen nur auf 0,2 Prozent. Auch die jüdischen Volksschulen, soweit sie von der irdischen Glaubensgemeinde unterhalten werden, machen nur 0,3 Prozent sämtlicher Volksschulen aus. Dabei ist im Vergleich zur früheren schulstatistischen Erhebung von 1921/22 noch ein erheblicher Rückgang zu verzeichnen: 1926/27 1921/22 Abnahme 1921/22—1926/27 absolut % Schulen 26 57 31 54 4 Lehrkräfte 36 73 37 50,7 Schüler 1862 3181 1319 41,5 Ebenso ist in den Fortbildung swie bei den Berufsfortbildungsschulen das jüdische Element mit geringen Quoten vertreten. Von den Fortbildungsschulen wurden 0,2 Prozent von jüdischer Seite unterhalten, von den Fortbildungsschülern waren 0,1 Prozent jüdischen Bekenntnisses: Bei den Berufsfortbildungsschulen betrug der jüdische Anteil hinsichtlich der Lehrer 0,2 Prozent, hinsichtlich der Schüler 0,4 Prozent. Die Entwicklung gegenüber 1921/22 nahm folgenden.Verlauf: 1926/27 1921/22 Abnahme 1921/22—6926/27 absolut % Fortbildungsschulen Schulen 13 37 24 64,9 Schüler 194 305 111 36,4 Verussfortbildungsfchulen Schüler 392 452 60 13,3 1 Vgl. „Berufsgliederung der Juden in Bayern" in dieser Zeitung 1930, Seite 53/55. 2 Vgl. „Nachwuchsverhältnisse der jüdischen Familien in Bayern" in dieser Zeitung 1930, Seite 104/105. 3 Besprochen in dieser Zeitung 1930, Nr. 16, Seite 257.