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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-08-15 · 16 (15.8.1930) · p. Seite 248

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
16 (15.8.1930)
Article
50 Jahre jüdischer Lehrerverein für Bayern
Date
1930-08-15
Page
Seite 248 (sequence 1)
Language
German
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248 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 50 Jahre Jüdischer Lehrerverein kür Ladern Von Hauptlehrer M. Rosenfeld (Münch en)- Die Bewegung, die in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die jüdische Lehrerschaft in Deutschland erfaßt und in verschiedenen Teilen des Reiches zur Gründung von Lehrervereinen geführt hatte, griff vor etwa 50 Jahren auch nach Bayern über. Hier hatte besonders der damals 24jährige Nathan Eschwege, Lehrer an der israelitischen Präparandenschu'le in Höchberg, vor allem unter den Junglehrern Unterfrankens dem Gedanken Eingang verschafft, „daß nur ein inniges Zusammenschließen die meist auf kleinen Landgemeinden zerstreuten, mit Rot kämpfenden, ganz aus sich selbst angewiesenen Glieder des israelitischen Lehrerstandes vor materiellem Verkommen und intellektueller Versumpfung bewahren könne". Nachdem durch diese stille, aber nachhaltige Tätigkeit der Boden, aus dem der jüdische Lehreroerein erwachsen sollte, geistig gelockert war, konnte der Schritt in die Öffentlichkeit gewagt werden. Dieser geschah durch ein am 20. September 1879 — dem Rüsttag des Neujahrfestes MIO — verschicktes Zirkular, in dem die jüdischen Lehrer Unterfrankens zu einer Besprechung behufs Gründung eines Vereins eingeladen wurden. Das in der Kürze und Dringlichkeit des Ausdrucks heute noch vorbildliche Zirkular war unterzeichnet von A. Blum (Würzburg), L. Ehrenreich (Kissingen), N. Eschwege (Höchberg), W. Neumann (Burgpreppach), I. Schlenker und M. Unna (W ü r z b u r g). Eschwege, von dem die Initiative ausgegangen war, hatte wohl von Anfang an den Zusammenschluß aller bayerischen Lehrer im Auge, es schien aber leichter, zunächst die Kollegen eines engeren Kreises zu einer Vereinigung zu bewegen, um dann den Verein auf das ganze Land auszudehnen. Der Weckruf hatte ein freudiges Echo gefunden; 39 unterfränkische Lehrer traten am 6. Oktober 1879 in Würzburg zusammen, einmütig gewillt, den geplanten Verein zu gründen. Die Einberufer hatten bereits einen Statutenentwurf ausgearbeitet, der in seinen wesentlichen Bestimmungen die Billigung der von hoher Begeisterung erfüllten Teilnehmer fand. Am 1-3. Dezember 1879 folgte dann die konstituierende Versammlung. Die inzwischen überprüften und im „Israelitischen Boten" veröffenllichten Statuten wurden einstimmig angenommen, mit 72 ordentlichen und 8 außerordentlichen Mitgliedern war der Verein ins Leben getreten. Im Gegensatz zum ersten Satzungsentwurf blieb der Verein nicht auf Unterftanken beschränkt, seine Tätigkeit sollte sich auch auf die beiden ftänkischen Nachbarkreise erstrecken. Er erhielt den Namen „Israelitischer Lehrerverein für die drei ftänkischen Kreise Bayerns" (nun ' p' invi min). Damit war der Grundstein für den jüdischen Lehrerverein, wie er sich jetzt nennt, gelegt; der Gemeinschaftswille war geweckt, die jüdische Lehrerschaft zum Bewußtsein ihrer selbst gekommen. Am 15. Januar 1880 wurden die Statuten der Regierung von Unterfranken vorgelegt, am 21. des Monats die nachgesuchte Genehmigung erteilt und den jüdischen Elementar- und Religionslehrern in Unterfranken die dienstpolizeiliche Erlaubnis zur Mitgliedschaft bewilligt. Die Lehrer der anderen Kreise hatten diese Erlaubnis nach dem damals geltenden Vereinsgesetz bei ihren Vorgesetzten Dienstesstellen zu erholen. Ab 1. Januar 1884 wurde der Verein unter dem Namen „Jsraelittfcher Lehreroerein für das Königreich Bayern" auf das ganze Land ausgedehnt. Als 1. Vorsitzender wurde Ludwig Stern (Würzburg) gewählt, der auch die vorbereitende Versammlung geleitet hatte. Die Kassenführung übernahm zunächst Privatier L.- Benarioin Würzburg. Er legte sein Amt nach dreijähriger Tätigkeit nieder; an seine Stelle trat Dr. Braunschweiger (Würzburg), der von 1883 an bis zu seinem im Jahre 1913 erfolgten Tode das Kassen- und Rechnungswesen des Vereins leitete. Nathan Eschwege wurde Schriftführer, als Beisitzer traten I. Freudenberger (Heidin g s f e l d), I. Klein (Veitshöchheim), A. Oppenheimer (T Heilheim) und E. Roos (Wern eck) in die Verwaltung ein. Ludwig Stern bekleidete den Posten des 1. Vorsitzenden bis zum Jahre 1887. Ihm folgten in diesem Amte: Isaak Schlenker 1887—1893 Hirsch Goldstein 1893—1913 Aron Mandelbaum 1913—1920 Simon Dingfelder 1920—1928 Nach dem frühzeitigen Heimgang Dingfelders wurde Verfasser dieser Zeilen zum Vereinsvorsitzenden gewählt. Als Aufgabe des Vereins bestimmt das erste Statut: Die Vertretung des israelitischen Lehrerstandes nach außen; die Unterstützung dienstunfähiger, unterstützungsbedürftiger ordentlicher Mitglieder, insbesondere der Hinterbliebenen aller ordentlichen Mitglieder des Vereins; kollegialische Besprechung der inneren Angelegenheiten des israelitischen Lehrerstandes und der israelitischen Schule. In den abgeänderten Satzungen vom Jahre 1898 wird der Vereinszweck in drei Punkten zusammengefaßt: Förderung des israelitischen Religionsschulwesens, Kräftigung des israelitischen Lehrerstandes, Unterstützung dienstunfähiger Mitglieder und der Hinterbliebenen ordentlicher Mitglieder, während in den im Vorjahre beschlossenen Satzungen diese Fassung gewählt wurde: Der Verein erstrebt die Zusammenfassung der jüdischen Lehrer Bayerns zwecks Förderung des jüdischen Schulwesens, geistiger Hebung des jüdischen Lehrerstandes wie gemeinsamer Vertretung der rechtlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten seiner Mitglieder. Die Entwicklungslinie ist durch diese Gegenüberstellung deutlich markiert. Bei der traurigen, ja beschämenden Lage der dienstunfähig gewordenen Lehrer, der Lehrerwitwen und Waisen war es klar, daß aus der Reihe der gestellten Aufgaben in erster Linie das Unterstützungswerk in Angriff genommen werden mußte. In kurzer Zeit wurde ein Fonds angesammelt und mit diesem eine öffentliche Wohltätigkeitsstiftung begründet. Die Stiftung, durch Entschließung vom 25. Dezember 1885 landesherrlich bestätigt, erhielt den Namen „Unterstützungsstiftung des Israelitischen Lehrervereins für Bayern"; ihr Grundvermögen betrug 9099.24 M. Dieser Selbsthilfeakt fand berechtigtes Aufsehen, sein tatkräftiges Vorgehen verschaffte dem Verein Anerkennung und Förderung namentlich der staatlichen Stellen, freilich zunächst nur in ideeller Hinsicht. Allmählich wurde auch die jüdische Öffentlichkeit ausgerüttelt; das jüdische Herz, das sich gerne der Wohltätigkeit erschließt und diese auch da übt, wo das Gewissen eine Pflicht vorschreibt, blieb nicht ungerührt. Schon 1883 konnten die ersten Unterstützungen verteilt werden; 4 Witwen, 2 Doppelwaisen und 5 einfache Waisen erhielten zusammen eine Jahresbeihilfe von 312.50 M. 1918 dagegen wurden über 19 000 M. an Witwen, Waisen und dienstunfähige Lehrer verteilt. Durch wiederholte Eingaben hatte der Verein im Jahre 1902 einen Zuschuß aus Staatsmitteln zu seiner Unterstützungskasse erwirkt, ein Vorgang, der nicht nur materiell, sondern mehr noch ideell von Bedeutung war. Die Inflation hat die Unterftützungsstiftung vernichtet, an ihre Stelle ist eine Hilfskasse mit besonderer Aufgabe getreten. Nicht erloschen sind aber der soziale Sinn und die brüderliche Hilfsbereitschaft der jüdischen Lehrer. Den Anforderungen und Bedürfnissen der Gegenwart im Geiste der neuen Zeit gerecht zu werden, ist nun das Ziel. Neue Wege sind schon ausgezeigt, die anläßlich der bevorstehenden Jubelfeier ins Leben tretende „Jubiläumsstiftung" soll diesem Wollen und Streben sichtbaren Ausdruck verleihen. Wenn auch die Wohlfahrtseinrichtungen des Vereins sich stets besonderer Fürsorge erfreuten, so wurde die Vereinstätigkeit keineswegs durch sie erschöpft. Es verdient nicht nur historisches, sondern aktuelles Interesse, mit welchem Schwung, wenn auch schließlich ohne positives Ergebnis, der junge Verein die damals auch in anderen jüdischen Lehrervereinen als vordringlich behandelte Frage — Schaffung eines allgemeinen Lehrplans für den jüdischen Religionsunterricht — in Angriff nahm. Die Frage steht heute, wiewohl noch mehrmals, auch neuerdings wieder ausgenommen, noch auf demselben Punkte wie einst. Eine Fülle von Referaten wurde auf den alljährlichen Mitgliederversammlungen erstattet und wenn manche Themen, vielleicht in etwas geänderter Fassung, öfters wiederkehren, so liegt die Ursache nicht etwa in der Begrenzung des Stoffgebietes, die wiederholte Behandlung ist vielmehr ein Ausdruck des Bestrebens, der Entwicklung des allgemein-pädagogischen Lebens auch auf dem Sondergebiete des Religionsunterrichts, ohne darüber die ihm innewohnende Eigengesetzlichkeit zu vergessen, Rechnung zu tragen. Besondere Sorgfalt wurde dem hebräischen Unterricht und seiner methodischen Ausgestaltung zugewendet. Und wenn heute auch.in diesem Unterrichtszweig ein erfreulicher Fortschritt festgestellt werden kann, wenn überhaupt der jüdische Religionsunterricht in der Neuzeit methodisch und pädagogisch bereichert und gehoben wurde, so darf sich die Lehrerschaft den Hauptanteil an diesem für das jüdische Leben bedeutsamen Ergebnis zuschreibsn.

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