Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 16 (15.8.1930)
- Article
- 50 Jahre jüdischer Lehrerverein für Bayern
- Date
- 1930-08-15
- Page
- Seite 249 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727900-2727916-2738468--06475-2738536- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 249 Wie die berufliche, so findet auch die wissenschaftliche Fortbildung rege Pflege; wertvolle Arbeit wird in den Vezirkskonferenzen geleistet, die feit einigen fahren bestehende Kantorenkommisson nimmt sich ihres Spezialgebietes mit vorbildlichem Eifer an. Zu den wichtigsten Punkten im Arbeitsprogramm des Vereins zählt die Erhaltung und Förderung der jüdischen Volksschule. Der Lehrerverein stand in dieser Frage im Gegensatz zu der politischdogmatischen Befangenheit weiter Kreise immer auf realpolitischem Boden. Eine kleine Schrift „Das Eine, was nottut" (Rockenhausen 1921) mit Beiträgen von Dr. Uhlselder, Dr. Bamberger, S. Dingselder und D. Rosenwald hat neuerdings von religiösen, pädagogischen und politischen Gesichtspunkten aus die Volksschulfrage klargelegt. Die größte Kraftentfaltung mußte für die soziale, materielle und rechtliche Hebung des Lehrerstandes aufgebracht werden. Geistiges Neuland war hier zu brechen und zu bearbeiten. Gedanken, die heute Allgemeingut geworden find, find zuerst im Schoße des Lehrervereins entstanden. Allerdings waren jahrzehntelange schwerste Kämpfe nötig, bis es gelungen ist, die begründeten Forderungen der Lehrerschaft zur Wirklichkeit werden zu lassen. Engherzige Anschauungen, mitunter auch allzu ängstliche Auslegung staatsgesetzlicher Bindungen hemmten den Erfolg. Zudem fehlte der Zusammenhang der Gemeinden — jede Gemeinde hatte wie ihren eigenen Minhag auch ihr eigenes Beamtenrecht oder besser gesagt: Unrecht — und das Verantwortlichkeitsbewußtsein für die Gesamtheit. Die von Dingfelder verfaßte und im Jahre 1908 erschienene „Denkschrift über die soziale Lage der israelitischen Lehrer, insbesondere der Religionslehrer Bayerns und Vorschläge zu deren Besserstellung" gibt ein deutliches Bild jener Tage. Die nächste Entwicklung zeigte aber auch nicht minder deutlich die Begrenztheit einer auf freiwilligen Leistungen aufgebauten Organisation. Der „Landesverein", so segensreich sein Wirken war, konnte die ihm gestellte große Aufgabe nicht meistern. Sie war erst durchführbar auf der Grundlage eines mit gesetzlichen Vollmachten ausgestatteten, alle Glaubensgenossen im Lande umfassenden Verbandes. Wenn auch die „Denkschrift" vorerst das erhoffte Ergebnis nicht zeitigte, so blieb sie doch nicht wirkungslos. Die jüdische wie die allgemeine Presse befaßten sich mit der Lage der jüdischen Lehrer, Staatsregierung und Landtag wendeten der Frage erhöhte Aufmerksamkeit zu. Verschiedene Artikel der „Bayerischen Lehrerzeitung" — J’accuse, Israelitisches Lehrerproletariat, Lage der israelitischen Lehrer in den bayerischen Landgemeinden — wurden von großen Blättern, so dem „Bayerischen Kurier", der „Frankfurter Zeitung", der „Augsburger Abendzeitung" u. a. übernommen, zunächst allerdings mit dem Erfolge, daß man in jüdischen Kreisen den Vorwurf erhob, durch das Vorgehen der Lehrer wurde die jüdische Gemeinschaft bloßgestellt. In führenden Persönlichkeiten drang indes die bessere Einsicht und der ernste Wille, den unhaltbaren Zuständen gegenüber Wandel zu schaffen, durch. Nach einem Referat von Dr. Neumeyer, dem eine ausführliche Anlage „Die israelitischen Klein- und Mittelgemeinden in Bayern und ihre Kultusbeamten", bearbeitet von Dingfelder, beigegeben war, hatten sich die Vertreter der Groß- und Mittelgemeinden auf eine Reihe grundlegender Leitsätze geeinigt. Günstige Aussichten waren so eröffnet — der Krieg unterbrach die verheißungsvoll eingesetzte Arbeit. Der Lehrerverein ließ auch in dieser Zeit die Frage der Organisation der bayerischen Kultusgemeinden zu einem offiziellen Verbände nicht aus dem Auge, die Mitgliederversammlungen von 1916 und 1918 befaßten sich erneut mit diesem Gegenstände. Noch im Februar 1920 wendet sich ein Ruf um „Hilfe" im Hamburger „Israelitischen Familienblatt" an die bayerische Judenheit mit der Aufforderung: „Schließt Euch zusammen, bildet einen Verband der bayerischen Kultusgemeinden, traget gemeinsam die Lasten zur Ausrechterhaltung der religiösen Institutionen des ganzen Landes! Schließt Euch zusammen auch aus anderen dringenden Gründen!" — im April 1920 wurde unter der zielsicheren, von einem warmen jüdischen Herzen getragenen Führung von Dr. Neumeyer der „Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden" geschaffen. In Ausführung der schon früher von Dr. Neumeyer ausgestellten Grundsätze begann alsbald die planmäßige Arbeit zur Hebung des jüdischen Beamtenstandes in Bayern, eine jahrzehntelange Frage wurde so endlich ihrer Lösung zugeführt. An dem Auf- und Ausbau des Verbandes hat die Lehrerschaft treu und. redlich mitgearbeitet. Die Lehrerschaft hat die Verbandsidee in die Gemeinden hinausgetragen und zu ihrer Festigung und Vertiefung wesentlich mitgeholfen. Manche Sonderwünsche haben Lehrer und Lehrerverein zurückdrängt, freudig haben sie sich in den Dienst der Gesamtheit gestellt. Nach langen Notahren konnte wissenschaftliches Streben wieder in den Vordergrund gerückt werden, Bildungs¬ und Fortbildungsfragen fanden vertiefte Behandlung. Wenn der Blick in die Zukunft trotzalledem nicht ungetrübt ist, so liegt die Ursache auf anderem Gebiete. Immer drohender erhebt sich das Gespenst wirtschaftlicher und politischer Sorgen, die Auswirkung auf Stellung und Verhältnisse der Beamten hat in mancher Beziehung schon eingesetzt. Dazu kommt der mehr und mehr fortschreitende Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Stadt und Land. Einst blühende Gemeinden sind zu Zwerggebilden herabgesunken. Am meisten gelitten haben die jüdischen Volksschulen. Noch in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es in Bayern etwa 120 solche Schulen, heute ist ihre Zahl aus 19 herabgesunken. Und doch darf der Pessimismus nicht die Oberhand gewinnen. Die neue Zeit steckt sich neue Ziele. Den Kollektivströmungen gegenüber wird sich die Einzelpersönlichkeit wieder durchsetzen, der Bildung und Erziehung des Einzelmenschen erhöhte Bedeutung zukommen. Vor allem das Judentum, will es sich nicht selbst aufgeben, muß einer erweiterten und vertieften jüdischen und religiösen Bildung das größte Interesse zuwenden. „Israels Wehr st and ist fein L e h r st a n d." Die Erhaltung eines tüchtigen, geistig hochstehenden Lehrerstandes wird auch in Zukunft eine der vornehmsten Aufgaben der jüdischen Gesamtheit bilden. vie Israelitische Lehrerbildungsanstalt dem jüdischen Lehrerverein in Vayern zur 6oldenen lubelkeier! Die Israelitische Lehrerbildungsanstalt Würzburg, die Stätte, an der wohl der Großteil der Mitglieder des IubelvereinS die grundlegende Berufsausbildung empfangen hat, entbietet allen Festteilnehmern herzlichen Willkommgruß und wünscht dem Vereine ferneres Wachstum, Blühen und Gedeihen. Weiß sie sich doch eins mit dem Lehrervereine in dem Bestreben nach allseitiger Förderung der einzelnen Lehrerpersönlichkeiten und Hebung des gesamten Lehrerftandes. Als vor zwei Jahren der Verein in Würzburg seine Jahresversammlung abhielt, stand die Frage der Lehrerbildung zur Beratung, ein Verhandlungsftoff, an dem die Lehrerbildungsanstalt naturgemäß ganz besonders beteiligt war. In der Aussprache wurde mehrfach hervorgehoben, wie dringend notwendig es erscheine, daß die Lehrerbildungsanstalt sowohl hinsichtlich der Schulräume wie des Schülerheims die beste moderne Ausgestaltung erfahre, wie nahezu unerläßlich hygienisch einwandfreie, ästhetisch befriedigende Aufenthalts-, Schlaf-, Studiersäle, Spielplätze, Gartenanlagen usw. seien; durch alle damaligen Darlegungen klang aber leise der Unterton der Resignation: „Fromme Wünsche werden's bleiben." Und heute? Wenige hundert Schritte von dem Saale unserer Fefttagung, draußen an der Göbelslehenftraße erhebt sich ein Ge- )