Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 20 (15.10.1930)
- Article
- Bibel und Dichtung
- Date
- 1930-10-15
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 315 „In meiner Seele blühen süß deine Blicke Und füllen sich, Wenn meine Augen in den Schlaf wandeln." Hedwig Caspar iS Gedichtbuch „Elohim"^" enthält Gesänge, die wesentlich anders geartet sind als die Dichtungen der LaSker-Schüler. Sie formt breite, hymnische Rhythmen, psalmodierend wachsen sie an und erheben sich zu ekstatischem Ausdruck. Eindringlich hämmert sie in uns ihre Bilder. „Wir sind der Augenblick, / Hingeworfen / Zwischen zwei Atemzüge der Ewigkeit / Uns gehört keine Zeit. / Unsere Verheißung verweht. / Im Sande der Wüste." („Wüstenwanderung".) Uriel Birnbaum schrieb mehrere Sammlungen biblischer Dichtungen. Er bedient sich, oft nahezu wörtlich, der Worte der Psalmen, ohne daß hierdurch das Persönliche leidet. Als Beispiel nennen wir das schöne Gedicht „Elija der Prophet"^. Hier ist nichts als ein Mensch gezeichnet, dahinter, wie eine riesige Kulisse, die biblische Landschaft, kein Geschehen — nur eine einzige Gestalt: „Ein Mensch, der langsam aufftand, langsam seine / Verwelkte Hand ins weiße Barthaar schlug." Aus dieser Gestalt spricht das Schicksal, ohne daß es auch nur mit einem Wort berichtet zu werden braucht, sie ist „ein Stein, von Gott zum Wurfe ausgenommen!" Es ist kein Zufall, daß dieses Gedicht ein Jude schrieb, der Dichter und Maler zugleich ist.!.J M Zu dieser Gruppe gehören schließlich noch Ludwig Strauß und Alfred Neumann. Von Strauß nennen wir „Schaul in Endor"^, ein Gedicht, welches das tragische Geschick des alten Königs erschütternd festhält — von Neumann einen Gesang „Daniel"^, der in seinen Rhythmen wie eine dichterisch belebte Chronik anmutet. Die biblischen Gedichte gläubiger Katholiken, wie die von Alexander Lernet-Holenia und Ruth Schaumann haben, ohne gegen die Stileinheit der Schrift zu verstoßen, eine eigene Note. Sie haben einen Hauch von Mystik und offenbaren zuweilen eine Stimmung, die, ganz verinnerlicht, sich vom Gegenständlichen abkehrt; sie sind, wenn wir das Wort mit Vorsicht gebrauchen, christlich. Aber doch fügen diese Dichter das biblische Bild mit einer so begnadeten Einfühlung, daß man ihre biblischen Gedichte, wenigstens teilweise, doch auch nicht als unjüdisch bezeichnen kann. Von Alexander Lernet-Holenia, der übrigens auch einen Einakter „Saul" geschrieben hat, liegt ein lyrischer ErftlingSband „Kanzonnair"" vor, der etwas wie eine nachge- 10 1920, Welt-Verlag, Berlin. 11 „Lyrische Dichtung deutscher Juden", 1920, Welt-Verlag, Berlin. 12 „Die Flut, des Jahr, der Weg". Gedichte, 1921. Welt-Verlag, Berlin. is „Neue Gedichte", 1920, Georg Müller, München. 14 1923, Insel-Verlag, Leipzig. schaffene Bibel ist. Wir finden darin fast alle biblischen Gestalten. Die zyklisch zusammengefaßten Gedichte führen von Adam zu Salomo und dann weiter ins Neue Testament. Lernets Sprache hat einen langen Atem, so als wäre all das, was er niederschreibt, nur ein Teil einer grandiosen Vision. Das kommt zuweilen seinen Gedichten nicht zugute; einige von ihnen sind geradezu unverständlich. Und doch sind solche wie „Adam", „Eva", „Segen Jakobs" oder „Mose betet für Iosuas Sieg über Amalek" nicht fortzudenken aus der Reihe biblischer Gedichte der Gegenwart. Ruth Schaumanns Gedichte kommen aus einer wunderbaren Meditation. Sie, die vielleicht die schönsten Gedichte der deutschen Frauen schreibt, sieht den biblischen Menschen als das naive Geschöpf Gottes in der ungebrochenen Urlandschaft. In dem Gedicht „Adam"^ finden wir diese Strophe: „Er aber wußte nichts, als daß er war, Und hob die Augen wie zwei schwanke Schritte Hin nach dem Himmel und des Gartens Mitte Und hing sie dunkel an ein Vogelpaar." Diese Dichterin besingt das biblische Idyll, nicht das äußere Geschehen ist von Belang, sondern die seelische Ausdeutung eines vom Finger Gottes verursachten Vorgangs. Visionär, ohne sich je in Ekstasen zu verlieren, schuf Ruth Schaumann das Muster für das moderne biblische Gedicht. — Es sei zuletzt noch auf zwei Gedichte verwiesen, welche die Anthologie „Junge deutsche Lyrik"^ enthält. (David Luschnat: „Sauls Tod"; Fritz Diettrich: „David spielt vor Saul".) Wir sehen hieraus, daß auch die jüngsten Lyriker das große Vorbild in der Bibel suchen. Aus diesen Hinweisen ist uns deutlich geworden, daß es ganz bestimmte biblische Gestalten sind, denen sich die Dichter besonders gern zuwenden. Diese biblischen Helden sind Mensch gewordenen Symbole für das Menschliche schlechthin: Adam und Eva für Sünde und Sühnung, Ruth für die Liebe, David und Jonathan für die Freundschaft, Saul für die Eifersucht. Das zu allen Zeiten gleichbleibende Menschenschicksal bedingt die ewige Gültigkeit der Bibel. Daher sind dem Dichter die biblischen Menschen zuweilen nahe wie die Menschen seiner Zeit. So ist es nie das Ferne, Abgetane, was der Dichter in einem biblischen Gedicht behandelt, sondern das immer Gegenwärtige, das Wirkliche. Darum befruchtet die Bibel über ihre endgültige Form hinaus den Schaffenden. Die Variationen über die Themen der Schrift werden nicht aufhören zu tönen. Der biblische Gesang ist wie ein Kanon, der von den Lippen der Dichter durch die Jahrtausende getragen wird. 15 „Der Rebenhag", Gedichte, 1927, Kösel &. Pustet, München. 16 Herausgegeben von Otto Heuschele, 1928, Philipp Reclam jun., Leipzig. V k> D HAUS > MÜNCHEN DER Q U A L I 7 N. STARK & Cil Ä7S STOFFE i i KARLSPLATZ 5 KgN r» 'g=N <g=N 'g=x - NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11 1 r» rfBn r» i