Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 21 (1.11.1930)
- Article
- Dorothea Mendelssohn und Rahel Levin
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 299 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 331: chung hellsichtiger wurden auch für manches religiöse Suchen der Vergangenheit, lehrten sie manches Dunkel zu durchdringen. Vielleicht daß nicht jeder ihrer Leser die Wege, die sie ihn führt, bis zum Ende wird mitgehen wollen; auf jeden .Fall verspricht es gerade uns reichen Lohn, dieser klugen Führerin ein Stück zu folgen. Gerade uns; denn unsere Sprache wird hier gesprochen, unser Schicksal wird hier verhandelt. Und wie unser großer Lehrer Rabbi Meir einst trotz des Widerspruches seiner ganzen Stadt nicht aus die Unterweisung des Ketzers Elischa den Äbuja verzichten wollte, so haben auch wir, wie mir scheint, von diesen beiden abtrünnigen Jüdinnen, von Dorothea Mendelssohn und Rahel Levin in diesem neuen Spiegelbilde manches zu lernen, das vielleicht befruchtend in unser jüdisches Erdreich sich einsenken wird. Als der große Philosoph und größere Mensch Mendelssohn in seinen letzten Lebensjahren in den Morgenstunden, die allein ihm sein geschwächter Körper noch zur philosophischen Arbeit frei gab, in seinem schmucklosen Arbeitszimmer einen Kreis von Schülern und Schülerinnen um sich versammelte, da war unter ihnen auch seine älteste Tochter Dorothea, damals noch Brendel genannt, und ihr späterer Gatte der junge Kaufmann Simon Veit. Bekannt ists wie glücklos die Ehe mit dem überall — auch von Margarete Susman — unterschätzten Manne trotz des philosophischen Gleichklangs Dorothea ließ; bekannt, wie sie — freilich erst nach des Vaters Tode — dem Zauber des jungen romantischen Propheten Friedrich Schlegel anheimfiel, Mann und Kinder verließ und dem neuen Gotte als demütige Dienerin durch alle Wechselfälle und durch allen Glaubenswandel hindurch mit unwandelbarer, wenn auch ihm nicht allzu heilsamer Treue folgte. Es ist das Verdienst Margarete Susmans, das Phänomen dieser in aller Untreue treuen Frauennatur aus den zwei Ursprüngen ihres Seins erklärt zu haben: aus ihrer Herkunft als Tochter Mendelssohns, „die ein Schicksal für sich bildete", und aus der jüdischen Absolutheit ihrer Natur, die ihr wie Schlegel es faßte, die Fähigkeit verbürgte, „in Einem zu leben und über Einem alles zu vergessen". — „Geistliche" nennt Schlegel solche Naturen wie Hardenberg, Dorothea und sich selbst im Gegensatz zu den Weltkindern Caroline und Wilhelm Schlegel. Es scheint mir, als ob man gerade in diesem, wie der Freund es nennt, geistlichen Zuge ihrer Natur schon deutlicher als es Susman tut Spuren des jüdischen Vätererbes in Dorothea erkennen könnte. Für den einen Gott, dem sie entsagte, tauscht sie — keinen Liebsten, vielmehr einen neuen Gott ein; und ist ihm nun so bedingungslos untertan wie nur je ihre Väter dem Gebote des Höchsten. So wird ihr Schicksal nicht nur ein „weibliches" wie Susman will und wie es gewiß der herrschenden Meinung entspricht; gerade darin liegt die historische Dissonanz dieser Gestalt, daß Dorothea Schlegel, nach deren Bilde Friedrich Schlegel und Schleiermacher sich ihre Gedanken über die neue selbständige Weiblichkeit der romantischen Frau geformt hatten — sie, die „es sich gelüsten ließ nach der Männer Weisheit Ruhm und Ehre", wie Schleiermachers Katechismus für edle Frauen es formulierte, allmählich wieder zu Dorothea Mendelssohn wurde — wenn auch das goldene Kreuzchen auf ihrer Brust in ihrem letzten Bilde die Züge der alten Jrckienfrau, die sie wieder geworden ist, noch so sehr Lügen strafen will. Und hier ists, wo — am Anfang und am Ende ihres Lebens — das Vaterhaus, das Haus Moses Mendelssohns, in ihrem Leben seine Rolle spielt. Es scheint, als ob die Gestalt des Vaters, Moses Mendelssohns, scheinbar so klare, und doch im Grunde schwer verstehbare, darum noch heut umstrittene Gestalt auch von M. Susman nicht ganz aufgefaht worden ist. „Moses Mendelssohn hatte... das Doppelschicksal des deutschen Judentums besiegelt. Ihm selbst gelang für seine Person noch die Versöhnung von deutschem und jüdischem Geiste... Obwohl er noch ganz an den alten Bräuchen festhielt und seine Kinder im jüdischen Glauben erzog, war doch schon das Judentum Mendelssohns im Grunde eine reine Vernunftreligion, in dem die tiefverpflichtende geschichtliche Basis sich aufgelöst hatte. Der nahe Freund Lessings... war gewiß mehr Deutscher als Jude... So erscheint es von allen Seiten her als begreiflich, ja als logisch notwendig, daß unter den Enkeln Mendelssohns kein Jude mehr war." (a. a. O. S. 62, 63.) Ein trotz manches richtig gesehenen Zuges im Tiefften doch verzeichnetes Bild in diesem sonst so feinfühligen Buche. Gewiß — es gab eine kurze-Spanne Zeit in Mendelssohns Leben, da schien ihm das messianische Reich der Vernunft hart vor den Toren, da Glaubensfreiheit und Denkfreiheit einem jeden gewährt werden sollten; es waren jene Tage, da die Freundschaft und Arbeitsvereinigung mit Lessing und Nicolai sein Leben beherrschte. Aber auch in jenen kurzen Stunden hat er nicht so sehr als Deutscher wie eben als Jude diesem messianischen Traume sich hingegeben. — Wir wissen genau, wann jener glückliche Traum zu Ende war: als Lavater ihn aufforderte, Bonnet zu widerlegen oder zu tun was Sokrates an seiner Stelle getan hätte, wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte. Es ist, wie es scheinen könnte, in den Tagen des verflossenen Mendelssohn-Jubiläums, an dem sich ja auch M. Susman in lebendigem Worte beteiligt hat, fast allzu oft gesagt worden; dennoch muß es hier, wie gerade diese Darstellung z^igt, wiederholt werden: von diesem Tage an wird der Kampf für das Judentum zum Schicksal dieses Lebens eines jüdischen Philosophen. Nicht nur daß Bemühung um die jüdische Erziehung seiner Kinder sein Schaffen beeinflußt und die Bibelübersetzung zeittgt; eigene Gesundheit und Krankheit verknüpfen sich, wie gerade neuerer Forschung klar zu werden beginnt, unlöslich eng mit diesen Gedanken; ja — er stirbt in diesem Kampfe. Und zwar gilt es hier nicht nur dem Judentum als „reiner Dernunftreligion", in dem die tief verpflichtende geschichtliche Basis sich aufgelöst hatte"; hat doch gerade Mendelssohn in seinen letzten Werken und Briefen die streng verpflichtende historische Sendung des Judentums in viel umstrittener Formulierung selbst bis auf die Bräuche des religiösen Lebens ausgedehnt. Und niemals wird er so scharf in seinen Briefen als einmal, wo es sich um den Abfall der Töchter eines jüdischen Vaters vom angestammten Glauben handelt. Dennoch istunter seinen Enkeln kein Jude mehr... Immer wieder wird, wie kürzlich noch von Joseph Körner (Preuß. Jahrbücher 214, S. 167), der Grund dieser posthumen Tragödie in Mendelssohns Erscheinung in seinem Lebenswerke, seiner Schöpfung „dem doppelköpfigen Wechselbalg des deutschen Juden" (Körner) gesucht. Und doch liegt hier wenn irgenwo eine Erscheinung zutage, die weit über Werk und Wirkung des Einzellebens hinaus Kampf zwischen zwei Zeiten bedeutet. Gewiß, die „geliebte Gefährdung" von Judentum und Deutschtum — um ein Wort Franz Rosenzweigs zu gebrauchen — vererbte Mendelssohn seinen Kindern, wie er sie uns allen als eine unendliche Aufgabe vererbt hat. Aber dies Erbe geht nicht verloren, wenn auch die Generation seiner Kinder zu schwach war — gleich dem Vater war keins von ihnen eine „athletische Natur" — der heraufziehenden Zeit der Romantik sich entgegenzustemmen und dem Vater die Jdealgestalt des deutschen Juden nachzuleben. Margarete Susman hat diese tragische Entwicklung der Mendelssohns-Gestalt nicht verstanden; darum entgeht ihr auch die letzte überraschende Wendung in Dorotheas Seele; und ihre ttef in altem Vätererbe wurzelnde Begründung. Mitten unter den altersmüden weihrauchduftenden Verzichtgedanken ihrer Zeit- und Lebensgenossen finden sich plötzlich in den Briefen an Henriette Herz — auch Susman erwähnt die Stelle — Worte, die von „tapferer Heiterkeit" sprechen: „Jeder Tag ist... ein Kapital, das Du weder vergraben ^noch von Dir werfen darfst..." — Tätige, verantwortungsvolle jüdische Lebensauffassung der Mendelssohnzeit: hier spricbt nicht mehr Dorothea Schlegel, sondern — spät erklingt was früh erklang — wieder Dorothea Mendelssohn. Williger folgen wir Margarete Susmans ergebnisreichem Buche, wenn es sich um die Schilderung der problemattschen Gestalt in diesem Kreise romantischer Frauen handelt — um Rahel Levin. Vielleicht führte gerade hier innere Verwandtschaft die nachfühlende Feder. Gerade hier nämlich war für die Erkenntnis des jüdischen Problems in Rahels Erscheinung, die uns hier vorwiegend angeht, trotz mannigfacher Vorarbeiten doch eigentlich wenig getan. Spenles kenntnisreiche Biographie war, wie es dem Franzosen wohl anstand, vor allem dem Esprit und dem Salon Rahels gerecht geworden: Ellen Key hatte in ihrem gescheiten Buche offen zugegeben, daß sie Rahels tiefe Qual um das Schicksal ihrer jüdischen Geburt nicht verstand. Ricarda Huch hatte Rahel ursprünglich überhaupt nicht mehr im Kreise romantischer Genossen, den sie freilich manchmal überfliegt, bettachtet. Einiges von Rahels fee-