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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-10-15 · 20 (15.10.1930) · p. Seite 314

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
20 (15.10.1930)
Article
Bibel und Dichtung
Date
1930-10-15
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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314 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 zu begrenzen, müssen wir uns hier auf die Dichtung allein beschränken, und von ihr auch können wir nur die Lyrik in den Kreis unserer Betrachtung ziehen. Es ist kein Zufall, daß gerade der Lyriker in besonderem Maße von den biblischen Motiven angezogen wird, ist doch die Bibel ein äußerst dichterisches Buch, und sind doch Teile der Psalmen und daS Hohelied unvergängliche gefühlslyrische Gebilde. Selbstverständlich ist es, daß Dichter verschiedener literarischer Strömungen auch verschieden auf das Vorbild der Bibel reagieren. Wenn wir aus unserem Jahrhundert die Richtungen der Dichtung heranziehen, so sehen wir, daß Klassiker oder Neuklassiker von der Schrift nicht sonderlich angezogen werden, weil Hellas die Sehnsucht dieser Dichter war, und weil ihre Liebe dem Menschen der Antike ungehärtet Auch die Expressionisten unter den Lyrikern fanden keine Nachbildungen eines biblischen Stoffes. Sie waren Revolutionäre der deutschen Sprache und die Vorboten der großen sozialen Umschichtung. Ihnen standen Zeitfragen zuhöchst, sie, die jede Tradition aus Prinzip negierten, kehrten sich nicht an das Vorbild der Bibel. Kurt Pint h u s, der Wortführer dieser Richtung, schreibt in der Einführung zu einer „Symphonie jüngster Dichtung^ im Jahre 1920: „In diesem Buch wendet sich bewußt der Mensch aus der Dämmerung der ihm aufgedrängten, ihn umschlingenden, verschlingenden Vergangenheit und Gegenwart in die erlösende Dämmerung einer Zukunft, die er selbst sich schafft." Diese Dichtung aber ist heute die jüngste nicht mehr. Seit Niederschrift dieses Programmsatzes ist ein Jahrzehnt vergangen. Zwischen 1920 und 1930 ist in der deutschen Lyrik die Tradition wieder zu ihrem Recht gekommen, und das Gedicht hat sich, wo es sich um reine Lyrik handelt, von den Zeitproblemen abgewandt und bewegt sich wieder in den überzeitlichen Bezirken der Kunst. Es ist einfacher und verinnerlichter geworden, es ist zur Form zurückgekehrt. Die junge Dichtung hat Ehrfurcht vor der Vergangenheit, und damit ist der Einfluß der Bibel wieder gewachsen und heute stärker denn je. Daß es immer große Lyriker gegeben hat, die abseits von Richtung und Mode schufen, braucht nicht eigens gesagt zu werden: so hört das Widerspiel, von dem wir oben sprachen, nie ganz auf, es ist nur verschieden in seiner Intensität. Wenn wir im folgenden versuchen, den Einfluß der Bibel auf die zeitgenössische Lyrik mit Beispielen zu belegen, so können infolge Raummangels nur einige wenige genannt werden. Daß es jene sind, die den Verfasser am nächsten standen, möge als natürlich verziehen werden. Wir nennen nur jene Dichter, die nicht allein einen biblischen Stoff im Gedicht verwendeten, sondern die diesen biblischen Stoff auch in einer der Bibel gemäßen Form gestalteten. Es kommt also in diesem Zusammenhang mehr auf das Wie denn auf das Was an: nur wo das in den Rhythmus des Gedichtes gebannte Bild dem Bilde der Bibel angepaßt ist; nur wo die Wertmelodie unserer Sprache der Melodik der Bibel annähernd angeglichen ist, können wir in unserem Sinne von einem biblischen Gedicht sprechen. Wir besitzen von dem leider zu früh verstorbenen Rainer Maria Rilke eine ganze Reihe von wunderbar schönen Bibelgedichten. Gerade Rilke vermochte es in besonderem Maße, die Seele anderer Völker zu erfassen, war doch sein Leben eine fortdauernde Reise. Seine Gedichte biblischen Inhalts zeichm fich dadurch aus, daß die Gestalten eines Elia, eines Saul, eines s Z. B. George und Hofmannsthal. 4 „Menschheitsdämmerung", 1920, Ernst Rowohlt, Berlin. Samuel, eines Ieremia zu einer seltenen Prägnanz des Bildes heraufbeschworen werden und eine Einfühlung verraten, wie sie später nicht oft mehr erreicht wurde. Ich nenne die „Klage um Jonathan", die „Tröstung des Elia", und jene Gedichte, die Saul und David besingend In der „Klage um Jonathan" finden wir vielleicht die schönste Verherrlichung der Freundesliebe, die in unserer Zeit geschaffen wurde. Von jenen Dichtern, welche um das Jahr 1890 geboren wurden, und die kurz vor dem Kriege die deutsche Lyrik revolutionierten, kommen für uns nur drei Namen in Betracht: Werfel, Heym und Becher. Es ist nur natürlich, daß es so wenige sind: wir sahen bereits, daß jene die Tradition negierenden Strömungen in der Dichtung auch von dem Born der Bibel fortführen müssen. Dennoch hat Johannes R. Becher in einem hymnischen Zyklus „Zion"° einen wundervollen biblischen Ausdruck gefunden. Er verherrlicht die Leidensgeschichte und das Heldentum des jüdischen Volkes. Mose und Hiob, Salomo» und Jeremias erscheinen in diesen ekstatischen Strophen. Es ist eine große biblische Sprachsymphonie. — In F r a n z Werfels „Gerichtstag"^ finden wir ein Gedicht, „Das Gebet Mosis". Die übermenschliche Gestalt des großen Führers wird von der Dichterhand hingeworfen, genau wie ihn die Bibel sieht: an der eigenen Stärke verzweifelnd und doch immer wieder das ermattete Volk auf Gottes Geheiß durch die Wüste treibend. Der innere Konflikt Moses, der ihn bis zu seinem Tode nicht verläßt, ist mit diesen Worten gezeichnet: „Ich kämpfe nach oben und nach unten. / Ich tobe auf einem Berg zwischen Dir und ihnen. / Ich bin nicht wohlgeneigt. Lache nie." Wir nennen hier noch Werfels „Absalon". - In den sonst in keiner Weise hierher gehörigen Gedichten des 1912 ertrunkenen, jungen Georg Heym finden wir einen „Simson"t In drei kleinen Strophen offenbart sich uns erschütternd die grauenhafte Einsamkeit des entkräfteten und geblendeten Riesen: „Er ist allein in dem riesigen Haus. / Und niemand ist da, der ihn hält." Wir zählen ferner einige Dichter auf, darunter zwei Frauen, deren Einstellung zur Bibel, da sie sich bewußt zum Judentum bekennen, eine besonders lebendige ist. Der jüdische Dichter wird natürlich viel bewußter als der nichtjüdische zum Vorbild der Bibel greifen. Seine Einfühlung wird eine besonders innige sein, ist doch in seiner Seele vielleicht noch ein Abglanz jenes biblischen Menschen wach, den er besingt. Die Gedichte Else LaSker-Schülers dürften den Lesern im allgemeinen bekannt sein. Ihre „Hebräischen Balladen"° sind zarte Variationen der biblischen Motive. Sie zeichnen sich aus durch eine weiche Innigkeit der Empfindung. Sie sind im besten Sinne jüdisch. „Balladen" ist nicht eigentlich die richtige Bezeichnung, „Melodien" wäre eine sinnvollere, denn diese Gedichte sind weder balladeske noch hymnische Gestaltungen des biblischen Stoffkreises: Gedichte wie „Boas", „Esther", „Jakob und Esau", „David und Jonathan" oder „Saul" muten fast wie Volkslieder an, ohne darum die biblische Note einzubüßen. Die Sprache ist schlicht, aber die Bilder zucken geradezu vor der Fülle ihrer Gesichte. Mutet es uns nicht wie Zeilen aus dem „Lied der Lieder" an, wenn Else Lasker-Schüler in dem Gedicht „Ruth" Worte formt wie: & „Neue Gedichte" I und II, 1902, Insel-Verlag, Leipzig. 6 1920, Kurt Wolfs, München. 7 1919, Kurt Wolfs, München. 8 „Dichtungen", 1922, Kurt Wolfs, München, o 1920, Paul Cassirer, Berlin.

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