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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-08-01 · 15 (1.8.1930) · p. Seite 237

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
15 (1.8.1930)
Article
Alte jüdische Kunst
Date
1930-08-01
Page
Seite 237 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 237 Die kleine Ausstellung an der Prannerftraße hat kein Besucher verlassen, ohne einen Schatz neuen KunftwissenS mitzunehmen. Er wird jetzt manches mit wissenden Augen ansehen, dessen Sinn ihm bis dahin verborgen war. Besonderer Dank aber gebührt denen, die mit vieler Mühe und Arbeit die meist zerstreuten Werke zusammengesucht und zugängig gemacht haben. Besonders wertvoll war die Arbeit von Herrn Theo Harburger, der mit peinlicher Genauigkeit den Katalog verfaßt hat und die Ausstellung mit seinem Gefühl durchgeführt hat. Denn diese kleine Ausstellung jüdischer Kunst gab mehr als man erwartet hat und gab es in großzügiger und vorbildlicher Weise. 5lus der Gefcbicbte der Juden in Deutschland vor 400 Jahren i. Was hat die 400-Iahrfeier der Eonksssio Augustana uns Juden zu sagen? Von Bezirksrabbiner Dr. Ernst Jacob (Augsburg) 1530—1930, diese beiden Jahreszahlen beherrschen in diesem Sommer das Leben der Stadt Augsburg, die mit Ausstellungen, Festspielen, Kongressen und vielem anderen den 400. Jahrestag der Augsburger Konfession, des Beginns der' Reformation, begeht. Hat dieses Jahr 1530 auch uns Juden etwas zu bedeuten? Es ist wenig bekannt, daß auf dem Reichstag, der in jenem Jahr in Augsburg gehalten wurde, die Judenfrage eine große Rolle gespielt hat. Damals waren die Judenverfolgungen des Mittelalters auf dem Höhepunkt angekommen. Drei Jahrunderte des Schreckens lagen hinter der Judenheit, in denen kein Jahr ohne Vertreibungen, Ausplünderungen und Pogromen vergangen war. In Bayern waren kurz vorher die letzten größeren Gemeinden vernichtet worden. 1499 waren die Juden aus Nürnberg, 1519 aus Regensburg vertrieben worden. Die Juden, die damals wie heute ein Volk des Geistes waren, durften ihr Brot nur noch als verachtete Trödler und Geldleiher verdienen. Aber ihre Häuser und Gemeinden waren Stätten inniger und innerlicher Frömmigkeit. Gerade die Verfolgungen führten zu. einer Blüte jüdischer Mystik, sie ließen den Glauben an falsche Messiüsse gedeihen; es war die Zeit David Reubenis und Salomo Molchos. Im Jahre 1530 stand man vor einem Kriege mit den Türken und die Befürchtung tauchte auf, die Juden würden die Christenheit an die Türken verraten. Man dachte deshalb daran, sie aus Gebieten zu vertreiben, die den Türken benachbart waren. Ferner wurde auf dem Reichstag allgemein über wirtschaftliche Übervorteilung durch die Juden geklagt. Die allgemeine Abneigung gegen die Juden wurde durch einen Täufling geschürt, Antonius Margaritha; dieser Sohn eines bedeutenden Rabbiners war im Jahre 1522 zum Christentum übergetreten: seitdem war er „hebrayischer Leser des Löblichen Rats der Stadt Augspurg". Er ließ am 16. März 1530 in Augsburg eine Schmähschrift gegen das Judentum drucken, die gleich nach wenigen Wochen eine zweite Auflage erlebte; darin wiederholte er die alten lügenhaften Vorwürfe gegen die Juden, daß sie Jesus lästerten, den Christen fluchten und sie von ihrem Glauben abtrünnig machen wollten. Aber die jüdische Sache fand auf dem Augsburger Reichstag einen guten Vertreter in der Person des Rabbi Josel von Rosheim, eines elfäsfifchen Juden, der sich sein Leben lang als Fürsprech der deutschen Judenheit betätigt hat. Mit ihm hat das Judentum zum ersten Male wirksam drohenden Verfolgungen vorzubeugen gesucht. Josel von Rosheim war ein Privatmann, der nur wegen seines Eifers und seiner Geschicklichkeit von den Juden und von den Behörden als Obmann der deutschen Judenheit anerkannt. Schon vor dem Reichstag hatte Josel den Kaiser in Innsbruck aufgesucht und bei ihm erreicht, daß er am 18. Mai die alten Privilegien zugunsten der Juden erneuerte. Josel erschien auch auf dem Reichstag und der Kaiser forderte ihn dort auf, mit dem Antonius Margaritha öffentlich zu disputieren. Die Disputation fand am 25. Juli statt und endete mit einem vollen Siege Josels. Margaritha wurde zunächst gefangen gesetzt und später aus der Stadt Augsburg ausgewiesen. Josel sah aber, daß man auch etwas gegen die Vorwürfe tun müsse, die auf wirtschaftlichem Gebiete gegen die Juden erhoben wurden; deshalb berief er einen Judentag nach Augsburg und stellte mit den Abgesandten vieler Gemeinden eine Satzung fest, welche in ihren zehn Artikeln den Mißbräuchen in Handel und Wandel Einhalt tun sollte. Die Gemeindevorsteher verpflichteten sich, z. B. darüber zu wachen, daß bei Geldgeschäften keine Wucherzinsen genommen würden, daß die Juden sich streng von Hehlerei fernhielten, daß sie Schulden nur mit Milde eintrieben. Diese Judenordnung schließt mit der Aufforderung an die Reichsstände, ihrerseits die Juden menschlich und freundlich zu behandeln, und mit dem pathetischen Ausruf: „Auch wir find Menschen, von Gott dem Allmächtigen geschaffen, um bei euch und mit euch zu wohnen und zu verkehren." Die Abfassung dieser Artikel zog sich in die Länge, so daß sie erst gleichzeitig mit dem Reichstagsabschied fertig wurden. Dieser nimmt deshalb auf sie keinen Bezug und enthält noch Klagen über Wuchergeschäfte von Juden und eine Aufforderung an die Obrigkeiten, die Juden am Wucher zu hindern und zu „ziemlicher Hantierung" anzuhalten. Jedenfalls hatte aber das Auftreten Josels den Erfolg, daß man von den neuen Plänen wider die Judenheit Abstand nahm und es bei den alten Beschränkungen bewenden ließ. Die Reformation selbst, die von Augsburg ihren Lauf nahm, hat zunächst die Lage der Juden keineswegs gebessert. Die Reformatoren, Luther an der Spitze, gaben den Katholiken nichts an Judenfeindlichkeit nach und in den protestantischen Ländern sind die Juden in gleicher Erniedrigung gehalten worden wie in den andern; und doch hat die Reformation, wenn auch ungewollt, einen günstigen Einfluß auf die jüdische Geschichte ausgeübt. Sie hat die Kircheneinheit des Mittelalters gebrochen, sie hat die Notwendigkeit geschaffen, auch Andersgläubige zu dulden. Diese Duldung hat erst die französische Revolution auch auf Nichtchristen ausgedehnt. 2. Der jüdische Besucher auf der Augsburger Reformationsaussiellung Von Dr. Ludwig Mayer (Augsburg) Die gegenwärtig stattfindende Reformationsaus st ellung in Augsburg, die die Stadt Augsburg anläßlich des 400jährigen Gedenktages der Übergabe der Confessio Augustana auf dem Augsburger Reichstag von 1530 veranstaltet, wesst nicht den gewöhnlich solchen Ausstellungen anhaftenden unlebendigen, musealen Charakter auf. Der berühmte Goldene Saal und die vier Fürstenzimmer des imposanten, von Elias Holl erbauten Augsburger Rathauses sind neben den eigentlichen Ausstellungsgegenständen die lebendigen Zeugen einer reich bewegten Epoche der ehemals freien Reichsstadt und des heiligen römischen Reichs deusscher Nation. Was nun dem jüdischen Besucher der Augsburger Reformationsausstellung vollends lebhaftes Interesse abgewinnt, ist die Berücksichtigung des bedeutungsvollen jüdischen Elements im geistigen Leben der damaligen Zeit. Damit hat die Ausstellungsleitung zur Vollständigkeit des von ihr erstrebten Überblicks über Leben und Kultur der Reformationszeit wesentlich beigetragen, wofür ihr gerade der jüdische Besucher Dank wissen wird. Die Literatur des Reformationszeitalters zur Judenfrage ist unter der nicht ganz zutreffenden Bezeichnung „Die Juden im Mittelalter" zusammengefaßt. Hier sieht man Martin B ucers feindseliges Buch „Von den Jude"; das „Strey dt puechlyn" und die „Beschyimun g" (Verteidigung) Pfefferkorns, des Kölner Dominikaners und Hauptes der „Dunkelmänner", wider R e u ch l i n , den wahrhaften Humanisten; ferner ein weniger bekanntes Werk „Ein seltzam und wunderbarliches Gespräch von zweyen jüdischen Rabbinern, Rabbi Feydel und Senderlein" (1563).

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